Umstellung der Rechnungslegung von HGB auf IFRS 9 | KPMG | DE

Umstellung der Rechnungslegung für Finanzinstrumente von HGB auf IFRS 9

Umstellung der Rechnungslegung von HGB auf IFRS 9

In der Literatur wird viel über den Vergleich zwischen dem alten (IAS 39) und dem neuen (IFRS 9) Standard zu Finanzinstrumenten diskutiert.

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Die Umstellung auf einen neuen Rechnungslegungsstandard ist immer mit großen Herausforderungen verbunden. Das gilt erst recht, wenn gleichzeitig im Zielstandard umfassende Änderungen anstehen oder gerade abgeschlossen wurden.

In der Literatur wird viel über den Vergleich zwischen dem alten Standard IAS 39 und dem neuen Standard IFRS 9 zu Finanzinstrumenten diskutiert. Die Regelungen des IFRS intensivieren allerdings auch die Aufgabenstellungen, die bei der Umstellung von einem HGB- auf einen IFRS-Konzernabschluss zu beachten sind. Da die vollständige Aufstellung der (möglichen) Umstellungseffekte den Rahmen dieses Artikels sprengt, möchte ich vor allem auf die wesentlichen Punkte hinzielen, die in Umstellungsprojekten relevant geworden sind. Außerdem wird das Thema Hedge Accounting ausgespart, da die Anwendung in beiden GAAPs fakultativ ist.

Regelungen für den Ansatz dem Grunde nach

Bereits die Regelungen für den Ansatz dem Grunde nach bzw. dem Scope nach unter IFRS unterscheidet sich. Während Finanzinstrumente handelsrechtlich entweder bilanzierte oder schwebend wirksame Geschäfte darstellen, existieren nach IFRS eigene Definitionen. Obwohl es zwischen den Rechnungslegungssystemen viele Parallelen gibt (Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten, Bankbestand usw.), wird man sich nach IFRS auch den Themen eingebettete trennungspflichtige Derivate und der sogenannten own use exemption stellen müssen. Hier kommt es gegebenenfalls bereits dem Grunde nach zum Ansatz von Finanzinstrumenten, die unter HGB nicht bilanziert werden. Beispielsweise entstehen nach IFRS bei bestimmten Sonderkündigungsrechten in finanziellen Schulden unter Umständen Derivate, die separat bilanziert werden müssen. Außerdem kann es dazu kommen, dass schwebend wirksame Geschäfte gänzlich als Derivat bilanziert werden müssen oder dürfen, die handelsrechtlich lediglich auf drohende Verluste untersucht werden. Entsprechend müssen in einem ersten Schritt die Geschäftsvorfälle identifiziert werden, welche unter IFRS erstmalig oder grundsätzlich anders angesetzt werden sollen.

Regelungen für den Ansatz der Höhe nach

Auch bei dem Ansatz der Höhe nach und im bilanziellen Ausweis ergeben sich zum Teil deutliche Unterschiede. Für die Umstellung werden die im Scope befindlichen Geschäftsvorfälle daher gruppiert. Diese Gruppierung erfolgt typischerweise für Eigenkapital- und Fremdkapitalinstrumente sowie Schulden getrennt nach dem jeweiligen Folgebewertungsprinzip (zu fortgeführten Anschaffungskosten, zum Fair Value in die Rücklage des sonstigen Ergebnisses („other comprehesive income“) oder zum Fair Value in die Gewinn- und Verlustrechnung). In der Regel lassen sich die Verfahrensweisen für die Erst- und Folgebewertung gemeinsam in dieser einheitlichen Gruppierung systematisieren. Mehr noch als unter den handelsrechtlichen Vorschriften, spielt auch die Intention, wie die Finanzinstrumente gemanagt werden sollen, bei dieser Gruppierung eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus können unter IFRS 9 finanzielle Vermögenswerte beispielsweise nur dann zu fortgeführten Anschaffungskosten bilanziert werden, wenn der Vertrag nur Zahlung für Zins und Tilgung vorsieht, während die Bilanzierung zu fortgeführten Anschaffungskosten für Finanzinstrumente (außer Derivate) unter HGB den Regelfall darstellen. Entsprechend werden unter IFRS deutlich mehr Finanzinstrumente zum Fair Value bilanziert. Unserer Erfahrung nach entstehen die größten Differenzen aus den immer gleichen Finanzinstrumenten. In vielen Umstellungsprojekten werden beispielsweise stille Reserven aus Investitionen in gehaltenen und nicht konsolidierten Eigenkapitalinstrumenten (HGB: Wertpapiere des Anlage- oder Umlaufvermögens) gehoben. Während handelsrechtlich das gemilderte oder das strenge Niederstwertprinzip gilt und die Anschaffungskosten nicht überschritten werden können, werden diese Instrumente nach IFRS 9 zum Fair Value bilanziert. Bei finanziellen Schulden ändert sich vor allem der Ausweis von Transaktionskosten und Disagien. Diese werden nach IFRS mit dem Buchwert der Verbindlichkeit zusammen bilanziert und nur in Ausnahmefällen aktivisch abgegrenzt.

Wertberichtigungskonzepte werden deutlich komplexer

Neben der eigentlichen Folgebewertung verursacht auch die Umstellung der Wertberichtigungskonzepte ein deutliches Arbeitspensum. Der Grund hierfür ist, dass die Möglichkeiten steuerlicher Wertberichtigung, zusammen mit dem handelsrechtlichen Vorsichtsprinzip, in der Regel zu ebenso vorsichtigen wie pragmatischen Lösungen geführt haben, die unter IFRS in der Regel nicht zulässig sind. In der Praxis zeigt sich außerdem, dass entgegen vielfach geäußerter Erwartung der Wirtschaftsprüferbranche, neben dem Simplified Approach auch der General Approach für Massendaten von Corporate-Unternehmen relevant ist. Ursache ist der eng definierte Anwendungsbereich für den Simplified Approach, der beispielsweise keine Forderungen gegenüber Lieferanten umfasst. Darüber hinaus fordert IFRS 9 sehr umfassende Analysen der erwarteten Ausfälle, die neben historischen Analysen auch die Einbeziehung von, in die Zukunft gerichteten Faktoren (forward looking information), mit einbezieht. Diese Punkte sind zwar bei jedem IFRS 9-Projekt relevant, stellen für viele (bisher) handelsrechtlich orientierte Unternehmen allerdings einen Schock dar, da hier die Abkehr vom Vorsichtsprinzip besonders deutlich wird. Außerdem gelten Einzel- bzw. Pauschalwertberichtigungen seit Jahren als gelöste Themen, die dann unter IFRS sowohl im Zuge der Umstellung, als auch bei dem jährlichen Backtesting, erneut zu diskutieren sind.

Umfangreichere Anhangangaben

Während der handelsrechtliche Abschluss die Anhangangaben als mehr oder weniger kurze Erläuterung herausgreift, müssen nach IFRS exorbitant mehr Angaben getätigt werden. Dies gilt insbesondere für Finanzinstrumente, deren Angaben sich regelmäßig sogar aus zwei Standards herleiten (IFRS 7 und IFRS 13). Neben der bloßen Fülle an Angaben sind manche Konventionen für den handelsrechtlich Bilanzierenden schwer nachvollziehbar (beispielsweise die Ermittlung des aktuellen FX-Exposures bei der FX-Sensitivität, die bei originären Finanzinstrumenten auf den aktuellen Buchwert abstellt und bei Derivaten die Entwicklung des Nominals im Zeitablauf berücksichtigt). Gleichzeitig, gibt es aus den Anforderungen der Notes eine deutliche Rückwirkung auf die Erstellung des Kontenplans, da automatisiert nur erhoben werden kann, was als Information in den Konten oder Controlling-Informationen vorhanden ist.

Die Ablösung des IAS 39 durch den IFRS 9 stellt nicht nur für IFRS-bilanzierende Unternehmen eine Herausforderungen dar, sondern wirkt sich auch auf IFRS Conversions aus. Neben den seit Jahren bekannten Umstellungseffekten, ändern sich insbesondere durch IFRS 16 und IFRS 9 sowohl Kennzahlen als auch die Struktur der Bilanz sowie der parallel erstellten Rechenwerke und Angaben zum Teil erheblich. 

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 73, November 2017
Autor: Felix Wacker-Kijewski, Senior Manager, Finance Advisory, fwackerkijewski@kpmg.com 

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