EU ordnet Erbrecht

EU ordnet Erbrecht

Die EU hat das internationale Erbrecht neu geregelt. Betroffen sind vor allem Menschen, die viel Zeit im Ausland verbringen oder Vermögen im Ausland haben. Was Sie beachten sollten, damit Ihr Erbe nicht anders verteilt wird als geplant.

Verwandte Inhalte

EU-Erbrechtsverordnung 650/2012

Seit dem 17. August gilt die EU-Erbrechtsverordnung Nr. 650/2012. Damit kann das Vererben für Bürger, die einen Bezug zu ausländischen Staaten haben, einfacher werden. Allerdings: Wer keine Vorkehrung trifft, läuft Gefahr, sein Vermögen anders zu vererben als gedacht und als im Testament festgehalten.

Was sieht die neue Regelung vor?

Die EU-Verordnung soll die Mobilität innerhalb der Europäischen Union erleichtern. „Sie vereinheitlicht nicht die nationalen Erbrechte, sondern regelt, welches Erbrecht für Verstorbene greift, die in mehr als einem Land gelebt haben, mehrere Staatsangehörigkeiten besitzen oder Vermögen in mehreren Ländern hatten“, erklärt Rechtsanwalt Mark Pawlytta von der KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Leiter der Praxisgruppe Familienunternehmen, Nachfolge & Stiftungen. „Mit der neuen Regelung ist entscheidend, in welchem Land jemand vor dem Tod „seinen gewöhnlichen Aufenthalt“ hatte. So gilt zum Beispiel für einen verstorbenen Deutschen, der zuletzt in Spanien gelebt hat, nun regelmäßig das spanische Erbrecht – solange dies nicht ausdrücklich anders im Testament festgehalten wurde“, ergänzt sein Kollege Rechtsanwalt Dr. Philipp Alexander Pfeiffer.

Das kann gravierende Folgen haben, da sich die Erbregelungen in den EU-Staaten stark voneinander unterscheiden. „In einigen Staaten gibt es ein sogenanntes Noterbrecht“, erläutert Rechtsanwalt Pawlytta. Angehörige hätten z.B. in Spanien oder Italien ein Anrecht auf einen direkten Anteil am Nachlass und nicht nur auf einen Pflichtteil in Geld wie in Deutschland. Ein anderes Beispiel sei das in Deutschland bei vielen Ehepaaren beliebte „Berliner Testament“, das in vielen EU-Staaten, etwa in Italien, nicht anerkannt würde. Auch sei in Deutschland die Rolle des Testamentsvollstreckers vergleichsweise stark, so Rechtsanwalt Pawlytta. Es lohnt also, sich über das Erbrecht des Landes zu informieren, in dem man sich gewöhnlich aufhalte.

Keine Auswirkung hat die neue Verordnung auf die Erb- und Schenkungssteuern.

Was heißt „gewöhnlicher Aufenthalt“?

Damit ist nicht der Wohnsitz gemeint. Denn während eine Person mehrere Wohnsitze haben kann, befindet sich nur in einem Land ihr gewöhnlicher Aufenthaltsort. „Wie der genau definiert ist, sagt die Verordnung nicht. Das müssen im Zweifel Gerichte entscheiden“, meint Rechtsanwalt Pawlytta. Entscheidend soll nach Auffassung der EU sein, wo der Lebensmittelpunkt, insbesondere der Schwerpunkt der sozialen Kontakte liege, wo die Familie und Freunde lebten.

Wie war die alte Regelung?

Mit der alten Regelung in Deutschland war üblicherweise die Staatsangehörigkeit ausschlaggebend. Allerdings kam es häufig zu Unklarheiten, weil jedes EU-Land seine eigenen Regelungen hatte und so EU-Staaten dieselbe Frage, nämlich welches nationale Erbrecht anwendbar ist, ganz unterschiedlich beantworteten. Somit kamen mitunter mehrere nationale Erbrechte im gleichen Erbfall zur Anwendung. Insofern schafft die neue Regelung mehr Klarheit. Allerdings wird die neue Verordnung nicht von Großbritannien, Irland und Dänemark umgesetzt, weshalb es im Verhältnis zu diesen drei Staaten weiterhin zu Abgrenzungsproblemen kommen kann.

Kann ich mein Erbrecht nun frei wählen?

Nein, man kann nur das Erbrecht der eigenen Staatsangehörigkeit wählen. Ein Deutscher, der seinen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland hat, kann beispielsweise nicht in seinem Testament verfügen, dass er nach französischen Recht beerbt werden soll, wenn er gar keinen französischen Pass besitzt. „Französisches Recht käme nur dann zur Anwendung, wenn der Verstorbene zuletzt seinen Lebensmittelpunkt in Frankreich hatte und er gerade keine Rechtswahl getroffen hat“, so Dr. Pfeiffer. Hat jemand allerdings mehrere Staatsangehörigkeiten, kann er das Erbrecht jeder dieser Staatsangehörigkeiten wählen. Die Rechtswahl muss außerdem in einem Testament oder Erbvertrag getroffen werden.

Was ändert der sogenannte europäische Erbschein?

Zugleich wurde mit der neuen Verordnung das Europäische Nachlasszeugnis eingeführt. Dieser sogenannte EU-Erbschein kann optional zum nationalen Erbschein ausgestellt werden, tritt also neben den nationalen Erbschein, ersetzt diesen aber nicht. „Damit sollen die lästigen Prüfungen, ob und wie ein nationaler Erbschein im EU-Ausland anerkannt werden kann, zukünftig entfallen, so dass Ansprüche in anderen Ländern leichter durchgesetzt werden können“, erklärt Rechtsanwalt Pawlytta.

Was muss ich tun?

Die KPMG Law-Experten empfehlen in jedem Fall eine Überprüfung von bereits errichteten Testamenten und anderen Nachfolgedokumenten. Wer im Ausland lebt, arbeitet, dort Vermögen hat oder mehrere Staatsbürgerschaften besitzt, sollte sich mit dem Erbrecht des jeweiligen Landes auseinandersetzen. Vor allem sollte er überlegen, ob er von der Möglichkeit, das anwendbare Erbrecht wählen zu können, Gebrauch machen möchte oder nicht.

Redaktion: Matthias Hiller 

Betrifft Sie die EU-Erbrechtsverordnung? Nehmen Sie Kontakt auf mit unseren Experten über folgendes Formular: 

International Private Clients

KPMG berät vertrauensvoll vermögende Privatkunden und Family Offices aller Größenordnungen in steuerlichen und rechtlichen* Fragestellungen.

 
Lesen Sie mehr

So kontaktieren Sie uns

 

Angebotsanfrage (RFP)

 

Absenden

KPMG's neue digitale Plattform

KPMG's neue digitale Plattform