Die Folgen des Brexits für die Chemie- und Pharmaindustrie

Die Chemie- und Pharmaindustrie und der Brexit

Der Brexit verstärkt den Fachkräftemangel und schadet so britischen Pharmaunternehmen. Für deutsche Produzenten könnten separate Medikamentenzulassungen erforderlich werden. Dem Chemiesektor drohen vor allem Nachteile durch die abflauende Konjunktur.

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Brexitfolgen für Chemieindustrie und Pharmindustrie

Die Folgen des Brexit-Votums sind weiterhin spürbar: Wenngleich sich die Finanzmärkte nach dem ersten Schock erholt haben, bleibt das Pfund auch Monate nach der Abstimmung unter Druck. Außerdem wird die Wirtschaft durch die anhaltende Unsicherheit geplagt. Ökonomen rechnen sowohl für Großbritannien als auch für die EU bereits kurzfristig mit geringerem Wachstum.

Für die Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche sind die kurzfristigen Folgen unterschiedlich: Makroökonomische Faktoren wirken sich auf Pharmaunternehmen grundsätzlich kaum aus, da der Absatz von Medikamenten relativ unabhängig von der Konjunktur ist. Den Chemiesektor als Zulieferbranche für zahlreiche Industrie- und Endkundenmärkte treffen die konjunkturellen Schwankungen dagegen sehr viel stärker. Die negativen Aussichten wirken sich daher direkt auf die Branchenumsätze aus.

Langfristig steht viel auf dem Spiel: Großbritannien ist mit einem Handelsvolumen von rund 20 Milliarden Euro der sechstwichtigste Handelspartner der deutschen Chemie- und Pharmabranche. Vor allem Spezialchemikalien und Pharmazeutika werden gehandelt. Darüber hinaus besitzen die deutschen Unternehmen 63 Tochtergesellschaften mit einem Umsatz von über vier Millarden Euro in Großbritannien, womit es der viertwichtigste Auslandsstandort ist. Ähnlich eng sind die Beziehungen zwischen Großbritanniens und vielen anderen EU-Ländern.

Wie sich diese Beziehungen langfristig entwickeln, hängt schlussendlich davon ab, welches Modell (z.B. Norwegen, Schweiz, WHO) für die Zeit nach dem Austritt ausgehandelt wird – eine verlässliche Prognose lässt sich darüber noch nicht treffen. Allerdings drohen Konsequenzen für beide Branchen.

Weniger Pharma-Forschung ohne EU-Gelder?

Für die Pharmaindustrie halten sich die negativen Auswirkungen des Brexit-Votums bisher in Grenzen. Die großen Pharmahersteller Großbritanniens profitieren gar vom schwachen Pfund, da sie ihre Umsätze größtenteils in anderen Währungen erzielen. So stiegen deren Umsätze im 2. Quartal 2016 teilweise um über zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Investitionsaktivität in der britischen Pharma-Branche reagierte ebenfalls positiv. So stieg die Anzahl der Pharma-M&A-Deals 2016 bisher um rund 20 Prozent. Im Vergleich dazu blieb die Gesamtanzahl der M&A-Deals branchenübergreifend konstant und das Transaktionsvolumen sank sogar um 41 Prozent.

Großbritannien ist als größter europäischer Standort für Biotechs weiterhin beliebt bei Investoren. Nach der Brexit-Abstimmung sind vor allem Unternehmen mit globaler Ausrichtung gefragt, was für die Pharmabranche üblich ist. Besonders vorteilhaft sind darüber hinaus die währungsbedingt gefallenen Bewertungen britischer Unternehmen.

Sollte der Brexit Realität werden, drohen langfristig aber dennoch Probleme:

  • Regulierung: Die europäische Pharmaregulierung läuft vornehmlich über die European Medicines Agency (EMA), die zurzeit in London sitzt. Die EMA wird ihren Sitz zwangsläufig aufs europäische Festland verlagern. Wichtiger ist allerdings, dass Großbritannien ein eigenes Regulierungssystem bräuchte, sollte es nicht weiterhin Teil des Binnenmarktes bleiben. Unternehmen müssten dann ihre Medikamente in beiden Märkten zulassen, was den Aufwand erhöhen und die Bearbeitungszeiten verlängern würde.
  • Research-Funding: Großbritannien erhält nach Deutschland die meisten Forschungsgelder aus der EU, wovon ein Großteil in die Pharmaforschung fließt. Diese Zuwendungen werden nach dem Austritt stark zurückgehen, was der britischen Innovationsfähigkeit schaden könnte. Insbesondere die große Biotech-Branche hätte mit erheblichen Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen, sollte die britische Regierung keine angemessenen Alternativen bereitstellen. Auch die Zusammenarbeit in Forschungsfragen könnte deutlich erschwert werden.
  • Fachkräfte: Schon heute fehlen der britischen Pharmaindustrie fast 25.000 Fachkräfte, erschwerte Zuwanderungsbedingungen könnten diesen Mangel weiter verschärfen. Insgesamt betreffen die langfristigen Folgen die britische Branche am stärksten. Die europäische Industrie könnte sogar von ein besseren Finanzierung oder höherem Fachkräftepotential profitieren. Ohnehin ist der EU-Markt weitaus interessanter: Der britische Pharmamarkt ist nur knapp halb so groß wie der deutsche und sein Umsatzanteil an den zehn größten Weltmärkten beträgt lediglich 3,5 Prozent.

Chemie: Alte Zölle bleiben, neue drohen

Der erwartete Wachstumsrückgang in Großbritannien und der EU stellt für die Chemie-Branche kurzfristig die größte Gefahr dar. Längerfristig wird die enge Handelspartnerschaft auf dem Prüfstand stehen: Die EU exportierte 2014 chemische Güter im Wert von 22,3 Milliarden Euro in das Vereinigte Königreich, rund 2 Milliarden Euro mehr als sie importiert.

Kurzfristig wirkt sich das Brexit-Votum auch auf die Verhandlungen zu TTIP aus, denn mit Großbritannien verabschiedet sich einer der stärksten Befürworter des Abkommens aus der EU. Die chemische Industrie würde von TTIP profitieren: Alleine deutsche Unternehmen zahlen 140 Millionen Euro jährlich an Chemiezöllen an die USA. Auch zwischen Europa und Großbritannien könnten nach dem Brexit neue Zölle drohen, sollten die Briten den Binnenmarkt verlassen.

Besondere Bedeutung wird langfristig der Frage zukommen, ob die Chemikalienverordnung REACH und andere EU-Regelungen weiterhin in Großbritannien gelten. Auch hier droht ein Regulierungsdschungel mit unterschiedlichen Systemen, wenngleich sich viele Experte einig sind, dass Großbritannien ein Großteil der EU-Regelungen auf Grund deren hoher Komplexität übernehmen würde. Nichtsdestotrotz entstünden in Regulierungsfragen neue Hürden für Unternehmen.

Viele Experten gehen davon aus, dass die chemische Industrie zu den am stärksten betroffenen Branchen zählt. Großbritanniens Chemieindustrie könnte laut EulerHermes bis zu sieben Prozent ihrer Exporte einbüßen, so viele wie keine andere Branche.

Fazit: Schwierigkeiten für beide Branchen

Momentan bietet der Brexit auch Chancen – insbesondere für ausländische Investoren, die die günstige Bewertung britischer Unternehmen ausnutzen möchten. Diese Strategie bietet Ertragsmöglichkeiten, aber auch Risiken in Zeiten der Unsicherheit. Langfristig wird der Brexit Investitionen komplizierter machen, denn neue Vorgaben, etwa zu Wettbewerbsregularien oder Auslandsakquisitionen, könnten Deals mit britischen Unternehmen erschweren.

Für die Unternehmen aller Branchen ist die anhaltende Unsicherheit ein Problem. In der Pharmabranche trifft der Brexit langfristig insbesondere die britischen Unternehmen, zum Beispiel durch den Wegfall des europäischen Research-Fundings. In der Chemie wiegen regulatorische Hindernisse sowie weitere Handelshemmnisse am schwersten und werden Unternehmen auf beiden Seiten zusetzen.

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