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Energie- und Rohstoffbezugsverträge - Fallstricke bei der bilanziellen Erfassung

Energie- und Rohstoffbezugsverträge

Für die Beschaffung von Strom und Gas nutzen viele Unternehmen statt Vollversorgungsverträgen inzwischen strukturierte Energiebezugsverträge.

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Für die Beschaffung von Strom und Gas nutzen viele Unternehmen statt Vollversorgungsverträgen inzwischen strukturierte Energiebezugsverträge. Die Vielfalt der durch die Energiewirtschaft angebotenen Vertragsgestaltungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Diese bieten häufig die Möglichkeit einer flexiblen Preissteuerung. Dadurch können auch kleine und mittlere Unternehmen ihre Energiebeschaffungskosten frühzeitig absichern und dabei auch Preiserwartungen berücksichtigen, wie es früher nur mit dem Einsatz von börsennotierten Handelsprodukten möglich war. Wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch auch die bilanziell korrekte Abbildung solcher Vertragstypen sicherzustellen.

Ein Großteil der Energiebezugsverträge erfüllt auch bei einer physischen Lieferung der Energie (Underlying) die Voraussetzungen eines Derivats nach IAS 39.9 (Wertabhängigkeit von einem Underlying, fehlende/geringe Anfangsauszahlung sowie Settlement in der Zukunft). Deshalb sind sie grundsätzlich zum beizulegenden Zeitwert zu bilanzieren. Dies erfordert eine regelmäßige Marktwertermittlung und Verbuchung und hat entsprechende GuV-Schwankungen zur Folge, soweit kein Hedge Accounting angewandt wird. Gleiches gilt für sonstige Materialbeschaffungskontrakte sowie für entsprechende Absatzverträge (zum Beispiel Metalle, Soft Commodities). Somit sind von dieser Thematik meist Unternehmen mit hohem Energiebedarf betroffen, sowie solche, die für ihre Produktion Rohstoffe beschaffen bzw. Rohstoffe als Endprodukt vertreiben.

Eine Einstufung als Derivat und damit die Bilanzierung zum Marktwert kann – als vom Standard definierter Ausnahmefall – vermieden und der Bezugsvertrag dann weiterhin als schwebendes Geschäft behandelt werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden.

Die Anwendung dieser sogenannten „Own-Use-Exemption“ erfordert den Nachweis, dass der Vertrag für die Deckung des Bedarfs aus dem operativen Geschäftsbetrieb eingegangen wurde. Eine Verletzung der Bedingungen kann zu einem sogenannten Tainting des Vertrags und sämtlicher gleichartiger Verträge führen und die sofortige Anwendung des IAS 39 zur Folge haben.

In der Praxis ist bei der Anwendung der Own-Use-Exemption insbesondere sicherzustellen, dass alle kontrahierten Mengen tatsächlich physisch geliefert werden und kein finanzielles Settlement vor oder zum Laufzeitende stattfindet. Analog zu einem direkten Cash-Settlement wird auch der Abschluss von gegenläufigen Geschäften mit Dritten zur Auflösung der Position sowie der kurzfristige Abverkauf nach Erhalt der Waren ohne weitere Wertschöpfung des Vertrags behandelt.

Dies bedeutet im Falle der Energiebezugsverträge, dass das Öffnen bzw. Auflösen früher preisfixierter Mengen gegen einen Marktwertausgleich nicht zulässig ist, auch wenn dies aufgrund möglicherweise gesunkener Bedarfsprognosen aus ökonomischer Sicht angebracht wäre. Nur unter wenigen in den Standards explizit benannten Ausnahmefällen, wie seltenen und unvorhersehbaren Ereignissen, kann auf einen Ausnahmefall verwiesen und von einem Tainting Abstand genommen werden.

Um eine sachgerechte Bilanzierung von Warenbeschaffungs- und Absatzverträgen sicherzustellen empfehlen wir die folgenden Maßnahmen:

  • Implementierung eines Prozesses zur Identifikation von Warenverträgen, welche die Voraussetzungen eines Derivats erfüllen. Da solche Verträge typischerweise auch im Einkauf und im Vertrieb abgeschlossen werden, sind die entsprechenden Abteilungen zu schulen.
  • Strukturierte Analyse der entsprechenden Verträge auf Bilanzierungspflicht nach IAS 39 (hierunter fällt auch die Prüfung auf eingebettete Derivate) und Anwendung der Own-Use-Exemption.
  • Frühzeitige Etablierung einer Portfoliostruktur, die Verträge mit erwartetem Cash Settlement von Own-Use-Verträgen separiert, sodass die bilanziellen Folgen im Falle eines Bedarfsrückgangs begrenzt sind. Beispielsweise kann ein Teil der Bezugsvolumina, für welchen die physische Abnahme als nicht sicher angenommen wird, in einem separaten Buch durch ein bewusstes Tainting der Bilanzierung nach IAS 39 zugeordnet werden. Durch Hedge Accounting kann dann eine Ergebnisglättung erfolgen. Im Falle der Nichtabnahme ist so eine einfache Auflösung der Sicherungsbeziehung ohne sonstige Konsequenzen möglich.
  • Frühzeitige Abstimmung etwaiger individueller Sondersachverhalte mit dem Wirtschaftsprüfer und Anfertigung etwaiger notwendiger Dokumentationen zum Nachweis einer „zulässigen Glattstellung“.

Auch unter IFRS9 bleiben die Regelungen der Own-Use-Exemption im Wesentlichen unverändert und unterliegen somit keinem umfangreichen Anpassungsbedarf.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 61, November 2016
Autor: Daniel Rahmann, Manager, Finance Advisory, drahmann@kpmg.com

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