Brexit: Ungewissheit als neue Normalität für die Fertigungsindustrie

Ungewissheit in der Fertigungsindustrie

Am 23. Juni 2016 beschlossen die britischen Wähler den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Die Folgen für die Fertigungsindustrie sind noch unklar.

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Für diesen Prozess gibt es bislang keine Blaupause oder ein vergleichbares, historisches Vorbild. Die Verunsicherung über die zukünftigen Rahmenbedingungen des Warenaustauschs sowie die wirtschaftliche Zusammenarbeit der EU mit Großbritannien ist deswegen groß. Sollte der Antrag zum Austritt aus der EU, wie von der britischen Premierministerin Theresa May angekündigt, bis März 2017 erfolgen, ist voraussichtlich im Frühjahr 2019 mit einem Vollzug des Brexit zu rechnen. Wie Großbritannien und die EU dann künftig zusammenarbeiten werden, steht noch nicht fest.

Die vollen Auswirkungen des Votums auf die europäische Zulieferkette werden sich erst nach dem offiziellen Antrag und dem Beginn der Austrittsverhandlungen zeigen. Gewiss ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur die Verunsicherung vieler Beteiligter. Die am häufigsten diskutierten Punkte sind dabei die zukünftige Steuerpolitik, Wechselkursrisiken durch ein volatiles Pfund und die gesamte Transferpreisthematik.

Rückläufige Ausfuhren befürchtet

Die Fertigungsindustrie reagierte auf diese Unsicherheit zunächst mit einer Zurückhaltung bei Investitionen und Entscheidungen für langfristige Projekte. Es wird erwartet, dass Investitionen in Maschinen am stärksten zurückgehen werden, gefolgt von Metallerzeugnissen und Anlagen.

Weniger stark betroffen dürften hingegen Investitionen in Forschung und Entwicklung sein, da diese zumeist langfristig geplant sind. Außerdem wird vermehrt befürchtet, dass der britische Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt rückläufige Ausfuhren nach sich ziehen könnte – auch da eine zu erwartende Abwertung des britischen Pfundes europäische Produkte auf der Insel verteuert. Die Wiedereinführung von Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen könnte das Geschäft zusätzlich erschweren. 

Fertigungsindustrie von Brexit besonders stark betroffen

Für exportstarke Unternehmen wie die der deutschen Fertigungsindustrie wäre eine Fragmentierung der Beschaffungs- und Absatzmärkte ausgesprochen negativ.

So liegt Großbritannien im Länderranking der deutschen Maschinenbauexporte laut dem Branchenverband VDMA auf Rang vier. 2015 war Deutschland mit 20,6 Prozent der dorthin importieren Maschinen sogar der wichtigste Maschinenlieferant für Großbritannien – vor den USA (16,2%) und China (8,9%). Besonders gefragt waren Werkzeugmaschinen, Fördertechnik, allgemeine Lufttechnik, Landtechnik, Baumaschinen und Antriebstechnik.

Auch als Investitionsstandort für deutsche Unternehmen hat Großbritannien einen besonderen Stellenwert. Im Ranking der wichtigsten Standorte für deutschen Direktinvestitionen in den ausländischen Maschinenbau landete es auf dem sechsten Platz. Nach einer VDMA-Umfrage aus dem Jahr 2014 sind dort etwa 155 Mitgliedsunternehmen des Verbands mit knapp 200 Auslandsniederlassungen vertreten.

Großbritannien größter Nettoimporteur von stahlhaltigen Gütern in der EU

Die Bandbreite des Engagements auf der Insel reicht dabei von Vertriebs- und Serviceniederlassungen bis hin zu Montage- und Produktionswerken. Ein längerfristig geringeres Wachstumspotenzial durch den Brexit betrifft auch die Stahlindustrie und ihre Wertschöpfungsketten in Großbritannien und der EU. Nach Angaben des Branchenverbandes WV Stahl ist Großbritannien der größte Nettoimporteur von stahlhaltigen Gütern in der EU und für die deutschen Stahlverarbeiter der wichtigste Absatzmarkt – noch vor den USA und Frankreich.

Sehr konkret wirkt sich die Brexit-Entscheidung der Briten gegenwärtig auf die Konsolidierung des europäischen Stahlmarktes aus. Die schon fortgeschrittenen Gespräche zwischen der indischen Tata-Gruppe und der deutschen thyssenkrupp über eine Zusammenlegung ihrer europäischen Stahlsparten liegen seit dem Referendum auf Eis. In dem von Überkapazitäten geprägten europäischen Stahlmarkt wollten beide Partner „nur noch moderne und wettbewerbsfähige Stahlstandorte in Europa“ betreiben.

Gemein ist den meisten Unternehmen der Fertigungsindustrie, dass Großbritannien für sie ein wichtiger, aber zugleich gesättigter und reifer Absatzmarkt ist. Bei vielen Unternehmen sind die UK-Aktivitäten Bestandteil eines globalen Produktionsnetzwerkes, ebenso häufig sind sie aber auch nur auf den nationalen Markt ausgelegt. Die strategische Bedeutung britischer Töchter ist im Vergleich zu anderen Initiativen in Wachstumsmärkten eher gering.

Langfristige Entwicklungen – Szenarien für die Fertigungsindustrie 

Es gilt abzuwarten, wie genau sich die Neuordnung zwischen Großbritannien und der EU nach dem Brexit gestalten wird. Sollte die Regierung in London die innerhalb der EU geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit nach dem Austritt beschränken wollen, würde sie damit gegen eine Grundregel des EU-Binnenmarkts verstoßen. Nach Stand der Vorverhandlungen würde Großbritannien dann den vollen EU-Binnenmarktzugang verlieren – mit nachhaltigen negativen Auswirkungen für beide Seiten.

Ein weiteres denkbares Szenario: Großbritannien wird nach dem Ausscheiden aus der EU für andere Handelspartner (außerhalb der EU) attraktiver. So wäre es vorstellbar, dass die USA mit den Briten ein bilaterales Freihandelsabkommen aushandeln könnten – gerade unter den Eindrücken der gegenwärtig ins Stocken geratenen TTIP-Verhandlungen ist dies nicht auszuschließen. Weitere Gedankenspiele beschäftigen sich mit einem Beitritt Großbritanniens zur transpazifischen Partnerschaft (TPP) und der Wiederbelebung des Commonwealth.

Kurzfristig ist die Verunsicherung aller Beteiligten verknüpft mit Investitionszurückhaltungen für Großbritannien und die EU gleichermaßen schädlich. Mittel- bis langfristig kann es Großbritannien gelingen, sich als gut vernetzter Handelspartner international zu empfehlen und als Alternative zur EU mit genau dieser in einen Wettbewerb zu treten – ein Szenario mit größerem Schaden für die EU.

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