Risikomanagement mit Wetterderivaten | KPMG | DE

Das Wetter in den Griff kriegen ­- Risikomanagement mit Wetterderivaten

Risikomanagement mit Wetterderivaten

Eine Einflussgröße ist für viele Branchen das Wetter, das als nicht beeinflussbar gilt.

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Jedes Unternehmen agiert in einem unsicheren Umfeld und ist immer schnelleren Veränderungen ausgesetzt. In der strategischen Planung wird versucht, eine möglichst große Klarheit über die möglichen Veränderungen des Umfelds, wie zum Beispiel Aktivitäten von Wettbewerbern, Gesetzgebung und Regulierung etc. zu erreichen, damit die notwendigen Schritte zur Erreichung der Unternehmensziele vereinbart werden können.

Ein Ziel der Unternehmungen ist das Erzielen des geplanten Finanzergebnisses, in dem sich der Umsetzungserfolg der Summe der Maßnahmen widerspiegelt.

Eine Einflussgröße, die bei einer erhöhten Anforderung an Ergebniskonstanz an Bedeutung gewinnt, ist für viele Branchen das Wetter. Dies gilt gemeinhin als nicht beeinflussbar. Trotzdem muss ein Unternehmen die Auswirkungen des Wetters auf den Geschäftserfolg nicht passiv hinnehmen, da diese absicherbar sind. Es können die Auswirkungen für ein einzelnes Ereignis wie Open-Air-Konzerte oder ein Golfturnier abgesichert werden, aber auch längere Zeiträume wie die Sommersaison für das Freibad oder die Eisdiele, die Stromerzeugung einer Windkraftanlage, die Lieferung von Gas zum Heizen an Haushalte oder der Arbeitsfortschritt auf einer Baustelle. Viele der Risiken wirken sich direkt auf das Ergebnis der Unternehmen aus, da die Kosten häufig zum Großteil konstant sind.

Durch die Verfügbarkeit von Daten kann die Abhängigkeit vom Wetter heutzutage von einer „diffusen Unsicherheit“ in ein quantifizierbares Risiko überführt werden. Dies führt zu der Möglichkeit, den Einsatz von Produkten zur Absicherung gegen das Risiko zu bewerten. Die verfügbaren Produkte berechnen die Eintrittswahrscheinlichkeit für die verschiedenen Ereignisse auf Basis von Vergangenheitswerten. Damit steht ein weiteres Instrument für das Risikomanagement für eine Vielzahl an Branchen zur Verfügung, das die Absicherung von Zins-, Wechselkurs- und Preisrisiken für Rohstoffe ergänzen kann. Der Einsatz setzt ebenfalls eine detaillierte Auseinandersetzung mit den einzelnen Produkten voraus.

Die häufigste Form ist der Einsatz einer Versicherung, indem zur Beginn des Vertrags eine Prämie für eine Option gezahlt wird. Am Ende der Vertragslaufzeit erfolgt die Erfüllung durch Barausgleich, nachdem die abgesicherte Variable bekannt ist.

Exemplarisch für die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Wetterderivaten sind hier zwei Anwendungsfälle beschrieben:

Stadtwerk – Gasverkauf: Absicherung gegen einen warmen Winter

Die Standardanwendung für Wetterderivate ist die Absicherung gegen einen warmen Winter, weil dann weniger Gas als erwartet und meistens auch kontrahiert an die Kunden geliefert wird. Hierbei handelt es sich um ein sogenanntes Volumenrisiko. Verkompliziert wird dies noch durch das Preisrisiko, wenn die nicht benötigten Mengen ­gegebenenfalls unter Einstandspreis im Einkauf als Termingeschäft ­auf einen dann überversorgten Markt treffen, weil alle Lieferanten das gleiche Mengenproblem haben.

Zur Vermeidung oder zumindest Reduzierung dieses Risikos kann ein sogenanntes Heating-Degree-Day- (HDD) oder Gradtagszahl-Produkt gekauft werden (finanzwirtschaftlich: Kauf einer Put Option), das über die Vertragslaufzeit einen Wert an HDD, die Summe des Heizbedarfs, definiert. Über die Vertragslaufzeit werden täglich die Ist-Temperaturen mit dem Referenzwert verglichen und die für die Auszahlung relevanten Werte aufaddiert. Wird der Referenzwert über die Vertragslaufzeit unterschritten, kommt es also zu einem reduzierten Absatz, erhält das Stadtwerk eine Ausgleichszahlung in Abhängigkeit der Temperaturdifferenz, um den Margenausfall zu reduzieren.

Um das angestrebte Ziel des möglichst konstanten Ergebnisses zu realisieren, ist es notwendig, vorab die Sensitivität für die Unterschreitung abzustimmen. Diese wird auch maßgeblich die Prämienhöhe beeinflussen.

Liegt die Temperatur oberhalb des vereinbarten Wertes, ist der Heizbedarf also größer als abgesichert, erfolgt keine weitere Zahlung. Die vorab gezahlte Prämie wird nicht erstattet und das Stadtwerk realisiert mindestens die geplante Marge durch die Lieferung an ihre Kunden.

 

Kommune – Windeinspeisung: Absicherung gegen geringes Windangebot

Eine andere Form ist die Absicherung eines Index-Wertes ohne Prämienzahlung. Der Partner, zu dessen Gunsten der Index am Ende steht, zahlt einen vereinbarten Betrag an den anderen Partner. Ein Beispiel ist der seit Oktober 2016 an der Börse European Energy Exchange (EEX) in Leipzig angebotene Kontrakt, mit dem die Windausbeute abgesichert werden kann (Produkt: Wind-Power-Futures). Handelspartner über die Börse könnten ein Windanlagen- und ein Kraftwerksbetreiber sein.

Der Windanlagenbetreiber hat bei niedrigem Windaufkommen ein Risiko, dass erwartete Einnahmen aus der Stromvermarktung nicht erzielt werden können. Der Kraftwerksbetreiber hat ein Risiko bei hohem Windaufkommen, da er dann seinen Strom nur zu niedrigeren Preisen im Kurzfristhandel verkaufen kann. Diese entgegengesetzten Interessen sind die besten Voraussetzungen für einen Handel, in dem beide das primäre Ziel verfolgen, das Risiko zu reduzieren.

Die Veränderungen in den Märkten, wie sie zum Beispiel von KPMG in der Studie „Stadtwerke auf dem Weg in die Krise“ herausgearbeitet wurde, zeigen, dass die Möglichkeiten, schlechte Jahresergebnisse zu akzeptieren, weniger geworden sind. Dies sollte der Ansatz sein, aktiv ein weiteres Risiko zu quantifizieren und mit neuen Instrumenten zu bewirtschaften, weil die Praxis lehrt, dass auch dann immer noch genug Risiken übrigbleiben. 

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 63, Januar 2017
Autor: Malte Neuendorff, Senior Manager, Finance Advisory, mneuendorff@kpmg.com
 

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