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Szenarien von Übermorgen: Biedermeier 2.0

Keyfacts über Arbeitswelt 2035

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2035 wollen viele Mitarbeiter vor allem Sicherheit und Stabilität • Familienunternehmen erleben eine Renaissance • Transformationskompetenz wird zur Schlüsselqualifikation

In einem gemeinsamen Projekt von KPMG, SOS Kinderdörfer Global Partner, Foresight Solutions und dem TÜV Rheinland kreierten Zukunftsforscher provokante Szenarien der Arbeitswelt im Jahr 2035. Diesmal im Fokus: die neue Biedermeier-Gesellschaft.

In einem gemeinsamen Projekt von KPMG, SOS Kinderdörfer Global Partner, Foresight Solutions und dem TÜV Rheinland kreierten Zukunftsforscher provokante Szenarien der Arbeitswelt im Jahr 2035. Diesmal im Fokus: die neue Biedermeier-Gesellschaft.

Das Jahr 2035 ist gekennzeichnet durch zwei zentrale Attribute des Biedermeier: traditionelle Wertorientierung und analoge Arbeitswelt. Bis 2035 entwickelt sich eine Gegenbewegung zur Digitalisierung. Der Bürger toleriert die massiven Eingriffe in seine Privatsphäre, Datendiebstahlskandale, Internet-Kriminalität, Cyber-Mobbing und Cyber-Terrorismus nicht länger. Spätestens wenn Datendiebe das Girokonto leergeräumt haben, erlischt selbst beim hartgesottenen Digital Native die Liebe zur unbegrenzten Freiheit im Internet.

Sicherheit und Stabilität

Dieser Gesellschaftsentwurf zeichnet sich durch ein Streben nach Stabilität, Risikoaversion und Sicherheitsorientierung aus. Die Mehrgenerationenfamilie ist zurück, weil sie ein hohes Maß dieser Attribute verspricht. Sie bietet Halt in einer technologisch verunsicherten Welt. Autonomie und Selbstversorgung sind groß in Mode. Die wirtschaftliche Entwicklung ist stark gebremst und der Arbeitsmarkt sehr lokal ausgerichtet. Die in der Großfamilie gebundene Bevölkerung ist kaum mehr regional mobil. Arbeitgeber mit Firmengeschichte, Tradition und konservativem Wertekanon sind gefragt. Jobbörsen tun sich schwer, da Arbeitgeber hauptsächlich aufgrund von Empfehlungen aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis ausgewählt werden. Deshalb investieren Unternehmen in dieser Zukunft sehr viel Zeit und Geld in lokale Strukturen. Sie entwickeln Mitarbeiter und Führungskräfte vor Ort, anstatt sie global zu rekrutieren.

Renaissance der Familienunternehmen

Unternehmen, die wenig Vertrauen genießen, nicht die gewünschte Sicherheit bieten oder bei denen operative Hektik integraler Teil der Firmenkultur ist, haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Deshalb ergreifen sie Maßnahmen, um besonders familienfreundlich, arbeitsplatz- und datensicher zu wirken. Sie pflegen Werte wie Beständigkeit, Familiensinn und Sicherheit. Diese Konstellation eröffnet gut geführten Familienunternehmen ganz neue Perspektiven, da sie diese Werte von jeher praktizieren. Konzerne in der Biedermeier-Zukunft kopieren diese Familienorientierung. Das Unternehmen im Jahr 2035 wird Teil der erweiterten Großfamilie mit allen ihren Biedermeier-Werten.

30 Mrd. jährlich werden in Deutschland in betriebliche Weiterbildung investiert.

Kulturverlust und Restauration

Angesichts des schon heute spürbaren Verlustes traditioneller Familienwerte wäre dieses Szenario für etliche Führungskräfte ein Kulturschock. Sie müssten praktizieren, was sie selbst nicht oder nur eingeschränkt erlebt und an keiner Bildungsinstitution gelernt haben. Die glaubhafte und nachhaltige Vermittlung von Sicherheit und Stabilität wäre ihnen völlig fremd, ja suspekt. Während große Teile des inhabergeführten Mittelstands florieren, darben Großkonzerne in diesem Szenario mangels qualifizierter Führungskräfte. Dieses Manko beleuchtet einen zentralen Aspekt der Zukunftskompetenz: Transformation.

Transformation meint Weiterbildung

Wie schnell kann ein Unternehmen bei Eintreffen eines bestimmten Szenarios sein Leadership-Paradigma wechseln? Das ist schon heute die tägliche Herausforderung eines Unternehmens, das seine Branchenhalbwertszeit überleben möchte: permanenter, strategischer, umfassender und nachhaltiger Wandel – kurz Transformation genannt. Leider konstituiert diese Anforderung ein grundlegendes Problem. Der Wandel dauert zu lange, benötigt zu hohen Aufwand und bringt nur magere Ergebnisse. Meist wird dabei auf die Belegschaft verwiesen. Das trifft zu, wenn man außer Acht lässt, wer für die Belegschaft zuständig ist. Wie die Erfahrung zeigt, sind gut geschulte Mitarbeiter und Manager sehr viel wandlungsfähiger und -williger als Menschen, die ohne Vorbereitung mit Wandlung konfrontiert werden.

Zukunft ist Trainingssache

Schon heute werden knapp 30 Milliarden Euro jährlich für die betriebliche Weiterbildung allein in Deutschland ausgegeben. Transformationskompetenz findet sich bislang so gut wie nicht in den Curricula, außer bei den „Best in Class“. Dabei ist sie eine zentrale Kompetenz für den Erfolg der Zukunft. Wir alle beklagen uns darüber, wie schnell und radikal sich die Zeiten ändern. Und dann weigern wir uns, jenen Menschen, die mit diesem stürmischen Tempo Schritt halten müssen, ein Lauftraining zu spendieren? Dabei kann aus jedem Transformationsjogger mit etwas Training ein Transformationssprinter werden.