Kontinuierlicher Intraday-Handel in der Energiebranche | KPMG | DE

Kontinuierlicher Intraday-Handel in der Energiebranche

Kontinuierlicher Intraday-Handel in der Energiebranche

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Seit Ende 2011 gibt es bereits die Möglichkeit, Strom viertelstundengenau im Intraday-Markt zu handeln. Nach nun fast sieben Jahren sind IT-Systeme und Geschäftsprozesse so ausgereift, dass vollautomatisiert gehandelt werden kann und der Kreativität bei der Entwicklung eigener Algorithmen fast keine Grenzen gesetzt sind.

Die Vorteile und Auswirkungen der Einführung des Intraday-Marktes haben sich schnell herauskristallisiert. So werden im Intraday-Markt Reaktionsmuster aus der Veränderung der Einspeisung der erneuerbaren Energien deutlich, die im Day-Ahead-Handel antizipiert und für eine strategische Positionierung genutzt werden können – selbstverständlich unter Einhaltung der Vorgaben aus dem Bilanzkreisvertrag. Zusätzlich sind durch die Möglichkeit, die Schwankungen des volatilen Solar- und Windstroms untertägig auszugleichen und somit Abweichungen bei der Lieferung zu reduzieren, die Mengen an aktivierter Regelenergie und somit die Ausgleichsenergiekosten über die Jahre stark gesunken.

Auf der anderen Seite stehen hierbei Unternehmen, die durch die Bereitstellung von Regelenergie Gewinn erwirtschaftet haben. Diese müssen sich nach neuen Geschäftsfeldern umschauen, denn die Aussicht ist eindeutig: Insbesondere der Minutenreserve-Markt wird durch die Reduzierung der Zeit zum Gate Closure (also bis wann die nächste 15-Minuten Einheit gehandelt werden kann) und die steigende Zahl an Marktteilnehmern noch weiter an Bedeutung verlieren. Der Verlust dieses Geschäftszweigs stellt für die meisten Unternehmen jedoch kein großes Problem dar, da meistens die Vorteile aus der Nutzung des Intraday-Marktes und den damit einhergehenden algorithmischen Handelssystemen überwiegen, wie die folgende Auflistung an beispielhaften Anwendungen verdeutlicht:

  • ­Markt-Arbitrage: Handel von Preisdifferenzen zwischen zwei verschiedenen Preiszonen, beispielsweise Kauf in Deutschland und unmittelbarer Verkauf in Österreich.­ 
  • Flexibilitätsvermarktung: Kontinuierlicher Handel durch Abgleich des Marktpreises mit den Grenzkosten. Stellt sich der Marktpreis (temporär) oberhalb der aktuellen Grenzkosten ein, wird weitere Leistung verkauft. Schwankt der Markt auf ein Preisniveau unterhalb der Grenzkosten, können zuvor verkaufte Mengen zurückgekauft und zur Erfüllung der Lieferverpflichtung genutzt werden. Diese Strategie wird von Kraftwerken genutzt.­ 
  • Speicher: Ermöglicht die Optimierung von Speicheranlagen durch den Verkauf der teureren gespeicherten Zeiteinheit (beispielsweise 55 Euro für 13:00-13:15 Uhr) und den unmittelbaren Kauf der gleichen Menge in einer günstigeren Zeiteinheit (beispielsweise 45 Euro für 20:30-20:45 Uhr), um die Energiemenge ausgeglichen zu halten. Die Strategie wird insbesondere für kontrollierbare Kraftwerke mit Speicher, wie Biogas- und Pumpspeicheranlagen, verwendet.

Natürlich können verschiedene Asset-Typen und Strategien kombiniert werden, um noch effizienter im Markt zu agieren. Hierbei gilt: Je mehr Asset-Typen, desto mehr Flexibilität, desto mehr Gewinnpotenzial. Beispielsweise können Pumpspeicher genutzt werden um die Hoch-/Rücklaufzeit eines Kohlekraftwerks auszugleichen und somit den Überschuss bzw. das Defizit in einzelnen 15-Minuten Intervallen zu vermeiden.

Um dies weitestgehend automatisiert zu ermöglichen, arbeiten IT-Systemanbieter in der Energiebranche mit Hochdruck an der Weiterentwicklung ihrer Kurzfristhandelssysteme. Denn auch sie haben bereits vor vielen Jahren den Trend zum algorithmischen Handel erkannt und sind bestrebt, möglichst viele Funktionalitäten und Handelsstrategien out-of-the-box anzubieten. Obwohl die Pioniere des Intraday-Handels – meist in Form von großen Energiehandelshäusern – sich vor einigen Jahren noch dazu entschieden haben, die Software selber In-House zu entwickeln, bietet es sich aufgrund des mittlerweile großen Funktionsumfangs und der einfacheren Integration in die eigene Systemlandschaft meistens an, eine erprobte Lösung vom Markt einzusetzen. Dadurch müssen zum Beispiel Schnittstellenaktualisierungen zu den Handelsplätzen nicht mehr einzeln umgesetzt werden und die Unternehmen können sich mehr auf ihre Kernkompetenz, die Entwicklung weiterer Handelsstrategien, konzentrieren. Auch wenn die IT-Systeme sich im Umfang einzelner Funktionalitäten unterscheiden, haben sie jedoch eines gemeinsam: Neben den vorgefertigten Strategien bieten sie die Möglichkeit, eigene Ideen mittels verschiedener Programmiersprachen, wie beispielsweise Java, Python oder R zu entwickeln und zu testen.

Ausblick

Um zu antizipieren, wie sich der Energiehandel in den nächsten Jahren entwickelt, lohnt sich ein Blick auf die Finanzbranche. Dort gehören Handelsalgorithmen, technische Chartanalyse und Hochfrequenzhandel seit vielen Jahren zum täglichen Brot. Auch wenn die Energiebranche mit der zusätzlichen Komponente der physischen Stromlieferung und somit höherer Komplexität fertig werden muss, gibt es viele Überschneidungen.

Zum einen ist eine steigende Beliebtheit für Tools zur technischen Chartanalyse zu erkennen. Diese bieten die Möglichkeit, Preisverläufe anhand von Graphen darzustellen und diese mit beliebigen vorgefertigten bzw. selbst programmierten Indikatoren und Handelsstrategien zu bereichern und zu testen. So können mit wenigen Mausklicks einfache Auswertungen gemacht oder komplette Handelsstrategien getestet werden, sei es zum spekulativen Handel oder als weitere Entscheidungsgrundlage für einen optimierten Ein- und Verkauf.

Des Weiteren stellt die Entwicklung der Digitalisierung und damit einhergehender Technologien eine spannende Perspektive für den Intraday-Handel dar. Die Anbindung bzw. Integration von künstlicher Intelligenz und Machine Learning Algorithmen an die Handelssysteme wird bereits von einigen Softwareanbietern in Zusammenarbeit mit Energiehändlern erforscht und bringt potenziell eine komplett neue Art von Algorithmen hervor. Zusätzlich werden steigende Rechenleistung und kostengünstigere „Supercomputer“ die Möglichkeit eröffnen, Echtzeit-Optimierungen im Intraday-Markt laufen zu lassen. Dies ist derzeit aufgrund des zu hohen Zeitaufwands zur Berechnung einzelner Optimierungen nicht möglich, da die Informationen im schnelllebigen Intraday-Markt meist bereits nach wenigen Sekunden veraltet sind und der Handel somit nicht mehr profitabel ist.

Zuletzt ist auch abzusehen, dass weitere Commodities, wie beispielsweise Gas, in Zukunft im kontinuierlichen Intraday-Markt mittels Kurzfristhandelssystem gehandelt werden können und das Handelsvolumen sowie die Anzahl der Orders weiter steigen werden. Auch wenn der Hochfrequenzhandel zurzeit noch durch Pönale bei Übersteigung des sehr konservativen „order to trade ratio“ (Verhältnis von Orders zu Handelsabschlüssen) eingedämmt wird, ist auch hier abzusehen, dass sich diese mit einer verbesserten IT- und Börseninfrastruktur noch stark erhöhen wird und so eine neue Art von hoch frequentierten Algorithmen entsteht.

Fazit

Auch wenn Handelsvolumen, IT-Systeme und Geschäftsprozesse noch nicht den Reifegrad der Finanzbranche erreichen, die Aufholjagd der Energiebranche ist in vollem Gange ist. Das beweist nicht nur die stetig steigende Anzahl an Marktteilnehmern, sondern auch die kontinuierliche Weiterentwicklung der IT-Systeme und Handelsinfrastruktur. Mit dem Cross-Border-Intraday (XBID) Projekt wird beispielsweise eine Plattform erschaffen, die es ermöglichen soll, Strom Intraday auch grenzübergreifend zwischen über 15 europäischen Ländern zu handeln. Projekte wie dieses und der obige Ausblick beweisen, dass weiterhin spannende Entwicklungen auf den Energiemarkt hinzukommen werden und dass es für Unternehmen in der Energiebranche diverse Chancen gibt, davon zu profitieren.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 80, Mai 2018
Autor: Robert Morys, Manager, Finance Advisory, rmorys@kpmg.com

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