Von IAS 39 zu IFRS 9

IAS 39 zu IFRS 9

Ist Ihr Treasury-Management-System fit für die Umstellung?

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Dieser Artikel schließt sich an „IFRS 9 – Was bedeutet der neue Standard für Ihr Treasury-Management-System?“ vom September 2015 an. In der Zwischenzeit wurde weiter an der Interpretation des neuen Standards insbesondere durch das DRSC („Deutsches Rechnungslegungs Standards Committee e.V.“) und das IDW (Institut der Wirtschaftsprüfer) gearbeitet, um die noch offenen Fragen zu beantworten. Dieser Prozess ist weiterhin im Gange, so dass einige Detailfragen noch offen sind. Der Fokus dieses Artikels liegt auf den verpflichtenden Anforderungen, optionale Aspekte werden Gegenstand späterer Beiträge sein.

Neben der technischen Umsetzung des IFRS 9 im Treasury-Management-System (TMS) sollten Unternehmen baldmöglichst beginnen, sich auch Gedanken um die Vorgehensweise bei der eigentlichen Umstellung zu machen. Hierfür eröffnet der Standard ein Wahlrecht, wonach: 

a) die Vorperioden retrospektiv angepasst werden können, unter der Bedingung, dass kein „Hindsight“ genutzt wird. Das bedeutet, dass für die Bewertung nur Informationen (zum Beispiel Marktdaten) verwendet werden, die am Stichtag und nicht erst später vorlagen.

b) Differenzen zwischen den Buchwerten der Vorperiode gemäß IAS 39 und dem Startbuchwert der Periode unter der erstmaligen Anwendung von IFRS 9 in den Gewinnrücklagen oder einem anderen (angemessenen) EK-Posten zu erfassen sind.

Wird Alternative b) angewandt, so sind IAS 8.22/24 relevant: Werden bei retrospektiver Anwendung die Vorjahreszahlen nicht angepasst (weil dies nicht möglich ist), so sind die Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden auf die Buchwerte der Vermögensgegenstände und Verbindlichkeiten zu Beginn der frühesten Periode anzuwenden, in der die Anwendung möglich ist.

Der IAS 8 ist in jedem Fall anzuwenden. Es ist eine entsprechende Drei-Spalten-Bilanz darzustellen, wobei eine Anpassung der Vorjahreszahlen nicht notwendig ist. Vielmehr sind die Werte der Eröffnungsbilanz anzupassen. Für den ersten Quartalsabschluss 2018 ist demnach eine Drei-Spalten-Bilanz zu erstellen, in der folgende Spalten enthalten sind:

  1. Buchwerte gemäß IAS 39 zum 31.12.2017
  2. Buchwerte gemäß IFRS 9 zum 01.01.2018
  3. Buchwerte gemäß IFRS 9 zum 31.12.2018

Für jede der drei Phasen, Klassifikation und Bewertung, Wertberichtigung (Impairment) und Hedge Accounting sowie die Anpassung des TMS hat dies konkrete Auswirkungen.

1. Für die Umstellung der Klassifikation und Bewertung steht das gesamte 1. Quartal 2018 zur Verfügung. Bei beiden Methoden kann eine parallele Bewertung nach IAS 39 und IFRS 9 vermieden werden.
Wird die Methode der retrospektiven Anpassung verwendet, so sind die Werte der Vergleichsperiode 2017 nach der Umstellung zu berechnen und auf spezielle Konten oder einen separaten Kontenrahmen zu buchen.
Wird die Methode der Differenz-Buchung verwendet, so sind die Buchwerte nach beiden Methoden zu berechnen und die Differenz entsprechend zu buchen.
Folgende Sachverhalte und Fragestellungen sind daher mit Hilfe des TMS zu lösen:

  • Wie wird die neue Klassifikation bestimmt? Gibt es eine Möglichkeit einer automatischen Ermittlung oder ist diese außerhalb des Systems durchzuführen?
  • Wie wird die neue Klassifikation den Geschäften zugeordnet? Gibt es dafür eine technische Unterstützung oder muss jedes Geschäft manuell angepasst werden?
  • Wie wird sichergestellt, dass bei der Berechnung der Buchwerte nach IFRS 9 ausschließlich die Umstellung der Methode der Grund für die Differenz ist und keine anderen Einflüsse (zum Beispiel Marktpreise)?
  • Wird die Differenz als eigener Wert ermittelt und als solcher gebucht oder müssen die jeweiligen IAS 39 und IFRS 9 Buchwerte gebucht werden? Wie sieht im zweiten Fall die Buchungslogik aus, die anzuwenden ist?

2. Im Bereich der Wertberichtigung (Impairment) herrscht derzeit häufig noch die Einschätzung, dass dieses Thema primär nur das ERP betrifft. Allerdings ändert sich mit IFRS 9 die Ausgangssituation. Viele Instrumente, für die unter IAS 39 eine Wertberichtigung durchzuführen war, insbesondere für Forderungen aus Lieferung und Leistung, sind im ERP nicht aber im TMS abgebildet. IFRS 9 weist für Fragen des Impairments jedoch einen abweichenden Scope auf, woraus sich eine Änderung dieser Einschätzung ergeben könnte. Aufgrund der Änderung der Berechnung („Expected Credit Loss“) stellt die Sammlung und Zusammenführung der notwendigen Daten für viele Unternehmen eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Daher sind die diesbezüglichen Aufwände entsprechend abzuschätzen und zu planen, auch wenn sie nicht in direktem Zusammenhang mit dem TMS stehen.

3. IFRS 9 bietet unterschiedlichen Varianten der Trennung und Buchung der Zeitwerte von Optionen. Dabei handelt es sich zwar nur um einen kleinen Ausschnitt des IFRS 9 Hedge Accounting, aber von diesem sind die Treasury-Management-Systeme direkt betroffen:

a) Für alle bereits in der Vergleichsperiode bestehenden oder designierten Hedges, bei denen lediglich der innere Wert einer Option ins Hedge Accounting designiert war, muss der Zeitwert retrospektiv ermittelt und unter den Vorgaben des IFRS 9 als Cost of Hedging im OCI erfasst werden. Die Anwendung gilt für den Gesamtbestand, sodass eine Entscheidung auf Basis des einzelnen Hedges nicht möglich ist. Der in der Vergangenheit in den meisten Fällen getrennt bilanzierte Zeitwert muss zunächst in das entsprechende OCI eingebucht und anschließend reklassifiziert werden. Es ist davon auszugehen, dass die TMS-Hersteller den von IFRS 9 geforderten „Aligned Time Value“ im jeweiligen System zur Verfügung stellen werden. Buchungen auf das OCI sind normalerweise ebenfalls problemlos möglich, aber trotzdem bleiben ein paar Fragen offen, die sich nicht nur in den Aufwänden der Umstellung, sondern auch im laufenden Betrieb niederschlagen:

i. Wird die Differenz zwischen dem „Time Value“ und dem „Aligned Time Value“ als separate Kennzahl berechnet und in die GuV gebucht, oder erfolgt das wiederum durch Buchung der einzelnen Beträge und die Differenz ist dann der Saldo daraus?
ii. Ist das TMS in der Lage, den gebuchten „Aligned Time Value“ automatisch vom OCI in die GuV zu re-klassifizieren?

b) Aufgrund spezieller Anforderungen in den Anhangangaben sollten Zeit- und Innerer Wert auf zwei getrennte OCI-(Unter-)Konten gebucht werden. Wie in den meisten Fällen sollte die Konfiguration und Buchung eines zweiten OCI-Kontos kein Problem darstellen. Aber auch hier stellt sich die Frage nach der automatischen Auflösung. Denn wenn diese nicht möglich ist, dann bedeutet das regelmäßige, manuelle Aufwände. Abhängig von der Methode, die zur Auflösung gewählt wurde, sind die Beträge, die umzubuchen sind, auch noch außerhalb des TMS zu berechnen. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn nicht der vollständige Betrag an einem Stichtag, sondern einzelne, zu berechnende Beträge über einen Zeitraum hinweg umzubuchen sind. Dieses manuelle Vorgehen ist entsprechend fehleranfällig und damit risikobehaftet.

c) IFRS 9 bietet die Möglichkeit, die Forward Points separat zu berechnen und auszuweisen. Obwohl es sich dabei um keine verpflichtende Maßnahme, sondern um eine optionale handelt, kann es sinnvoll sein diese zu wählen, denn damit können Forward Points analog zum Time Value behandelt werden. Da sich die Hersteller primär mit den verpflichtenden Anforderungen auseinandersetzen, wäre hier die Frage zu stellen, ob auch an den Forward Points analog zum Time Value gearbeitet und die gleichen Möglichkeiten geboten werden.

d) Beim letzten Thema im Zusammenhang mit der Trennung des Zeitwertes im HedgeAccounting, das hier betrachtet wird, handelt es sich um die retrospektive Trennung des Cross Currency Basis Spread. Im Unterschied zu den beiden vorhergegangenen Punkten besteht die Möglichkeit, über die retrospektive Anwendung im Einzelnen bei jedem Hedge zu entscheiden.
Allerdings wird derzeit diskutiert, ob wirklich die Notwendigkeit besteht, CCBS als dritte Komponente gesondert zu berechnen.Um die Aufwände für die Umsetzung der gesonderten Berechnung abschätzen zu können, stellt sich im ersten Schritt die Frage, wie diese Anforderung grundsätzlich vom Hersteller im TMS umgesetzt wird. Aus fachlicher Sicht stellt die Einrichtung einer zweiten Zinskurve und die Berechnung der Differenz aus der Bewertung auf Basis beider Kurven eine naheliegende Lösung dar. Für die Umstellung von IAS 39 auf IFRS 9 ergeben sich daraus folgende Fragen:

iii. Sind die zusätzlichen Zinskurven manuell anzulegen?
iv. Erfolgt die weitere systemspezifische Konfiguration ebenfalls manuell?

Im Allgemeinen werden aufgrund des IFRS Änderungen in der Kontenstruktur und den zugehörigen Buchungsregeln notwendig sein. Es stellt sich die Grundsatzfrage, ob diese Änderungen im aktuellen IAS 39-Buchungsrahmen durchgeführt werden oder ob es vorteilhaft ist, einen eigenen IFRS 9-Buchungsrahmen einzuführen. Das erlaubt eine einfache und sichere Trennung zwischen vorher und nachher. In diesem Fall ist es hilfreich, wenn die Erstellung und Buchung der Eröffnungsbilanz zum 01.01.2018 automatisch unterstützt wird.

Es ist offensichtlich, dass die Umstellung von IAS 39 zu IFRS 9 einige grundsätzliche Fragen der systemtechnischen Umsetzung aufwirft. Denn erst nach deren Beantwortung kann man die Aufwände, die im Rahmen dieser Umstellung entstehen, abschätzen und entsprechend planen. Je früher damit begonnen wird, desto geringer ist das zugehörige Projektrisiko zum 01.01.2018.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 43, März 2016
Autor: Karin Schmidt, Senior Manager, karinschmidt@kpmg.com

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