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Datengebrauch

Wie viele Daten brauchen wir?

Wie viele Daten brauchen wir?

Datenreichtum ist ein wichtiger Streitpunkt der Digitalisierung. Unsere KPMG-Experten Barbara Scheben, Leiterin des Forensic Offices Frankfurt am Main, und Peter Heidkamp, Head of Technology, diskutieren die Bedeutung von Daten und Datenschutz.

Herr Heidkamp, bedeutet Datenarmut Fortschrittsarmut?

Heidkamp: US-amerikanische Firmen zeigen, wie man durch Daten den Kunden besser versteht und spezifische Dienste anbietet. Die Datenskepsis in Deutschland führt dazu, dass wir den Anschluss an die internationale Wirtschaft verlieren.

Scheben: Neue Entwicklungen sollten aber datenschutzkonform verlaufen, was häufig erst nach der Markteinführung bedacht wird. Im schlechtesten Fall sind dann Ressourcen verbraucht und die Reputation beschädigt.

Heidkamp: Unter Datenarmut verstehe ich die in Deutschland tief verankerte Skepsis neuen Digitaldiensten gegenüber. Um Kunden zu einem offenen Umgang mit Daten zu bewegen, müssen die Unternehmen Anreize schaffen. Bewusst preisgegebene Daten bieten einen Mehrwert für alle Beteiligten.

Teilen Menschen aber Daten nicht oft unbewusst?

Scheben: Das ist leider häufig der Fall. Daher ist darauf zu achten, dass der Datenpreisgabe stets eine Information und freiwillige Einwilligung vorhergeht.

Heidkamp: Die Hürden für Kunden sind zu hoch. Sie müssen verstehen, wie Daten erhoben werden und wie sie einwilligen oder widersprechen können. Oft ist das nur für Rechtsexperten zugänglich, was zu Misstrauen und Ablehnung führt. Es braucht informierte Verbraucher und ein größeres digitales Verständnis.

Welche Chancen entgehen uns, wenn wir nicht auf Datenreichtum setzen?

Heidkamp: Uns entgehen besserer Service und gesellschaftlicher Fortschritt, besonders im Bereich Gesundheit. Könnte man auf die riesigen Datenmengen statt auf kleine, teure Fallstudien zugreifen, würde Mehrwert entstehen: Menschen wüssten früher über Prädispositionen Bescheid und könnten präventiv handeln.

Scheben: Ich sehe nicht, dass uns Chancen entgehen. Auch auf Datenschutz achtende Unternehmen können Vorreiter in ihrem Bereich sein. Freiwillige Selbstverpflichtungen wie der Code of Conduct des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft schaffen Vertrauen ohne Umsatzeinbußen. Obgleich Datenschutz nicht allein an den Unternehmen scheitert. Es gibt auch sorglose Bürger.

Herr Heidkamp, sehen Sie keine Risiken?

Heidkamp: Der digitale Wandel ist eine der größten Veränderungen seit Jahrzehnten, deren Möglichkeiten wir noch nicht überblicken können. Nur schließen sich Datenschutz und Datenreichtum nicht aus.

Liegt die Krux also allein im Datenschutz?

Scheben: Auch bei Unternehmen, die meinen, bei ihnen seien Daten sicher, muss weiter der Erlaubnisvorbehalt gelten. Schließlich entwickeln sich auch jene weiter, die Daten abgreifen wollen. Kein Schutz kann die Datensparsamkeit ersetzen.

Heidkamp: Die absolute Sicherheit wird es niemals geben. Ich habe da großes Zutrauen in die Entscheidungskraft des Einzelnen über die Preisgabe seiner Daten. Beim bargeldlosen Bezahlen etwa gibt es mit Blockchain eine sichere, anonyme Zahlungsmethode.

Wird es eine zweigeteilte Gesellschaft geben?

Heidkamp: Nehmen wir das Beispiel Kfz-Telematikdaten: Einer möchte Geld bei der Versicherung sparen durch Überwachung der Fahrweise. Andere werden es ablehnen, dass Dritte wissen wo sie sich wann befinden.

Welche Probleme mit schlecht geschützten Daten gibt es?

Scheben: Die Zahl der Unternehmen, die sich mit Folgen von Cybercrime und Data Leakage befassen müssen, steigt und führt zu hohen finanziellen Schäden.

Heidkamp: Auch das ist für mich ein Beispiel mangelnder Informationssicherheit, das durch Datenarmut nur reduziert werden kann.

Wie das Urteil zu Safe Harbor zeigte, ist Datenschutz eine internationale Angelegenheit, da die Daten selten nur innerhalb eines Rechtsstaates fließen.Die EU-Datengrundschutzverordnung setzt dort an.

Was bedeutet sie für die Datenmengen?

Scheben: Die EU-Datenschutzgrundverordnung wird nicht zu mehr Datenreichtum führen. Der Grundsatz der Datensparsamkeit findet sich auch hier wieder.

Ein Nachteil für Wirtschaft und Fortschritt?

Heidkamp: Nein. Die verschiedenen nationalen Regeln bedürfen einer Harmonisierung, um vergleichbare Wettbewerbsbedingungen geschaffen. Andernfalls weichen Unternehmen auf andere Länder aus.

Scheben: Begrüßenswert wäre eine globale Harmonisierung. Denn der Aufwand zur Übermittlung von Daten über EU-Grenzen hinaus ist aufgrund international unterschiedlicher Schutzniveaus immens.

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