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„Wat is’n Dampfmaschin?“ – oder: wie digital ist Ihr Treasury?

Wie digital ist Ihr Treasury?

Es geht heute um die immer wieder gestellte Frage, was Digitalisierung im und für das Treasury eigentlich bedeutet.

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Frei nach der Feuerzangenbowle (für die jüngeren unter unseren Lesern: hier klicken) geht es heute um die immer wieder gestellte Frage, was Digitalisierung im und für das Treasury eigentlich bedeutet.

Die Antwort ist insofern nicht ganz unwichtig, da mittlerweile alle Welt von der Digitalisierung redet. Analysten stellen die Frage an den CFO, welche Aktivitäten das Unternehmen hinsichtlich Digitalisierung geplant hat und wie sich dies auf das Ergebnis auswirkt. Aus dem Top-Management werden Fragen gestellt wie „was bedeutet Blockchain für uns?“ oder „benötigen wir Kryptowährungen“? Der Betriebsrat hebt die Hand und fordert, dass Bots nicht 24/7, sondern nur von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr arbeiten dürfen. Wenn Sie jetzt nicht wissen, was ein Bot ist, befinden Sie sich wahrscheinlich in sehr guter Gesellschaft. Vermutlich werden Sie es aber spätestens dann wissen, wenn im Treasury manuelle Tätigkeiten ersetzt werden durch Computerprogramme, die weitgehend automatisch sich wiederholende Aufgaben abarbeiten, ohne dabei auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein.

Hier also eine Definition speziell für die Digitalisierung im Treasury, welche eng angelehnt ist an die allgemeine Definition der Digitalisierung:

„Digitalisierung im Treasury bezeichnet im Allgemeinen die Veränderungen und Optimierung von Prozessen und Methoden sowie eine umfassende Datennutzung, welche durch eine zunehmende Verwendung von computergestützten Benutzungsschnittstellen und Software erfolgt.“

Für die Nichttechniker – neudeutsch digitale Immigranten – unter Ihnen: Eine computergestützte Benutzungsschnittstelle ist die Stelle oder Handlung, mit der ein Mensch mit einer Maschine in Interaktion tritt. Im einfachsten Fall ist das die Tastatur Ihres Desktop-PC: sie gehört weder zum Menschen, noch zur „Maschine“ (PC), sondern ist die Schnittstelle zwischen beiden. Denken wir weiter, so gehören Touchscreens von Smartphones oder Tablets sowie mittlerweile Software oder Geräte zur Sprachsteuerung (wie zum Beispiel Alexa) zu diesen computergestützten Schnittstellen. In (ferner?) Zukunft könnte dies auch eine VR-Brille sein, mit der sich CFO’s im Reportingraum bewegen und mit Ihrem Blick einzelne Berichte aufrufen oder es könnte das Gerät sein, welches Ihre Gedanken aufnimmt und sie direkt an das Treasury-Management-System (TMS) weitergibt.

Aus der Zukunft jedoch erst einmal zurück ins Hier und Jetzt. Die Definition von Digitalisierung im Treasury spricht von Veränderungen und Optimierung. Und hier liegt unseres Erachtens auch der Kern dessen, was Digitalisierung für das Treasury heute bedeutet: Die Veränderung und Optimierung bestehender Prozesse und Methoden bei einer zunehmenden Datennutzung mit dem Ziel der Verbesserung der Prozessergebnisse (Qualität, Automatisierungsgrad, Geschwindigkeit). Automatisierung, verbesserte Performance und Datenzentriertheit sind daher die Kernbegriffe des digitalen Wandels im Treasury. Nicht vergessen werden sollte auch die 4. Dimension in diesem Kontext, der Compliance-Gedanke. Denn auch hier ergeben sich völlig neue Möglichkeiten im Hinblick auf die Effizienz interner und externe Compliance-Fragen, ganz zu schweigen von der notwendigen Resilienz gegen die immer dramatischeren Bedrohungsszenarien aus dem Umfeld der Cyber-Kriminellen. Allen Digitalisierungsfragen ist darüber hinaus gemein, dass die Berücksichtigung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses immer präsent sein sollte, denn die kaufmännischen Grundregeln werden durch die Digitalisierung nicht außer Kraft gesetzt.

Bei allen technischen Neuerungen im und für das Treasury geht es konkret um Fragen der Umsetzungsrelevanz und mehrwertstiftende Anwendungsfälle. Dies bedeutet, dass beantwortet werden muss, ob der Einsatz einer bestimmten Technologie und/oder Verfahrensweise einen Vorteil gegenüber dem Status-Quo bietet. Denn bereits die intensive Auseinandersetzung mit innovativen Themenstellungen – man denke etwa nur an die Beispiele Blockchain oder Kryptowährungen im Treasury – beansprucht wertvolle Ressourcen. Die Frage ob diese dann weit nutzenstiftender anderweitig eingesetzt werden können und sollten, muss daher frühzeitig beantwortet werden.

Im aktuellen Treasurer-Panel wird die zunehmende Nutzung von mobilen Anwendungen oder Cloud-Technologien als Beispiel für die fortschreitende Digitalisierung gesehen. Dem würde ich nur bedingt zustimmen. Zugegeben, mobiler Zugriff auf ein TMS oder Treasury-Reports bringt eine gewisse Flexibilität und einen Zuwachs an Effizienz. Aber worin besteht der Fortschritt für das Treasury, wenn das Berichtswesen auf dem Smartphone ähnlich statisch und am Ende unpassend ist wie heute? Worin besteht die Optimierung des Treasury’s und seiner Ziele und Aufgaben, wenn das TMS nicht „on premise“ installiert ist, sondern in der Cloud? Die bloße Verlagerung der Server hilft der IT vielleicht Kosten zu senken, nicht aber bei der Erreichung inhaltlicher Ziele im Treasury. Aus diesen beiden Beispielen sollte deutlich werden, dass es nicht die Technologien an sich sind, die Mehrwert erzeugen und letztendlich Gegenstand der Digitalisierungsstrategie sein sollten, sondern vielmehr die konkreten und darauf aufbauenden Dienste und Anwendungsfälle im Kontext der eigenen Roadmap für die Treasury-Funktion.

Aber wie wird Ihr Treasury nun digital? Und wie können Sie laufend prüfen, nicht auf dem analogen Holzweg unterwegs zu sein? Wie bestimmen Sie Ihren aktuellen digitalen Reifegrad, der Ausgangspunkt aller Überlegungen hinsichtlich der zu ergreifenden Maßnahmen sein sollte? Am Ende sind nämlich die nächsten Schritte in Ihrer persönlichen Treasury-Digitalisierungs-Roadmap immer – so banal das auch klingen mag – abhängig von der Frage, wie digital Sie heute schon sind. Bedenken Sie hierbei, dass der Weg von beleghaften Überweisungen hin zu Zahlungen via Blockchain weit ist.

Zur Bestimmung der Ausgangssituation ist eine Haltung wie sie durch ein weiteres Zitat aus dem eingangs erwähnten Spielfilm beschrieben wird – „da stelle ma uns mal janz dumm“ – selbstverständlich nicht geeignet. Der Selbstreflexion dienen eher die folgenden Fragen, die Sie mit „Ja“ beantworten sollen, bevor Sie sich weitere Gedanken über die Digitalisierung machen:

  1. Ist das gesamte Treasury-Berichtswesen von den Arbeits- über die Managementberichte(n) bis zum Compliance-Berichtswesen automatisiert und umfasst es vollständige Daten?
  2. Ist die Bankkontenstruktur optimiert und wird der gesamte Zahlungsverkehr (intern/extern) über eine zentrale und 100 Prozent sichere Plattform mittels standardisierter Formate und Kommunikationskanäle abgewickelt? Analog dazu der umgekehrte Weg, das heißt Sie erhalten von allen Bankkonten weltweit elektronische Kontoauszüge und haben tägliche Transparenz über Liquiditätsstände und -bewegungen?
  3. Wird für die Steuerung der Finanzrisikopositionen (insbesondere des Währungsexposures) eine vollständige Risikoposition zugrunde gelegt?

Weitere Fragen nach einem funktionsfähigen TMS und damit verbundenes echtes straight-through processing oder einem Finanzstatus auf Knopfdruck möchte ich gar nicht mehr stellen, denn dies ist doch bestimmt längst Standard oder?

Fernab jeder Ironie gilt es also, zunächst die eigenen Hausaufgaben zu erledigen und die Grundlage für die nächste Stufe der Digitalisierung zu schaffen. Denn nur wenn die Möglichkeiten und Potenziale heute bereits vorhandener Lösungen voll ausgeschöpft sind, ist es sinnvoll, den nächsten Schritt zu gehen. Auch wenn das kontinuierliche Beobachten von Innovationen und Technologietrends – Screening! – mitsamt dem Angebot externer Dienstleister wie FinTechs oberste Treasurer-Pflicht sein sollte, muss der Fokus auf der Optimierung der eigenen Prozess- und Systemlandschaft liegen. Träumen Sie nicht von Robotics im Treasury, wenn Ihr TMS bereits heute die meisten Aktivitäten via Job-Scheduler routinemäßig und automatisch abarbeiten kann. Sie denken an Prävention von Fraud im Zahlungsverkehr mittels künstlicher Intelligenz und haben gleichzeitig global 50 Electronic-Banking-Systeme im Einsatz? Den Denkfehler haben Sie sicher gerade selbst erkannt. Das Fazit lautet also: erst wenn die Fragen beantwortet wurden, was heute bereits möglich ist und wie man die PS der vorhandenen Treasury-Lösungen auf die Straße bekommt, erst dann machen Gedankenspiele zu Einsatzmöglichkeiten für Blockchain, Kryptowährungen oder selbstlernende Systeme im Treasury Sinn und führen zu verwertbaren Ergebnissen. So gesehen könnte eine Definition für Digitalisierung im Treasury auch ganz anders lauten als weiter oben beschrieben wurde: nämlich genau das technologisch umzusetzen, was in den letzten Jahren versäumt wurde, obwohl die Mehrheit der Systeme und Lösungen es eigentlich schon kann.

Nach diesem eher allgemeinen einführenden Beitrag zum Thema „Digitalisierung im Treasury“ richten wir in den nächsten Newslettern dann den Blick auf konkrete Anwendungsfälle und Lösungsszenarien im Treasury und was die hieraus resultierenden Anforderungen sind.  

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 74, Dezember 2017
Autoren:
Carsten Jäkel, Partner, Finance Advisory, cjaekel@kpmg.com
Michael Baum, Senior Manager, Finance Advisory, michaelbaum@kpmg.com

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