Wieso? Weshalb? Warum? | KPMG | DE

Wieso? Weshalb? Warum?

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Wie finde ich die richtigen FinTechs für die richtigen Ziele im Treasury?

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Alles wird digital. Alles wird schneller, besser, günstiger. FinTechs erobern die (Finanz-)Welt. Und zwar jetzt. Sofort. Diesen Eindruck muss man gewinnen, wenn man die Fachpresse, Verbände, Twitter oder jede andere Form analoger oder digitaler Medien verfolgt. Und nicht selten äußern Treasurer ihr Unwohlsein darüber, dass sie noch nicht mit den angesagtesten FinTechs zusammenarbeiten wie scheinbar eine Reihe ihrer Kollegen. Das ist ein wenig wie „alle in meiner Klasse haben ein Ipad, nur ich nicht“.

Zunächst einmal: nicht jedes Softwareunternehmen, welches Lösungen für das Treasury anbietet, ist ein FinTech. Ohne hier zu tief in die Definition von Financial Technology (kurz FinTech) einzusteigen nur soviel: dies ist ein Sammelbegriff für technologisch weiterentwickelte Finanzinnovationen, die in neuen Finanzinstrumenten, -dienstleistungen oder -intermediären resultieren. Folgt man dieser Definition weiter, gelangt man über die Gestaltungsbereiche Sektor (zum Beispiel Banken, Versicherungen), Anwendungsbereich (zum Beispiel Bezahlen, Anlegen, Absichern) und Kundensegment (zum Beispiel Retail Banking, Corporate Banking) hin zur Interaktionsform (B2B, B2C, C2C) und der Positionierung (zum Beispiel als Bank oder Nicht-Bank).

FinTechs unterscheiden sich in ihrem Verhalten von etablierten Finanzdienstleistern insbesondere durch:

  • ­Schnelligkeit & Effizienz: FinTechs nutzen eine Reihe von Technologien (beispielsweise Echtzeit Updates, Mobile Connectivity), die den Zugang zu den Finanzdienstleistungen (-produkten) beschleunigen und verbessern­ 
  • Neue Business Modelle: FinTechs machen sich neue Marktbedingungen schneller zu Nutze und entwickeln auf dieser Basis neue Businessmodelle. Beispielsweise sind seit Veröffentlichung der PSD II einige FinTechs entstanden, die innovative Dienstleistungen im Payment Umfeld entwickelt haben.­ 
  • Agilität: FinTechs werden nicht durch Bestands-IT und/oder hohe Verwaltungskosten belastet und können dadurch ihre Dienstleistungen günstiger anbieten als traditionelle Finanzdienstleister.­ 
  • Transparenz: Im Gegensatz zu vielen Finanzdienstleistern setzen FinTechs auf die Transparenz ihrer Dienstleistungen (zum Beispiel Preisbildung von Optionspreisen).

FinTech Monopoly …

Das Winner-takes-it all-Prinzip der Internetökonomie gilt auch im Bereich der FinTechs. Wie anders ist es zu erklären, dass seit 2010 rund 100 Milliarden US-Dollar in die FinTechs investiert wurden, davon alleine rund 72 Milliarden US-Dollar seit 2015?

Alleine in Deutschland gibt es derzeit rund 300 aktive FinTechs. Schaut man sich diese in einer Übersicht nach Gestaltungsbereichen an, so wird deutlich, dass nicht alle überleben können und werden. Und hierbei sind noch nicht einmal die Global Player aus USA und Asien als Wettbewerber berücksichtigt, die nach der Maxime „the-winner-takes-it-all“ agieren. Beispiel gefällig? In wievielen Währungen macht Ihr Unternehmen heute Geschäft? Sind Sie bereit, noch einmal 100 Kryptowährungen hinzuzunehmen?

Vertrauen im Finanzsektor ist ein hohes Gut, das sich langsam entwickelt, bis es ein für Kunden akzeptables Niveau erreicht hat. Dementsprechend schwer ist es für FinTechs in Bereiche vorzustoßen, in denen Vertrauen insbesondere für Unternehmen einen hohen Stellenwert hat. Dies gilt daneben in besonderem Maße, wenn das FinTech (noch) nicht der Finanzmarktregulierung unterliegt. Hinzu kommt, dass der Kundenzugang für die Marge einen hohen Stellenwert hat, da bei einem direkten Zugang zum Endkunden keine weitere Parteien die Marge reduzieren. Privat- wie Unternehmenskunden zeigen insgesamt eine hohe Treue gegenüber ihrem Finanzdienstleister. Auch wenn die Karten im Kampf um den Kundenzugang unter PSD II neu gemischt werden, gilt für die allermeisten FinTechs „Incumbents that don’t seek to partner will die.” (Mike Sigal). Dies bedeutet wiederum, dass sich insbesondere Unternehmen sehr genau ansehen sollten, mit wem sie auf der Seite der Finanzdienstleister bzw. FinTechs zusammenarbeiten wollen.

Wo spielt die Musik?

Versuchen wir etwas Transparenz in das Dickicht zu bringen.

Bei allem Hype um Digitalisierung oder FinTechs gilt weiterhin die Grundregel: der Ertrag einer Investition sollte unter Berücksichtigung von Risikofaktoren höher als die Investition selbst sein.

Dies vorausgeschickt lohnt der Blick auf die Financial Supply Chain und die Beantwortung der Frage, in welchem Prozesschritt vom Trade Enablement (mit wem möchte ich auf welcher Basis, zu welchen Bedingungen Geschäft machen) über die Finanzierung bis hin zum Zahlungsverkehr durch die Nutzung eines Angebots eines FinTechs ein spezifischer Mehrwert erzielt werden kann? Wo können Durchlaufgeschwindigkeiten durch Prozessautomatisierung erhöht, Prozesskosten gesenkt, der sogenannte Middleman mit seinen Gebühren ausgeschaltet oder Transparenz und damit Wettbewerb hergestellt werden?

Jedem der Schritte der Financial Supply Chain oder Teilbereichen des technischen Backbones können dann entsprechende FinTechs zugeordnet werden, deren Nutzung einen entsprechend positiven Ertrag generiert.

Unter der Berücksichtigung der oben gemachten Aussage, dass sehr viele FinTechs ebenso schnell vom Markt verschwinden werden, wie sie gekommen sind, ist deren Integration in Systeme und Prozesse von besonderer Bedeutung. Der Aufwand und die zu erwartenden Wechselwirkungen mit anderen Prozessen und Systemen werden besonders dann relevant, wenn davon ausgegangen werden kann, dass das Rad nach relativ kurzer Zeit wieder zurückgedreht oder weiter entwickelt werden muss – entweder weil das FinTech verschwindet, die Ertragserwartungen nicht erfüllt oder ein neuer, besserer Wettbewerber die Bühne betreten hat. Dieses mögliche Scheitern gilt also nicht nur für die FinTechs sondern auch für deren Kunden. Ob Treasurer hierzu bereit sind?

FinTechs sind für das Treasury nicht per Definition sinnvoll, sondern die Nutzung von Lösungen, die durch FinTechs angeboten werden, müssen sich in das Zielsystem des Treasury einbetten lassen. Dieses Zielsystem kann in Abhängigkeit von der Unternehmensstruktur, des Homogenitätsgrads des Geschäftsmodells oder der Unternehmenssteuerung äußerst komplex sein und viele Parameter und Restriktionen enthalten. Eine der wichtigsten Restriktionen sind Ressourcen, finanziell und personell. Kann man bezüglich der finanziellen Restriktion noch diskutieren, ob diese nicht nach der oben genannten Formel der Wirtschaftlichkeit ohne Probleme aufgehoben werden könnte, ist dies bei der Personalkapazität nicht ohne weiteres möglich – auch nicht vollständig durch externe Ressourcen wie Berater!

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Bereiche, in denen FinTechs im engeren Sinn derzeit genutzt werden auch diejenigen sind, die ohnehin auf der Agenda des Treasury im Rahmen der digitalen Transformation stehen: Zahlungsverkehr, Währungsmanagement und Finanzierung. Während im Zahlungsverkehr die Prozess- und Transaktionskosten sowie Sicherheitsthemen im Vordergrund stehen, sind es im Währungsmanagement vor allem die Markttransparenz und der Wettbewerb und im Finanzierungsbereich die Eliminierung des Middlemans (hier der Bank).

Zum Schluss ein interessantes Beispiel, welches zeigt, dass es nicht nur darum geht, welche FinTechs sich wie und wohin entwickeln, sondern dass auch etablierte Dienstleister innovativ sind und sich dem Wettbewerb mit FinTechs stellen: Ripple versus SWIFT. War die Perspektive für Ripple als Dienstleister für Zahlungsverkehr in Echtzeit und insbesondere die Lösung des Problems der Nachverfolgbarkeit einer Cross-Border-Zahlung über Korrespondenzbanken hervorragend, so stellt sie sich nach der Einführung von SWIFT GPI wieder etwas anders dar. Der Abstand ist wieder kleiner geworden, wenngleich der technische Vorsprung von Ripple aufgrund der Blockchain Technologie bleibt. Wie das Rennen ausgeht? Vielleicht wie bei „erst schlugen sie sich, dann verliebten sie sich“. Hochzeit nicht ausgeschlossen. Wer weiß …

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 80, Mai 2018
Autor: Carsten Jäkel, Partner, Finance Advisory, cjaekel@kpmg.com

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