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Das Ende des LIBOR

Das Ende des LIBOR

Frühzeitig Auswirkungen (er-)kennen und Maßnahmen ergreifen

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Durch jahrelange Manipulationen und Absprachen zwischen den beteiligten Banken sind die Referenzzinssätze LIBOR und EURIBOR in Misskredit geraten. Als Reaktion will die britische Finanzaufsichtsbehörde ab 2021 die Zinssätze nicht mehr durch tägliche Abfrage von Daten zu den Interbankenzinssätzen ermitteln. Sie sollen nun stattdessen auf Basis realer Transaktionen durch die Zentralbanken der jeweiligen Währungsräume errechnet werden. Zusätzlich müssen auf Basis der EU-Verordnung 2016/1011 die Ermittlungsverfahren für den EURIBOR und EONIA bis 2020 überarbeitet werden. Damit stehen nicht nur die Finanzwelt, sondern auch Corporates vor einer nicht zu unterschätzenden Umstellung.

Durch die deutliche Positionierung der britischen Finanzaufsichtsbehörde erreicht die seit 2014 laufende Reform ihr Ende im Jahr 2021. Der LIBOR und der EURIBOR sollen durch alternative risikolose Referenzzinssätze substituiert werden, deren Implementierung und Datenbasis derzeit in währungsspezifischen Arbeitsgruppen thematisiert werden (siehe Tabelle 1). Die hieraus resultierenden Umstellungseffekte haben bereits vorher Einfluss auf das Corporate Treasury und führen zu frühzeitigem Handlungsbedarf. 

Währung Risikoloser Zinssatz Arbeitsgruppe Datenbasis
Sterling (GBP) SONIA Bank of England Working Group Unbesicherter, bilateral gehandelter Tagesgeldsatz
EURO (EUR) ESTER Working Group on Euro Risk-Free Rates Täglich fällige, individuell, gehandelte Banktransaktionen
US-Dollar (USD) SOFR Alternative Reference Rates Committee Besicherter, transaktionsbasierter Tagesgeldsatz
Swiss Franc (CHF) SARON National Working Group on Swiss Franc Reference Rates Repo-Transaktionen in CHF im
 Interbankenmarkt
Japanese Yen (JPY) TONAR Japan Study Group on Risk Free Rates Unbesicherter, transaktionsbasierter Tagesgeldsatz

Tabelle 1: Übersicht der möglichen zukünftigen Referenzraten (RFR)

Die wesentliche Unterscheidung aktueller und zukünftiger Referenzraten (RFR) besteht aus folgenden drei Aspekten: 

  1. Im Gegensatz zum LIBOR werden zukünftig verschiedene Datenquellen für die jeweiligen währungsspezifischen Zinsraten gelten. Daraus resultieren verschiedene Veröffentlichungszeiten (wie beispielsweise SONIA 9 AM GMT und SARON 8.30 AM MET). 
  2. Der Tenor ist ein weiterer wesentlicher Unterschied der künftigen Referenzsätze. Während die aktuellen Zinsen für diverse Laufzeiten veröffentlicht werden, gibt es die neuen Referenzraten derzeit weitestgehend nur als Tagesgeldsatz. Weitere Tenore sind in den jeweiligen Arbeitsgruppen in Diskussion. 
  3. Die neuen Referenzraten unterscheiden sich im Grad ihrer Besicherung. Eine einheitliche Handhabe wie für den LIBOR wird daher nicht mehr möglich sein und eine währungsspezifische Betrachtung erfordern. Diese Änderungen werden sich auf verschiedene Unternehmensbereiche auswirken. 

Was sind die Auswirkungen auf die Unternehmen?

Der LIBOR/EURIBOR stellt eine gängige Referenzrate für die variable Verzinsung sowohl von originären als auch derivativen Verträgen dar, welche vielfach eine Laufzeit über das Jahr 2021 hinaus aufweisen. Der Wechsel der entsprechenden Referenzrate wird, für vor dem Jahr 2021 abgeschlossene Kontrakte, mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Veränderung des Marktwertes des zu Grunde liegenden Finanzinstrumentes mit sich bringen. Dies wird zum Beispiel bei freistehenden Derivaten zu ergebniswirksamen Wertveränderungen in der Gewinn- und Verlustrechnung führen.

Ebenfalls kann es Derivate im Hedge Accounting treffen, da bei diesen ein Effekt auf die Hedge Beziehungen unter IFRS 9 zu erwarten ist - welche sich auch in GuV- Effekten widerspiegeln kann. Die Umstellung der Referenzzinssätze hat demnach direkte und indirekte bilanzielle Auswirkungen sowie signifikanten Einfluss auf die gesamte Bewertungslandschaft und die dafür notwendige Kurvenwelt. 

In Abhängigkeit der künftig vorhandenen Tenore müssen insbesondere die tenorspezifischen Zinskurven neu modelliert oder grundlegend angepasst werden. Zudem basieren CCBS (Cross Currency Basis Swaps)-Quotierungen auf LIBOR-Sätzen und stellen daher künftig eine Herausforderung zur Bestimmung der währungsbasisadjustierten Zinskurven dar.

Auch bei originären Finanzinstrumenten ist durch die notwendige Umstellung eine Modifikation denkbar, welche sich in einer Veränderung der geplanten Cash-Flow Struktur sowie eine mögliche vorzeitige Realisierung der Transaktionskosten darstellen kann. Die Umstellung der Referenzzinssätze bedarf auch einer Anpassung der entsprechend zu Grunde liegenden Verträge, welche sowohl mit internen als auch mit externen Transaktionskosten verbunden sein wird.

Da die neuen Referenzraten aufgrund unterschiedlicher Datenbasen (siehe Tabelle 1) ökonomisch untereinander und zum LIBOR nicht äquivalent sind, ist auch das Risikomanagement grundlegend beeinflusst. Ökonomische Sicherungsbeziehungen müssen hinterfragt werden; Basisrisiken können entstehen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn das Sicherungs- und Grundgeschäft nicht zeitgleich auf die neuen RFRs umgestellt werden (können). Zudem können die Neuerungen auch zu operativen Risiken führen, sodass Mitarbeiter des Treasury‘s fachlich geschult und IT-Systeme an die neue Umgebung angepasst werden müssen.

Was ist aus Sicht eines Corporates nun zu tun? Die Auswirkungen der Umstellungen betreffen alle Unternehmen und bringen einen erheblichen zeitlichen und ressourcenbindenden Aufwand mit sich. Corporates sollten daher rechtzeitig tätig werden und im ersten Schritt eine Analyse der betroffenen Datenfelder durchführen, um anschließend konkrete Maßnahmen für die betroffenen Verträge, Prozesse und Systeme ableiten zu können. Dies gilt auch unabhängig davon, dass die neuen Regelungen noch nicht final und möglichweise weiteren Änderungen unterworfen sind. 

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 83, August 2018
Autor: Sebastian Gammisch, Manager, Finance Advisory, sgammisch@kpmg.com

 

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