Ein Markt entsteht | KPMG | DE
close
Share with your friends

Ein Markt entsteht, wenn Käufer und Verkäufer das gleiche Interesse haben

Ein Markt entsteht

Aufgrund der sich stark verändernden Energiemärkte kommen Anforderungen auf Treasury und Rechnungswesen zu, mit denen diese gar nicht gerechnet haben.

Verwandte Inhalte

FTM Bildwelt: Snowboarder

Aufgrund der sich in Folge der Energiewende stark verändernden Energiemärkte kommen manchmal Anforderungen auf Treasury und Rechnungswesen zu, mit denen diese gar nicht gerechnet haben. Dabei handelt es sich in der Regel um Fragen der Existenz eingebetteter Derivate, der Erfüllung der „Own Use Exemption“ und der Bewertung der daraus resultierenden Finanzinstrumente bzw. Drohverlustrückstellungen. Einen dieser Fälle stellen Festpreiskontrakte für den Bezug erneuerbarer Energien dar.

Nach vielen Jahren der Förderung durch das Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG), die sich unter anderem in der Zusicherung eines festen Abnahmepreises darstellt, nähert sich diese in den nächsten Jahren zunehmend ihrem Ende. Die Anlagen, die Anfang der 2000er-Jahre errichtet wurden, verlieren demnächst ihren gesetzlichen Schutz des Einspeisevorrangs und sind in der Vermarktung des Stroms auf den Marktpreis angewiesen. Mal abgesehen von dem Preisunterschied - ­die EEG-Vergütung liegt für viele noch geförderte Windanlagen bei etwas über 60 €/MWh -­ kommt als weitere Unsicherheit hinzu, dass der Preis nicht mehr vorab bekannt ist, da er täglich in der sogenannten Day-ahead-Auktion der Strombörse neu gebildet wird.

Auch ersten Neuanlagen begegnet diese Preisunsicherheit. Obwohl Neuanlagen auch im EEG gefördert werden und damit Anspruch unter anderem auf Einspeisevorrang haben, bekamen in der Auktion um die Off-Shore Kapazitäten sogenannte „zero-bids“ den Zuschlag, das heißt, dass diese noch zu errichtenden Anlagen keinen Festpreis bekommen. Die Erwartungen an die Wirtschaftlichkeit der Projekte setzen sich aus angenommenen Effizienzgewinnen in der Errichtung der Anlagen sowie der Annahme eines steigenden Strompreisniveaus im Großhandel zusammen, in den dann ohne Preisbindung verkauft wird.

Um aber die maximale Flexibilität aus diesen neuen Projekten ziehen zu können, haben Investoren für die Finanzierung großes Interesse an einem möglichst sicheren Einnahmenstrom, sodass versucht wird, in bilateralen Verträgen für längere Zeit einen Festpreis zu vereinbaren.

Da zu einem Geschäft bzw. zu einem Markt immer mindestens zwei Akteure gehören, ist es gut, dass sich in letzter Zeit Initiativen wie RE100 gebildet haben, in der in diesem Fall “The world’s most influential companies, committed to 100% renewable power“ lose organisiert sind. Es gibt also diese und andere namhafte Unternehmen, die aufgrund der eigenen Nachhaltigkeitsstrategie großes Interesse haben, Strom aus erneuerbaren Quellen zu einem Festpreis zu beziehen – und schon gibt es nicht nur Anbieter, sondern auch Nachfrager.

Für diese langfristigen Verträge aus Erneuerbaren Quellen (Power Purchase Agreements – PPA) entwickelt sich derzeit in Deutschland ein Markt, nachdem in Skandinavien erste Erfahrungen gemacht wurden. Um Sicherheit für beide Partner zu haben, müssen eine Reihe sehr spezifischer Fragen vereinbart werden, die das Vertragswerk schnell komplex werden lassen: a.) Höhe und Laufzeit des Festpreises, b.) gibt es eine Bindung an einen Preisindex, eine allgemeine Inflationierung oder ein Recht auf Wiederverhandlung, wie es aus langfristigen Gasbezugsverträgen bekannt ist, c.) besondere Inhalte von force major-Klauseln wegen Off-Shore Anlagen, d.) wird nur die stark schwankende tägliche Erzeugung geliefert und preislich abgesichert oder wird das Verbrauchsprofil des Kunden bzw. ein vorher vereinbartes Profil geliefert und preislich abgesichert und zu welchen Mehrkosten führt dies, e.) Vereinbarung von „change of control“, f.) Bonitätsanforderungen etc.

Eine besondere Herausforderung stellt neben der Bilanzierung die Bewertung dieser Verträge dar, die abhängig von den vereinbarten Zahlungsströmen der Ausgleichszahlungen ist (Vereinbarung up-front-Anteil, kontinuierliche Ausgleichszahlungen etc.). Für die Planung der gesamten Strombezugskosten ist davon auszugehen, dass die Ersatzbeschaffung zu zunehmend steigenden Preisen erfolgen muss, je weniger Strom zu einem bestimmten Zeitpunkt aus erneuerbaren Quellen produziert wird. Dieser Zusammenhang ist nicht linear und muss damit im Risikomanagement adäquat aufgesetzt und nachverfolgt werden. Stark schwankende Ersatzbeschaffung fehlender Strommengen erfordert ebenfalls eine professionelle Energiebeschaffung, die in der Lage ist, zum Beispiel Prognoseaktualisierungen über automatischen Handel im Kurzfristmarkt (Algo-Trading im intra-day) mit minimalen Aufwand abzubilden. Als zusätzliches Produkt sollte der Käufer des PPA gleichzeitig einen Anspruch auf die generierten Grünstromzertifikate haben, die ebenfalls in den Systemen abgebildet und bewirtschaftet werden müssen.

Damit entstehen auch Fragestellungen im Rechnungswesen. Bedeutet die Referenzierung auf einen Preisindex ein trennungspflichtiges Derivat? Wie ist der Erwerb von Grünstromzertifikaten als Teil der Preisvereinbarung für den Strom zu behandeln? Kommt es zu Weiterverkäufen des bezogenen Stroms und müssen diese Geschäfte dann als Derivate bewertet und bilanziert werden, weil die Own Use Exemption nicht mehr erfüllt wird? Wie ist mit eventuellen Sicherungsgeschäften im Rahmen des Risikomanagements für den Strompreis umzugehen?

Wir gehen davon, dass sich durch zunehmende Mengen aus erneuerbaren Anlagen, die nicht mehr im EEG vergütet werden, und durch weitere „zero-bid“ für Neuanalgen auf der einen Seite und der an Marktpreisen orientierten Beschaffung ohne Emissionen auf der anderen Seite ein eigener Markt entwickelt. Es profitieren Käufer und Verkäufer und gleichzeitig sind die erneuerbaren Energien vollständig im Markt angekommen. Und mit ihnen zusätzliche Herausforderungen nicht nur für den Energiehandel, sondern möglicherweise auch für Accounting und Treasury. 

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 78, März 2018
Autor: Malte Neuendorff, Senior Manager, Finance Advisory, mneuendorff@kpmg.com

KPMG Corporate Treasury News

So kontaktieren Sie uns

 

Angebotsanfrage (RFP)

 

Absenden