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Die deutsche Start-up-Szene wächst. Allerdings sind die Gründer überwiegend männlich. Neue Rollenbilder, mehr Unternehmergeist und bessere Netzwerke für Frauen könnten das ändern.

Anna Alex und Julia Bösch haben einen Nerv getroffen. Ihr Berliner Start-up Outfittery kombiniert und verschickt nach einer ausführlichen telefonischen Beratung Kleidung an Männer. Mittlerweile beliefert ihr Unternehmen mehr als 100.000 Kunden in mehreren europäischen Ländern, Beschäftigtenzahl und Umsatz steigen.

Wenige Unternehmen in Deutschland werden wie Outfittery von Frauen gegründet. Nur zehn Prozent der Gründer sind weiblich. Lediglich in Großstädten wie Berlin und Hamburg liegt ihr Anteil etwas höher.

Damit sind Frauen in der Gruppe der Start-up-Gründer seltener vertreten als in anderen Bereichen der Firmenwelt. Nach Zahlen der Förderbank KfW liegt der Frauenanteil unter den Führungskräften über alle kleineren und mittleren Unternehmen hinweg bei 20 Prozent.

Betrachtet man den internationalen Vergleich, scheint das Umfeld für Gründerinnen in Deutschland ungünstiger als in anderen westlichen Industriestaaten – legt eine vom US-Konzern Dell in Auftrag gegebene Studie nahe. Danach bieten die USA, Kanada, Australien, Schweden, Großbritannien und Frankreich bessere Ausgangsbedingungen. Deutschland folgt auf dem siebten Platz.

Vorbilder spielen eine entscheidende Rolle

Es ist volkswirtschaftlich bedenklich, dass Frauen mit 51 Prozent der Gesamtbevölkerung in einem der dynamischsten Firmenfelder unterrepräsentiert sind.

In Gesprächen mit erfolgreichen Unternehmerinnen kommen immer wieder ähnliche Punkte auf. Auffallend ist die starke Prägung durch das Elternhaus. Demnach erweist sich ein Umfeld als förderlich, in dem Risikobereitschaft und Unternehmergeist positiv belegt sind.

In Familien, wo Vater und Mutter mehrere Unternehmen gegründet haben, gründen sowohl Söhne als auch Töchter eher ein eigenes Unternehmen. Oft fehlen jedoch unternehmerische Leitbilder. Deshalb finden besonders junge Frauen oft ein Angestelltenverhältnis attraktiver als den Sprung in die Selbstständigkeit.

An den Universitäten werden Studierende eher ermutigt, sich den Anforderungsprofilen großer Konzerne anzupassen, um dort als Berufseinsteiger zu landen. Die Selbstständigkeit gilt häufig als Notnagel. Folglich verfestigt sich die von Frauen in der Kindheit erlernte Grundeinstellung.

Förderung von Frauen in naturwissenschaftlichen Berufen

An den Universitäten steigt die Zahl der Studentinnen in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik nur langsam. Viele gute Geschäftsideen finden sich aber gerade im IT- und Internetgeschäft. Auch ist dieser Bereich durch besonders hohe Wachstumsraten geprägt. Ein Blick in die Start-up-Szene zeigt, dass mehr als 40 Prozent aller Gründungen in Bereichen wie Software, E-Commerce oder Web-Applikationen stattfinden, wo es immer noch sehr wenige Frauen gibt.

Da zudem mehr als 80 Prozent aller Start-ups von Akademikern gegründet werden, wirkt sich der niedrige Anteil der Frauen in den MINT-Fächern auch auf die Zahl der Gründerinnen aus. Initiativen zur Förderung von Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen sind deshalb sehr wichtig.

Frauen setzen ihre Netzwerke zurückhaltender ein als Männer

Die Auswertung von Coaching-Gesprächen zeigt, dass Männer häufiger Kontakt suchen, um ihre Idee bekanntzumachen, Ratschläge zu sammeln und Geschäftspartner zu finden. Frauen hingegen setzen ihre Netzwerke zurückhaltender ein.

Außerdem haben viele Gründerinnen den Anspruch, ein durchdachtes Konzept zu präsentieren, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen. Männer hingegen suchen sich frühzeitig Geschäftspartner, um Schwächen auszugleichen und Stärken zu ergänzen. Eine Methode, die offensichtlich erfolgreich ist. Speziell für Frauen konzipierte Netzwerke, wie die Ladies Dinner in Hamburg, München und Berlin, setzen deshalb die für Gründerinnen wichtigen Impulse.

Erfolgreiche Managerinnen wie Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg oder Yahoo-Vorstandsvorsitzende Marissa Mayer sind bei weitem nicht so bekannt wie Bill Gates oder Mark Zuckerberg. Diese Gründer sind aber nicht unbedingt Vorbilder, mit denen sich Frauen identifizieren.

Frauen gründen seltener Start-ups, weil ihnen Vorbilder, die nötige Förderung an den Universitäten und das richtige Netzwerk fehlen. So muss ausgerechnet dieser wichtige Bereich auf das Potenzial von vielen, teils hochqualifizierten Frauen verzichten.

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