Wie die Flüchtlingswelle Deutschland stärken kann | KPMG | DE
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Deutschland stärken

Wie die Flüchtlingswelle Deutschland stärken kann

Wie die Flüchtlingswelle Deutschland stärken kann

Wie die Flüchtlingswelle Deutschland stärken kann

Die Flüchtlingswelle legt vieles frei, was wir schon lange an Problemen in Deutschland beobachten: Die finanziellen Defizite der Kommunen, Fachkräftemangel und Langzeitarbeitslosigkeit. Klug ist, wer diese Missstände nicht über den Kamm der Flüchtlinge schert. Versuchen wir lieber, die neuen Aufgaben zur Lösung der alten Probleme zu nutzen.

Oft haben die alten Probleme wenig mit den neuen Herausforderungen zu tun – in der emotional aufgeladenen Stimmung vermischen sich jedoch die Argumente.

Wir stehen in der Pflicht, die finanzielle Belastung der Haushalte von Bund und Kommunen zu überwachen und verantwortungsvoll zu steuern.

Auch logistische Aufgaben wie Unterkunft, Transport, Verteilung, Verpflegung sowie die interkulturellen Unterschiede mit all ihren Folgen müssen wir im Auge behalten. Die Anlaufstellen suchen dringend nach Einsatzkräften – und dieser Engpassfaktor wiegt oft schwerer, als die Suche nach Geld oder Sachspenden.

Wir sollten prüfen, wie sich diese Chancen und Risiken zielorientiert und sinnvoll vereinbaren lassen.

Exemplarisch möchte ich dazu zwei positive Vorschläge darstellen:

Erster Vorschlag: Wir befähigen die Arbeitskräfte, so dass Rentenkassen und Arbeitsmarkt langfristig profitieren.

Viele der Immigrantinnen und Immigranten sind jung. Auch in der Vergangenheit profitierten die Sozialkassen – vornehmlich auch die Rentenkassen – davon, dass junge ausländische Mitbürger durch ihre Beiträge die Kassen flüssig hielten. Sie glichen gleichzeitig die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung aus.

Der ansonsten schon aus demographischen Gründen absehbare Kollaps unserer Sozialsysteme wird sich also durch den Zuzug jüngerer Bevölkerungsschichten mindestens abmildern.

Die Voraussetzung: Ein grundsätzlich funktionierender Arbeitsmarkt mit vergleichsweise niedriger Arbeitslosigkeit.

Eine Bedingung, die heute gegeben scheint. Daneben sind verwertbare Qualifikationen der neuen Mitbürger nötig. Eine Herausforderung, die wir angehen müssen und die erfüllbar sein dürfte.

Zumal eine Knappheit an Arbeitskräften in Deutschland zunehmend in Berufen mittlerer und geringer Qualifikation vorliegt. Offene Lehrstellen, Arbeitskräftemangel in der Gastronomie sowie nicht besetzte Stellen in Pflegeberufen bis zum fehlenden Erntehelfer sind nur einige Beispiele.

Dazu muss der deutsche Arbeitsmarkt, der bisher auf Abschottung ausgerichtet ist, sich öffnen. Und die vorhandenen Belegschaften müssen sich geistig öffnen.

Zweiter Vorschlag: Wir weichen die strukturelle Langfristarbeitslosigkeit auf.

Der Engpass an Arbeitskräften im Rahmen der Aufnahme der Flüchtlinge nimmt zu. Woher die Flüchtlingshelfer nehmen? Wir können nicht nur auf Hilfsbereitschaft und Ehrenamtliche setzen.

Die Arbeit selbst verlangt keine spezifisch hohe Qualifikation. Es könnten also auch Personen zum Einsatz kommen, die in ihren Altberufen oder bei privaten Arbeitgebern nicht mehr so leicht vermittelbar sind.

Dies halte ich für eine Chance, einen größeren Personenkreis, der bisher in den Sozialsystemen gefangen ist, dem Arbeitsmarkt wieder näher zu bringen.

Auch wenn es im Einzelfall und abhängig vom Ort des Einsatzes nicht immer leicht umsetzbar sein sollte: Einen Versuch wäre es wert.

Sicher: Das erfordert Einsatzwillen und klappt nicht mit allen Hartz 4-Empfängern oder Langzeitarbeitslosen. Zu belastet sind oft die Biografien und psychischen Voraussetzungen.

Aber nicht alle Hartz-4-Empfänger sind so unwillig, schwierig und unmotiviert, wie manche Meinungstreiber meinen. Wir könnten brachliegende Talente und Motivationen im individuellen und gesellschaftlichen Interesse nutzen.

Selbst voll berufstätige Menschen aus dem Primär-Arbeitsmarkt zeigen eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Die Frage der Zumutbarkeit dieser Aufgabe lässt sich also leicht mit Ja beantworten.

Warum sollten wir – aus menschlicher wie aus volkswirtschaftlicher Sicht – inmitten einer schwierigen Situation nicht auch Potenziale ausschöpfen?

Ideen, die sozial sind, müssen nicht zwangsweise unwirtschaftlich sein. Im Gegenteil. Gelingt dies, böte sich durch gelebte Hilfsbereitschaft aus menschlichen Gründen eine großartige Möglichkeit, langfristig belastende Phänomene der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung anzugehen.

Wir sollten Chancen und Potenziale suchen und nutzen, ohne gesellschaftliche Gruppen gegeneinander auszuspielen. Das müssen sich sowohl Stammtischpolitiker als auch Sozialromantiker sagen lassen – zum Vorteil aller.

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