Der Niedrigzins macht uns arm | KPMG | DE
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Niedrigzins

Der Niedrigzins macht uns arm

Der Niedrigzins macht uns arm

Keyfacts über Niedrigzins

Niedrigzins

Anstieg der Zinsen wird nicht erwartet • Die Altersarmut wird erheblich zunehmen • Auf die jüngere Generation kommt eine erhöhte Steuerlast zu

Er ist Segen für den Häuslebauer: Der Niedrigzins. Dem Staat verschafft er einen fast ausgeglichenen Haushalt. Leider legt er auch den Grundstock für künftige Altersarmut und Sozialleistungen – ein sozialer Kollaps mit Ansage.

Die Zinsen bewegen sich auf einem historisch niedrigen Niveau. Kaum ein Experte, der für die nahe Zukunft signifikant höhere Zinsen erwartet – selbst ein vorübergehender Anstieg kann darüber nicht hinwegtäuschen.

Es freuen sich diejenigen, die ihr Eigenheim mit einem niedrigen Zins finanzieren können. Aber sind nicht gerade aufgrund der niedrigen Zinsen die Immobilienpreise drastisch gestiegen? Es leiden: Sparer, Lebensversicherer und Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Leistungen der betrieblichen Altersversorgung anbieten.

Sparer: Jahrelang suggerierten uns die Politik und die Versicherungen, wir müssten in unseren jungen Jahren nur fleißig Geld auf die Seite legen. Dann würden wir im Alter einen gesunden Kapitalstock aufgebaut haben, der weiterhin Zinsen abwirft – ein wesentlicher Baustein in unserer Altersabsicherung.

Doch heute erhalten wir kaum noch Zinsen auf unser Vermögen – jedenfalls nicht, wenn wir es konservativ anlegen. Wir müssen froh sein, wenn unser Kapital nicht sogar entwertet wird – bleiben die Zinsen doch oft schon hinter der Inflation zurück. Oder es fallen sogar negative Zinsen an.

Lebensversicherer: Nein, ich möchte hier nicht die Lebensversicherer bemitleiden, die derzeit ihre Zinsversprechen nur ächzend erfüllen können. Was ist mit all den Menschen, die Lebens- oder Rentenversicherungen abgeschlossen haben und jetzt deutlich weniger Geld erhalten werden als geplant?

Unternehmen mit betrieblicher Altersversorgung: Noch erhält eine Vielzahl von Rentnern eine großzügige Betriebsrente. Aber Unternehmen haben die hierfür bestehenden Systeme aufgrund des internationalen Kostendrucks schon vor einigen Jahren erheblich reduziert.

Die derzeitige Niedrigzinsphase zwingt zahlreicheUnternehmen, diese Versorgungsleistungen weiter zu kürzen. Sie können den deutlichen Anstieg der Pensionsrückstellung, der sich allein aus den sinkenden Zinsen ergibt, bilanziell nicht verkraften.

Inzwischen bieten sie sogar häufig nur noch Modelle an, unter denen die Mitarbeiter ihre betriebliche Altersversorgung aus eigenen Mitteln – über den Weg des Gehaltsverzichts – finanzieren.

1.017 Mrd. Euro werden die jährlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege im Jahr 2029 betragen.

Wovon leben also später die Arbeitnehmer?

Als Erstes trifft es die geburtenstarken Jahrgängen, die kurz vor ihrem Ruhestand stehen: Auf ihre Ersparnisse erhalten sie kaum noch Zinsen, ihre Lebensversicherungen werfen weniger ab.

Auch ihre Arbeitgeber reduzieren die von ihnen finanzierten Versorgungsleistungen – und sie haben nicht mehr genügend Zeit, über den Weg der Entgeltumwandlung einen hinreichenden Versorgungsbaustein aufzubauen. Ganz abgesehen davon, dass selbst dann nur eine bescheidene Verzinsung erzielt wird.

Schon heute ist eine wachsende Altersarmut zu beobachten.

Auch die gesetzliche Rente unterliegt immer wieder Kürzungen. So stieg der Zahl derjenigen, die im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind, von 2005 bis 2013 um fast fünfzig Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt 2014).

Wer sich die Entwicklung des Niedrigzinses anschaut, für den ist schon jetzt sicher: Die Anzahl der Menschen, die Grundsicherung beantragen werden, wird zunehmen.

Nicht alle Rentner werden gesundheitlich in der Lage sein, weiterhin erwerbstätig zu sein.

Auch können nicht für alle Rentner adäquate Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden. Der Staat und der Steuerzahler werden einspringen müssen.

Ein vor einer Woche veröffentlichter Bericht der EU-Kommission bestätigt die drohende Altersarmut. Kaum ein Land trifft die Alterung der Gesellschaft so brutal wie Deutschland. Die jährlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege werden sich fast verdoppeln – von 520 Milliarden Euro 2013 auf 1.017 Milliarden Euro im Jahr 2060.

Dies wird die jüngere Generation belasten.

Schon heute wissen die jungen Menschen, dass ihre Altersversorgung noch geringer ausfallen wird, sie gleichzeitig aber höhere Beiträge zahlen müssen. Werden die jungen Menschen bereit sein, auch noch eine höhere Steuerlast zur Finanzierung der steigenden Sozialleistungen für Rentner zu tragen?

Über diese gesellschaftliche Komponente der niedrigen Zinsen wird noch viel zu wenig gesprochen.

Der Niedrigzins mag heute viele Menschen freuen – doch er legt den Grundstock für künftige Altersarmut und staatliche Sozialleistungen. Es ist dringend Zeit, das zu diskutieren.