IFRS 9 – Was bedeutet der neue Standard?

IFRS 9 – Neuer Standard für Treasury Management System

Wir gehen davon aus, dass die geänderten Regelungen des IFRS 9 Anpassungen in verschiedenen Bereichen des TMS nach sich ziehen werden.

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Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 47, September 2015

Der 1. Januar 2018, ab dem IFRS 9 verpflichtend angewandt werden muss, rückt unaufhaltsam näher. Wenig verwunderlich ist daher, dass sich immer mehr Unternehmen verstärkt mit der anstehenden Herausforderung auseinandersetzen. Mittlerweile sind die Inhalte dieses neuen Standards weitestgehend klar.

Neben der fachlichen Thematik sollte auch auf die Umsetzung in dem jeweils eingesetzten Treasury-Management-System (TMS) ein besonderes Augenmerk gelegt werden, um die vorhandene Funktionalität zu nutzen, Anpassungsanforderungen zu identifizieren und weitestgehend zusätzliche manuelle Aufwände zu vermeiden.

Wir gehen davon aus, dass die geänderten Regelungen des IFRS 9 Anpassungen in verschiedenen Bereichen des TMS nach sich ziehen werden:

1. Bei der Klassifikation ist entscheidend, ob und wie die folgenden Kategorien des IFRS 9:

  • AC – Amortized Cost
  • FVOCI – Fair Value through Other Comprehensive Income
  • FVPL – Fair Value through Profit or Loss

technisch eingerichtet werden können und wie die Klassifikationskriterien (Business Model und SPPI-Kriterium) durch das TMS abgebildet werden können. Die Zuteilung zu einem Business Model ist vom Unternehmen vorzunehmen. Die Prüfung des SPPI-Kriteriums anhand eines Entscheidungsbaum kann sowohl innerhalb des TMS erfolgen als auch extern.

Die für die Klassifizierung wesentlichen Merkmale eines Geschäftes (zum Beispiel Instrument, Geschäftsmodell, erfülltes oder nicht erfülltes SPPI) lassen sich im TMS abbilden (zum Beispiel mithilfe einer Portfoliostruktur). Auf dieser Basis kann ein Geschäft automatisch klassifiziert werden und die zugehörige Dokumentation liegt bereits vorab vor.

2. Im Gegensatz zu IAS 39 sind nach IFRS 9 für Geschäfte der Aktivseite eingebettete Derivate nicht mehr zu separieren. Im Klassifizierungsprozess haben derivative Vertragsbestandteile wesentlichen Einfluss bei der Prüfung des SSPI-Kriteriums. Ist dieses (beispielsweise aufgrund von Klauseln mit derivativem Charakter) nicht erfüllt, ist der gesamte Vertrag zum Fair Value zu bilanzieren. Für Geschäfte der Passivseite ist nach IFRS 9 zu prüfen, ob eingebettete Derivate trennungspflichtig sind. Insbesondere für zusammengesetzte Instrumente kann die Fair Value Ermittlung sehr komplex werden, da nicht immer alle wertbestimmenden Informationen und Parameter im TMS vorhanden sind.

Das bedeutet, dass entweder diese Daten zur Berechnung importiert werden oder dass die Bewertung außerhalb des TMS erfolgt und anschließend das Ergebnis importiert wird. Je komplexer die Instrumente sind, die bereits jetzt bewertet werden können (zum Beispiel Callable Bonds, Credit Default Swaps), desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass nur geringe Anpassungen notwendig sein werden. Auf der anderen Seite muss sich jedes Unternehmen die Frage stellen, welche Instrumente aktuell bzw. zukünftig gehandelt werden sollen, um den eigenen Anpassungsbedarf für mögliche Fair Value Ermittlungen definieren zu können.

3. Bei den Wertminderungen (Impairment) gibt es bezüglich der TMS unterschiedliche Szenarien. Sind zum Beispiel Forderungen aus Lieferung und Leistung ausschließlich im ERP abgebildet, wird es häufig vorteilhaft sein, die Wertminderungen dort zu berechnen und zu buchen. Eine zusätzliche Abbildung im TMS ist dann nicht erforderlich. Werden aber entsprechende Transaktionen (zum Beispiel Anleihen, Kreditlinien) auch im TMS geführt, dann muss eine dortige Abbildung möglich sein.

Nur dann sind TMS und ERP konsistent und dem Treasurer stehen die nach IFRS 9 notwendigen Informationen direkt zur Verfügung. Die Einteilung der Geschäfte in die drei Impairment-Stufen („Three Buckets“) sollte dabei kein Hindernis darstellen. Sofern das TMS keine entsprechende Funktionalität zur Berechnung des erwarteten Verlusts bereitstellt, muss zumindest der Import der außerhalb des TMS berechneten Wertberichtigungen möglich sein.

Bei Ermittlung der Buchungen für das Impairment im TMS ist die Bereitstellung der relevanten Parameter (PD und LGD) erfor-derlich, dies bedeutet eine erhöhte Komplexität für die Systemanbieter und Anwender. Unabhängig davon, ob die eigentliche Berechnung innerhalb oder außerhalb des TMS erfolgt, sollten die notwendigen Buchungen vom TMS erzeugt und an das ERP weitergegeben werden können.

4. Im Rahmen des Hedge Accounting sind durch den Wegfall des Wahlrechts der OCI-Auflösung bei nicht finanziellen Grundgeschäften und geänderten Designationsmöglichkeiten die Logiken der OCI-Auflösung durch die Unternehmen zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen.

Werden Nettopositionen oder aggregierte Exposures als Grundgeschäfte in Cash Flow Hedges designiert, sind die aktuellen Funktionalitäten eines TMS dahingehend zu prüfen, ob die Reklassifikation des OCI zeitlich und sachlich korrekt erfolgt – dies wird nicht ohne Anpassungen möglich sein.

Ähnliche Funktionalitäten sind erforderlich, wenn die Zeitwerte von Optionen oder Forward Points von Devisentermingeschäften getrennt und nicht in Hedge Accounting Beziehungen designiert werden. Hier sind die aktuell zur Verfügung stehenden Steuerungsgrößen sowie der eigene Bestand an entsprechenden Instrumenten eine gute Richtgröße zur Einschätzung der notwendigen Änderungen.

5. Das Rebalancing im Hedge Accounting wird in IFRS 9 für Proxy Hedges gefordert, wenn sich das Verhältnis von Grund- zu Sicherungsgeschäft im Rahmen der Effektivitätsmessung so verändert, dass eine Anpassung (zum Beispiel Änderung des Nominalbetrages des Derivates) notwendig ist.

In den meisten TMS erfolgt die Anpassung manuell, die anschließenden Buchungen sollten jedoch automatisch erfolgen. Für die zukünftigen Buchungen sind die zu Designationszeitpunkt und Zeitpunkten des Rebalancing relevanten Kurse und Fair Values der Sicherungsgeschäfte wesentlich. Daher ist sicherzustellen, dass das TMS zu unterschiedlichen Kursen und Marktwerten designierte Sicherungsgeschäfte verarbeiten kann.

Der Wegfall der Grenzen (80 bis 125 Prozent) für die Effektivitätsmessung im Hedge Accounting wird als Vereinfachung gewertet. Jedoch muss durch die Unternehmen definiert und erklärt werden, was sie im Rahmen ihres Risikomanagements als effektive Sicherungsbeziehung erachten.

Die quantitative Effektivitätsmessung und deren Ergebnis stellt weiterhin eine gute Benchmark der Qualität einer Hedge Beziehung dar. Das TMS muss gewährleisten, dass die Buchungen für IFRS 9 von der quantitativen Effektivitätsmessung entkoppelt werden, da die Ermittlung der ineffektiven Beträge, anhand der Dollar-Offset-Methode weiterhin buchungsrelevant ist.

Darüber hinaus ist die Transformation als separates, unternehmensspezifisches Thema zu betrachten. Die geänderte Klassifizierung der Finanzinstrumente sollte technisch keine allzu große Hürde darstellen. Die Änderung der Kontenstruktur und zugehörigen Buchungslogik erfordert meist Anpassungen der Kontenfindung im TMS. Dies erfolgt entweder über die Konfiguration (bei hinreichend flexiblem TMS) oder über ein Herstellerupdate (bei hart verdrahteter Logik).

Im Rahmen des Hedge Accounting kann die Umstellung von IAS 39 auf IFRS 9 deutlich aufwendiger werden. Die gesamte Historie muss im System wieder korrekt abgebildet werden, da dies in der Regel die Voraussetzung für eine korrekte OCI-Auflösung ist.

Aufgrund der erweiterten Möglichkeiten insbesondere bei der Designation von Grundgeschäften in Sicherungsbeziehungen (zum Beispiel aggregierte Exposures oder Nettopositionen als Grundgeschäfte) ergeben sich neue Wege im Risikomanagement. Diese sollten vorab sowohl fachlich als auch technisch analysiert werden, um die daraus resultierenden Chancen nutzen zu können.

Manche Änderungen des IFRS 9 erfordern keine oder nur geringe neue Funktionalitäten der meisten TMS durch den Hersteller. Der Anpassungsbedarf der bestehenden Systemfunktionalitäten seitens der Anwendern an die Anforderungen des IFRS 9 sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Ein erster Schritt ist die Evaluierung der im Bestand befindlichen sowie der geplanten Finanzinstrumente, um festzustellen, ob zum Beispiel zusätzliche Wertermittlungen benötigt werden.

Grundsätzlich gilt auch hier, wie in allen Projekten, dass eine rechtzeitige detaillierte Planung und daraus abgeleitete Maßnahmen vor dem Stichtag 1. Januar 2018 die Risiken deutlich minimieren.

Am 29. Oktober 2015 bietet KPMG daher ein Webinar an mit dem Titel „IFRS 9 ­ Vorgehensweise bei der Umsetzung in Ihrem Treasury-Management-System“. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem möglichen Projektplan bei dem der fachliche und der IT-technische Aspekt entsprechend kombiniert werden. 

Autor: Karin Schmidt, Senior Manager, karinschmidt@kpmg.com

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