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IFRS 9: der Übergang von IAS 39 auf den neuen Standard galt für die Passivseite als unkritisch

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Während der IFRS 9 für Finanzaktiva wesentliche neue Regelungen für die Klassifizierung und nachfolgende Bewertung sowie die Bildung von Wertberichtigungen beinhaltet, galt der Übergang von IAS 39 auf den neuen Standard für die Passivseite als unkritisch.

Vielfach wurde daher angenommen, dass die bisherige Bilanzierung unverändert fortgeführt werden könne. Davon kann allerdings spätestens seit Juli 2017 nicht mehr generell ausgegangen werden, da das IASB zu diesem Zeitpunkt deutlich herausgestellt hat, dass die neuen Vorgaben zur Bewertung von Finanzverbindlichkeiten mit den fortgeführten Anschaffungskosten ausnahmslos auch rückwirkend gelten. Dies betrifft insbesondere die Fälle, in denen Modifikationen der vertraglichen Konditionen von Finanzverbindlichkeiten zu einer Änderung der Cashflows geführt haben, die allerdings nicht so wesentlich waren, dass die es zu einer Ausbuchung kam. Für diese Verbindlichkeiten ist der Buchwert auf Basis des ursprünglich bei Ersterfassung geltenden Effektivzins zu bestimmen und die Anpassung ergebniswirksam zu erfassen.

Die vertraglichen Anpassungen von finanziellen Schulden kommt bei den meisten Unternehmen selten vor und wird dann in der Regel erst im Signing-Prozess gewürdigt. Hier entstand der Eindruck, es habe sich zwar etwas geändert, wirke sich allerdings entsprechen selten (das heißt nur bei kommenden Vertragsänderungen) aus. Durch die retrospektive Anwendung des IFRS 9 sind allerdings potenziell deutlich mehr finanzielle Schulden von dieser Regelung betroffen.

Zum Hintergrund: Es gibt zwei Änderungen bei finanziellen Schulden, die einen Einfluss auf die Bilanzierung und Ergebniswirkung haben können. Entweder werden auf Basis bestehender vertraglicher Regelungen lediglich die Erwartungen zu den Zahlungsströmen geändert (beispielsweise wenn nicht getrennt bilanzierte Kündigungsrechte ausgeübt werden) oder der Vertrag wird rechtlich geändert und im Zuge dessen werden die Erwartungen zu den Zahlungsströmen geändert (beispielsweise neue Vereinbarung zu kürzerer Laufzeit und Erwartung der vorzeitigen Rückzahlung). Im letzten Fall, der vertraglichen Änderung mit einhergehender geänderter Erwartung zu den Zahlungsströmen, ist zu entscheiden, ob die vertragliche Änderung wesentlich ist oder unwesentlich. Ist die Änderung wesentlich, kommt es zu einer Ausbuchung der alten Schuld und einer Erfassung der neuen Schuld. Wenn die Änderung unwesentlich ist, wurde bisher die Schuld (ergebnisschonend) weiter bilanziert und der Effektivzinssatz angepasst.

Mit dem IFRS 9 wird aber die Bilanzierung von Refinanzierungen, welche letztendlich nicht zu einer Ausbuchung der bestehenden Verbindlichkeit führen, konkretisiert. Bei einer nur unwesentlichen Modifikation ist mit dem IFRS 9 der originäre Effektivzins beizubehalten, die Diskontierung veränderter Cashflows führt somit zu einem ergebniswirksamen Sprung in den fortgeführten Anschaffungskosten analog zu Anpassungen von Cashflows, die bisher unter IAS 39 AG 8 geregelt wurden. Diese Vorgehensweise wurde größtenteils bei den Unternehmen in der Praxis bisher anders abgebildet, indem der Effektivzins bei einer unwesentlichen Modifikation verändert wurde und somit keine Ergebniseffekte entstanden. Dies gilt im Übrigen auch für Finanzaktiva, allerdings dürfte bei der überwiegenden Zahl von Corporates das Thema eher für die Passivseite relevant sein.

Bei Erstanwendung des IFRS 9 zum 1. Januar 2018 müssen somit alle noch ausstehenden Cashflows bestehender Finanzinstrumente, die in der Vergangenheit modifiziert wurden, ohne dass dies zu einer Ausbuchung geführt hat, mit dem zum Zeitpunkt der Ersterfassung geltenden Effektivzins diskontiert werden. Die Differenz zum Buchwert per 31. Dezember 2017 ist in den Gewinnrücklagen zu erfassen. Während der Restlaufzeit wird dann durch die Amortisation der ursprüngliche und nicht der aktuelle Effektivzins ergebniswirksam.

Für Unternehmen bedeutet dies, zunächst einmal die betroffenen Sachverhalte zu ermitteln (in der Vergangenheit modifizierte Finanzinstrumente, die zu fortgeführten Anschaffungskosten bewertet werden, sowie der ursprüngliche Effektivzins). Durch Proberechnungen sollten dann die Auswirkungen auf die Bilanz zum Umstellungszeitpunkt sowie auf das künftig auszuweisenden Zinsergebnis ermittelt werden. 

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 71, September 2017
Autor: Prof. Dr. Christian Debus, Partner, Finance Advisory, cdebus@kpmg.com 

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