Factoring zwischen Risikomanagement und Bilanzierung | KPMG | DE
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Factoring im Spannungsfeld zwischen Risikomanagement und Bilanzierung

Factoring zwischen Risikomanagement und Bilanzierung

Factoring als Instrument des Liquiditäts- und Kreditrisikomanagements ist seit langer Zeit bei vielen Unternehmen im Einsatz.

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Factoring als Instrument des Liquiditäts- und Kreditrisikomanagements ist seit langer Zeit bei vielen Unternehmen im Einsatz. Dennoch entstehen bei der Abbildung der Forderungsverkäufe nach internationaler Rechnungslegung immer wieder Fragen, welche vor allem die Klassifizierung und Bewertung betreffen. Durch die Einführung des neuen Finanzinstrumente-Standards zur Bilanzierung von Finanzinstrumenten IFRS 9 wird die Bilanzierung seit diesem Jahr zusätzlich erschwert und Unternehmen müssen ihre bestehenden Prozesse und Methoden auf den Prüfstand stellen. Wir stellen eine Auswahl von Fragestellungen aus der Praxis vor und legen dar, warum eine zentrale Überwachung von Forderungsverkaufstransaktionen sinnvoll ist.

Kreditrisikomanagement und Finanzierung im Tandem:

Zunächst ist eine allgemeine Einordnung und Definition des Forderungsverkaufs in das Kreditrisikomanagement hilfreich, wo gemeinhin vier Herangehensweisen unterschieden werden:

  1. Akzeptanz: Das Kreditausfallrisiko wird akzeptiert und es folgen keine Steuerungsmaßnahmen um dieses zu reduzieren, abzusichern oder zu transferieren.
  2. Minderung: Das Kreditausfallszenario wird entweder über eine klassische Kreditversicherung oder mittels Trade Finance-Instrumenten (Garantien, Akkreditive) abgesichert oder zumindest reduziert.
  3. Ausschluss: Im aktiven Debitoren- und Forderungsmanagement wird durch gezielte Maßnahmen das Eingehen von (zusätzlichen) Kreditausfallrisiken von vornherein vermieden (Vorauszahlung, Auftragssperre, Kreditlimitierung).
  4. Transfer: Das Kreditausfallrisiko wird an eine dritte Partei übertragen (Factoring, Forfaitierung, ABS).

Die allgemeine Wirkungsweise und damit auch die Vorteile von Factoring und ähnlicher Modelle sind weitestgehend bekannt, wobei in der Praxis eine Vielzahl an Ausgestaltungsmöglichkeiten bestehen. Grundidee ist die Übertragung von Forderungen aus Lieferungen und Leistungen eines Unternehmens an einen Forderungsankäufer. Im Gegenzug erhält das ankaufende Institut ein Entgelt für die Bereitstellung der sofortigen Liquidität und den Risikotransfer beziehungsweise behält einen Sicherheitsabschlag ein. Das verkaufende Unternehmen profitiert somit vom in der Regel reduzierten Kreditrisiko und dem beschleunigten Zahlungseingang, weil nicht auf die Einhaltung der gewährten Zahlungsziele an die Kunden geachtet werden muss. In der Praxis haben sich neben dem Verkauf einzelner Forderungen und Forderungsportfolios (zum Beispiel via Factoring) auch Verbriefungstransaktionen (zum Beispiel via Asset-Backed-Securities, kurz: ABS) etabliert, in deren Rahmen ein Pool an Forderungen an eine Zweckgesellschaft übertragen wird, welche sich wiederum über Wertpapieremissionen refinanziert.

Bilanzielle Aspekte beim Factoring:

Für die bilanzielle Abbildung der Forderungen in der internationalen Rechnungslegung (IFRS) sind folgende Anforderungen im Fokus:

Bilanzierungssachverhalt / Zeitpunkt Anforderung des IFRS 9
Initiale Erfassung und Folgebewertung der Kundenforderung (vor Verkauf) Prüfung der Zahlungsstrombedingung und Bestimmung des Geschäftsmodells (neu)
Ausbuchung der Kundenforderung (bei Verkauf oder Settlement) Beurteilung des Übergangs von Chancen und Risiken aus dem Verkauf (unverändert)

Die bilanzielle Abbildung der Verkaufstransaktion unter IFRS 9, das heißt die Kriterien zur Beurteilung der Chancen und Risiken, die beim Unternehmen verbleiben, wurden aus dem IAS 39 übernommen und werden insofern hier nicht vertieft. Wichtig zum weiteren Verständnis ist jedoch, dass es bei einer Übertragung der wesentlichen Chancen und Risiken an den Forderungskäufer zu einer bilanziellen Ausbuchung (Derecognition) der Forderung kommen kann. Die bilanzielle Optimierung des Working Capital stellt häufig auch ein wichtiges Ziel der Factoring-Programme dar. Verbleiben wesentliche Chancen und Risiken beim Unternehmen, wenn es also zum Beispiel das Ausfallrisiko weitestgehend behält, verbleibt auch die Forderung ganz oder zumindest anteilig in den Büchern. Des Weiteren ist bei Verbriefungstransaktionen eine etwaige Konsolidierung der Zweckgesellschaft nach IFRS 10 zu untersuchen.

Völlig neu geregelt wurde im IFRS 9 hierbei die Art und Weise, wie das Unternehmen die Klassifizierung und Bewertung von Forderungen zu bestimmen hat, worauf im weiteren Verlauf detaillierter eingegangen wird. Relevant ist dies auch für Forderungsverkäufe mit bilanziellem Abgang, da dieser Abgang in der Praxis meist nicht sofort eintritt.

Entscheidend für die Einstufung nach IFRS 9 ist neben den Charakteristiken der vertraglichen Zahlungsströme das Geschäftsmodell, nach welchem das Unternehmen die Forderungen steuert. Forderungen aus Lieferungen und Leistungen werden von Unternehmen primär mit der Zielsetzung gehalten, die vertraglichen Zahlungsströme zu vereinnahmen und sind somit regelmäßig dem Geschäftsmodell „Halten“ zuzuordnen. Dies ermöglicht eine Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten (unter der Annahme, dass die Zahlungsstrombedingung eingehalten wird, was bei einfachen Forderungen aus Lieferungen und Leistungen in der Praxis regelmäßig der Fall ist).

Werden Forderungen jedoch im Rahmen von Factoring oder ABS-Transaktionen veräußert und es kommt (später) zu einer bilanziellen Ausbuchung (Derecognition), ist das Geschäftsmodell nicht mehr (nur) die Vereinnahmung der vertraglichen Zahlungsströme bei Fälligkeit der Forderungen, da die Abtretung bzw. der Verkauf substanziell für die Steuerung ist. Forderungsverkäufen im Rahmen eines Factoring-Programms liegt also regelmäßig eine Liquiditätssteuerungsabsicht zugrunde, somit erscheint eine Zuordnung zum Geschäftsmodell „Halten“ nicht länger sachgerecht. Die Bewertung erfolgt in diesem Falle zum beizulegenden Zeitwert.

Es kann zudem notwendig sein, den Forderungsbestand auf unterschiedliche Subportfolien aufzuteilen, falls verschiedene Geschäftsmodelle zugrunde liegen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn das Factoring-Programm Forderungen nach bestimmten Kriterien wie Währung oder Rating auswählt. Die außerhalb des Programms verbleibenden Forderungen sind weiterhin dem Geschäftsmodell „Halten“ zuordenbar und zu fortgeführten Anschaffungskosten zu bilanzieren.

Falls ein Forderungsprogramm nicht zentral aufgelegt ist, sondern lediglich von einer Tochtergesellschaft betrieben wird, ist für Zwecke des Konzernabschlusses dennoch eine Bestimmung des Geschäftsmodells durch das „key management personell“ im Sinne des IAS 24 erforderlich. In Handelsbeziehungen mit Ländern wie China ist die Exportfinanzierung mittels Letter of Credit (L/C) Forfaiting und ähnlicher Strukturen sehr beliebt, weil es dem Exporteur durch den Forderungsverkauf (mit einem gewissen Abschlag) eine Up-Front-Bezahlung garantiert. Auch für solche Fälle, die bei internationalen Konzernen wesentliche Forderungsbestände betreffen können, muss genau beurteilt werden, welches Geschäftsmodell im Einzelnen vorliegt, um eine sachgerechte Klassifizierung der Finanzinstrumente im Abschluss sicherzustellen.

Fazit

Die Bilanzierung von Factoring und den zugrundeliegenden Forderungen ist unter dem IFRS 9 nicht einfacher geworden. Die entsprechenden Anforderungen sowie die Geschäftsmodellbestimmung sollten zentral vorgegeben und koordiniert werden, um die richtige Darstellung im IFRS-Konzernabschluss zu gewährleisten. Dies bedeutet in einem ersten Schritt die Herstellung konzernweiter Transparenz über entsprechende Programme und Verkaufsaktivitäten ­- auch wenn lokale Einheiten weitgehend selbständig agieren - und in einem zweiten Schritt die Aufstellung konsistenter Bilanzierungsvorgaben, -prozesse und -dokumentationen.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 85, Oktober 2018

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