Praktische Umsetzung des IFRS 9 – Eine Bestandsaufnahme im Bereich der Corporates

Praktische Umsetzung des IFRS 9

Die praktische Implementierung des IFRS 9 schreitet in Industrieunternehmen voran.

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Die praktische Implementierung des IFRS 9 schreitet in Industrieunternehmen voran. Dieser Artikel fasst die wesentlichen Herausforderungen zusammen und zeigt auf, in welchen Themengebieten momentan der größte Handlungsbedarf besteht.

Mit Veröffentlichung der Verordnung (EG) Nr. 2016/2067 vom 22. November 2016 wurde der Standard IFRS 9 für die Anwendung in Europa durch die EU-Kommission übernommen. Der Erstanwendungszeitpunkt in der EU folgt der Vorgabe des IASB und ist damit weiterhin der 1. Januar 2018 mit gestatteter vorzeitiger Anwendung. Darüber hinaus hat das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) den vollständigen Entwurf zum IDW ERS HFA 48 veröffentlicht, der konkretisierende Angaben zur Phase I: Classification & Measurement, Phase II: Impairment sowie Phase III: Hedge Accounting macht. Des Weiteren hat die European Securities and Markets Authority (ESMA) mit ihrem am 10. November 2016 veröffentlichten Papier ihre Erwartungshaltung formuliert, dass Unternehmen bereits vor dem 01. Januar 2018 in ihrer externen Finanzberichtserstattung quantitative Angaben zu den Auswirkungen von IFRS 9 auf Bilanz, GuV sowie das ökonomische und regulatorische Eigenkapital und die Disclosures veröffentlichen, sofern die Effekte sinnvoll, das heißt auf einer belastbaren Grundlage, ermittelt werden können (Reasonably Estimable), mindestens jedoch qualitative Angaben zu den Inhalten und Auswirkungen des IFRS 9 macht. Letztere umfassen Ausführungen zur Phase I, II und III sowie zu den Disclosure-Anforderungen und der Transition. Dabei handelt es sich gleichermaßen um die fünf wesentlichen Umsetzungsfelder, die die Unternehmen vor unterschiedlich große Herausforderungen stellen.

Phase I Classification & Measurement stellt aktuell für die meisten Corporates wohl eine geringere Herausforderung dar. Während die Entscheidung und Einordung der Finanzaktiva in ein Business Modell eher einen formalen Akt als einen aktiven Eingriff in das Geschäftsmodell nach sich ziehen, scheinen die Restriktionen des SPPI-Kriteriums (Solely Payments of Pricipal and Interest) eher in besonderen Fällen zu greifen. Zu unterschiedlichen Auswirkungen in der Folgebewertung der Finanzinstrumente – im Vergleich zum IAS 39 – wird es demnach nur im geringeren Umfang kommen. Folglich ist zu erwarten, dass die praktischen Auswirkungen der Phase I lediglich zu einer Neuausrichtung der Kontenpläne oder einer veränderten Zuordnung zu den neuen Bewertungskategorien führen. Größere Herausforderungen können hingegen auftreten bei der Bestimmung des Fair Value von Eigenkapitalinstrumenten, die Zuordnung von Forderungen im Falle von Factoring oder ABS-Transaktionen zu einem Business Modell sowie die Beurteilung von Fondsanlagen. Insbesondere bei Anteilen an Immobilienholdings und Start-ups ist der unter IAS 39 zu beobachtende Bilanzansatz zu Anschaffungskosten nicht mehr zulässig. Die für einen künftigen Verkauf in Frage kommenden Forderungen sind zum Fair Value zu bilanzieren und entsprechend im Anhang auszuweisen. Fonds sind gemäß ihre Eigenschaft als Eigenkapital- oder Fremdkapitalinstrumente unterschiedlich zu bilanzieren. Daher ist es unabdingbar, dass sämtliche Finanzaktiva im Konzern hinsichtlich der Erfüllung des SPPI-Kriteriums beurteilt werden.

Die größte Herausforderung stellt für Unternehmen erfahrungsgemäß das Thema Impairment dar. Im Vordergrund stehen hier die Umsetzungserfordernisse

  • ­ Erhebung historischer Ausfalldaten,
  • ­ Einbeziehung von Forward Looking Information,
  • ­ Implementierung eines Backtesting,
  • ­ Portfoliobildung sowie
  • ­ die Definition von Credit-Impaired Financial Assets,

die bereits im Newsletter (Mai 2016) IFRS 9 – Wesentliche Anforderungen an das Impairment für Corporates beleuchtet worden sind. Hierbei geht es insbesondere um die (konzernweite) Erhebung und Aggregation von Daten zu einer Art Datenbank, was methodisch, technisch und prozessual einen erhöhten operativen Aufwand bedeutet. Die Ableitung erwarteter Forderungsausfälle alleine auf Basis von in den letzten Jahren eingetretenen Ausfällen ist methodisch inkonsitent. Ebenso können nicht einfach Forderungsausfälle eines Jahreszeitraums mit den Forderungsbeständen am Jahresende in Beziehung gesetzt werden, sondern mit den Forderungszugängen während desselben Zeitraums. Gefordert sind daher das Kreditrisikomanagement sowie die Debitorenbuchhaltung, die entsprechende Informationen und Daten zu einem ganzheitlichen Expected Credit Loss vereinen müssen. Sofern Unternehmen für Zwecke des Kreditrisikomanagements Unterscheidungen nach Kundengruppen, Regionen oder Geschäftsbereichen vornehmen, Ausfallwahrscheinlichkeiten ermitteln oder Indikatoren berücksichtigen, dürften diese in der Regel auch Grundlage für die Ermittlung des Expected Credit Loss sein. Damit ist eine entsprechende Verzahnung von Kreditrisiomanagement und Rechnungswesen verbunden. Für die kleinere Gruppe von Unternehmen, die Geldanlagen in gehandelten Wertpapieren haben, stellt die gesonderte Berücksichtigung der bonitätsinduzierten Wertveränderungen eine nicht zu unterschätzende Komplexität bei der Bewertung und den Buchungslogiken dar.

Das Hedge Accounting wiederum betrifft diejenigen Unternehmen, die im größeren Umfang Derivate im Einsatz und in diesem Zusammenhang Hedge Accounting designiert haben. Hier zeigt sich in der Praxis ein heterogeneres Bild als in den Phasen I und II. Nichtsdestotrotz kann man bereits heute sagen, dass beispielsweise die Designationsmöglichkeit einer Nettoposition oder auch die Möglichkeiten der Designation eines Aggregated Exposure eine eher untergeordnete Rolle spielen. Dagegen beschäftigen sich Unternehmen verstärkt mit der Berechnung der CBS-Komponente (Currency Basis Spread) bei Währungssicherungen und den damit verbundenen Buchungen für die Berücksichtigung der Cost of Hedging. Der Wegfall der 80 bis 125%-Effektivitätsgrenze wird als Vereinfachung wahrgenommen, während die Möglichkeit der Komponentendesignation zwar eine wesentliche Erleichterung für des Hedge Accounting von Rohstoffrisiken darstellt, jedoch noch nicht in dem Umfang auf den Weg gebracht wird, wie man es gegebenfalls hätte erwarten dürfen. In Anbetracht der bis zum ersten Abschluss 2018 zwingend umzusetzenden Anforderungen sowie dem Aufwand für die Berechnung des zu sichernden Rohstoffrisikos verlagern Unternehmen dieses Wahlrecht auf die Optimierungsphase nach Erstanwendung, zumal die Designation nur prospektiv erfolgen kann.

Vielfältige Neuerungen bei den Disclosure-Anforderungen bedingen oftmals einen deutlich höheren Umsetzungsaufwand als erwartet. Hier müssen zur konzernweiten Abfrage der entsprechenden IFRS 7-Angaben frühzeitig Kontenpläne respektive FS Items definiert und implementiert werden. Ein wesentlicher Mehraufwand ist unter anderem im Bereich der Anhanangaben zur Wertberichtigung finanzieller Vermögenswerte zu erwarten. Daneben zeigen sich umfangreiche Neuerungen im Hedge Accounting. So sind unter anderem Angaben nach Risikokategorien im Hedge Accounting zu tätigen, die eine gesonderte, umfangreiche Datengrundlage nach sich ziehen können.

Das Thema Transition zeigt sich aktuell am Markt als am wenigsten konkretisiert. So bleiben oftmals viele Fragen offen, wie der Übergang von IAS 39 auf IFRS 9 am DIA (Date of Initial Application) zeitlich, fachlich und technisch erfolgen soll. Eine frühzeitige Anwendung des IFRS 9 ist nahezu nicht zu beobachten. Gleiches gilt für Möglichkeit eines Restatement bei erstmaliger Anwendung. 

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 66, April 2017
Autor: Christoph Lippert, Manager, Finance Advisory, christophlippert@kpmg.com 

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