Karriere und Teilzeit: Flexible Sprinter statt schlapper Marathonläufer

Flexible Sprinter statt schlapper Marathonläufer

Karriere und Teilzeit? Dieser Widerspruch wird sich in Zukunft nicht mehr ausschließen und entspricht den Bedürfnissen der Generation Y, das sagt KPMG-Experte Dr. Alexander Insam. Denn gute Führungskräfte sind heute fitte Ideengeber. Die Zeit der ungesunden Choleriker ist vorbei.

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Eine Untersuchung des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung ergab, dass die meisten Führungskräfte gern deutlich weniger arbeiten wollen. Geht das mit der Vorbildfunktion von Führungskräften zusammen?

Alexander Insam: Das ist die gegenwärtige Wahrnehmung. Bislang ist es so, dass Leistung oft mit Quantität gleichgesetzt wird. Wir assoziieren harte Arbeit mit viel Zeit im Büro, warum aber bringen wir nicht die zündende Idee mit harter Arbeit in Verbindung? Wir müssen der Führungskraft eine neue Bedeutung zukommen lassen. Sie sind diejenigen, die die zündende Idee haben. Nehmen Sie erfolgreiche Fußballtrainer. Die haben fünf Minuten, um ihre Mannschaft in der Halbzeit einzustellen. Den erfolgreichen reicht das. Wir dürfen uns aber auch keinen Illusionen hingeben. Der Paradigmenwechsel geht vom C-Level im Unternehmen aus, und der Vorstand muss das gewünschte Arbeitszeitsystem auch mit- und vorleben. Wenn der Vorstand ein System formal begrüßt und im gleichen Atemzug zu verstehen gibt, dass für diejenigen, die weniger arbeiten, niemals ein Platz im Vorstand frei wird, dann haben wir ein Vertrauensproblem. Dazu haben wir noch strukturelle Konflikte, die unabhängig von Personen sind. Teilzeit-Arbeiter haben heute in der Regel auch ein Zeit-Problem. Wer hat, wenn er nur vier Stunden am Tag im Büro ist, Zeit für lange Präsenzmeetings? Das kann man ändern: Unternehmen müssen sich die geistige Freiheit erlauben, ihre Meetingkultur zu überdenken und müssen lernen, Abwesenheit und Vertretungskonzepte zu akzeptieren.

Können Teilzeit-Arbeiter die Bedürfnisse der Kunden schlechter bedienen?

Alexander Insam: Da sollten wir ebenfalls umdenken, das ist eine Frage des Umgangs mit den sogenannten Randzeiten. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ich habe einen Mandanten, der sich gern zum Abendessen trifft und arbeite Teilzeit. Kann ich mich dann nicht mit meinem Mandanten treffen? Ich muss umdenken. Das neue System kann funktionieren, jedoch nur, wenn auch alle mitmachen. Wieso zum Beispiel immer abends treffen und nicht zum Frühstück? Die Abendessen sind bislang historisch gewachsen und fügen sich in die tradierten Arbeitsgewohnheiten. Diese verändern sich jedoch gerade in der Gesellschaft erheblich.

Wenn Teilzeit kein Problem mehr ist, wie lassen sich Unternehmen überzeugen?

Alexander Insam: Ich kann mir vorstellen, dass der Prozess so ähnlich wie bei der Frauenquote laufen könnte, d.h. ich brauche einen Katalysator. Wenn der Vorstand eines Unternehmens festlegt, dass 30 Prozent der Führungsstellen mit Teilzeit-Kräften besetzt sein müssen. Und zwar nicht weil ein neues Gesetz droht, sondern weil dies betriebswirtschaftlich klug im Hinblick auf die demografische Situation am Arbeitsmarkt in Deutschland ist. Dann ist die Umsetzung keine Frage des ´ob`, sondern des ´wie`. Und beim ´wie` können die Unternehmen kreativ und pfiffig in der Umsetzung agieren.

Wie die Untersuchung weiter ergab, haben es Frauen besonders schwer, weil sie sich um die Familienarbeit kümmern? Können Vollzeit-Karriere-Frauen keine guten Mütter sein?

Alexander Insam: Das Beispiel greift zu kurz, denn den Spiegel können wir uns selbst vorhalten. Können Vollzeit-Karriere-Männer dann überhaupt gute Väter sein? Die Frage könnte sogar lauten: Sollten Vollzeit-Karriere-Ehen dann überhaupt noch Kinder haben? Diese Fragen führen meines Erachtens aber in Sackgassen des Schwarz-Weiß-Denkens. Die Lösung lautet: Grautöne zulassen oder auch Flexibilität: Die Kindererziehung läuft in mehreren Phasen ab. Wir haben die hilflose Phase des Kindes, die beginnt mit der Geburt und geht bis zum vierten Lebensjahr. Danach beginnt die Grundschulzeit, in der die Kinder bereits ein wenig selbstständig sind. Ab dem 11. Lebensjahr – mit dem Gymnasium – nehmen Schule, Hobbys und Freunde beim Kind immer mehr Platz ein, die Betreuungszeit der Eltern geht weiter zurück. Das heißt im Umkehrschluss: Inwieweit berücksichtigen Unternehmen die Lebensphasen ihrer Führungskräfte? In den ersten vier Lebensjahren braucht mich mein Kind besonders stark, dann widme ich dem Job womöglich 40 Prozent, im Grundschulalter 70 Prozent und wenn mein Kind dann auf weiterführende Schulen besucht, bin ich wieder auf einer 90-Prozent-Stelle. Durch Vollzeit-Modelle haben wir uns dieser Flexibilität komplett beraubt. Wer mit 25 im Unternehmen einsteigt und bis 65 oder in Zukunft sogar bis 70 „durchkeult“, diesen Arbeitnehmer wird es in Zukunft nicht mehr geben.

Teilzeit ist oft ein Signal dafür, dass für Arbeitnehmer etwas anderes wichtiger sei als der Beruf. Stimmt diese Einschätzung?

Alexander Insam: Momentan ist diese Einschätzung noch vorhanden. Die Bewertung ist immer noch, dass jemand, der nur 4 Stunden am Tag da ist, weniger leistet als eine Fachkraft, die 8 Stunden am Tag da ist. Doch Untersuchungen haben bereits ergeben, dass Teilzeit-Kräfte effektiver sind als die Kollegen in Vollzeit. Die andere Seite argumentiert natürlich, dass der 8-Stunden-Tag bei Vollzeit-Kräften gar nicht mehr der Maßstab ist. Denn im täglichen Pensum wird die Arbeit, die noch dazu kommt, gleich mit einkalkuliert. Dieses Zusatzengagement der Führungskräfte ist eine Variable, über die man gar nicht so genau Bescheid weiß. Das heißt jedoch auch: Bei Teilzeit wird deutlicher, wie und ob Arbeitszeit verschwendet wird. Das ist also auch gut für die Effektivität und schlecht für die ungeplante Ausnutzung von Arbeitszeit, die in vielen Unternehmen tagtäglich geschieht. Unternehmer können sich also über jede Teilzeitkraft freuen.

Welchen Rat haben Sie dann für Führungskräfte, die Familie und Beruf über ein Teilzeit-Modell unter einen Hut bringen wollen?

Alexander Insam: Führungskräfte müssen heute darauf vertrauen, dass sie Wissensarbeiter in ihrem Team haben. Das Anleiten ist also nicht mehr die Kompetenzaufgabe des Führungspersonals, diese bringt der Angestellte mit. Führungskräfte sind keine Vorarbeiter mehr, die den ganzen Tag daneben stehen und anleiten müssen, viel eher sind sie Mentalcoaches, die mitunter in 15 Minuten den richtigen Impuls geben können.

Die Generation Y will generell mehr verdienen, dafür aber weniger Zeit für die Arbeit aufwenden. Geht diese Rechnung überhaupt auf?

Alexander Insam: Diese Rechnung geht dann auf, wenn es mir gelingt, mit meinen Ideen Geld zu verdienen und nicht mit der Ausarbeitung von Ideen. Die Generation Y will intelligent arbeiten und genügend Zeit für private Dinge wie Sport haben. Das darf im Übrigen auch gar nicht getrennt werden: Denn die Arbeitsmedizin baut auf gesunde Mitarbeiter. Der 16-Stunden-Malocher, der immer kurz vom Herzinfarkt steht, ist da nicht so gut, denn der hat ein hohes Ausfall-Risiko. Wenn eine Führungskraft viel Sport treibt und sich dann noch vegan ernährt, da sage ich super, der ist klasse für das Unternehmen. Sind wir ehrlich: Führungskräfte sollen motivieren, wenn sie dann mal in großer Runde lächeln, ist es immer gut, wenn sie dann vital aussehen. Der Vollzeit-Bierbauch-Choleriker kann die Mannschaft nicht mehr motivieren.

Die Generation Y weiß, dass sie noch die Hochphase des demografischen Wandels erleben wird. Warum ist zu viel Sicherheit, oder nennen wir es Gewissheit, schlecht für die eigene Motivation?

Alexander Insam: Das sehe ich nicht. Wir verlieren ja auch momentan viele Fachkräfte, die beispielsweise in Rente gehen. Unternehmen sollten jetzt mit attraktiven Modellen auf die Wünsche nach Teilzeit bei potentiellen Mitarbeitern eingehen, sie können das nicht mehr ignorieren. Die Schlauen setzen bereits auf dieses Modell und haben so eine Vorreiterrolle inne. Die Firstmover bekommen somit die besten Mitarbeiter, weil sie zu einer Zeit für flexible Sprinter attraktiv sind, in der andere noch versuchen, ihre Marathonläufer immer weiter zu motivieren, während diese langsam aufhören zu laufen.

Mehr zum Thema auch im KPMG Blog "Die Klardenker" mit Dr. Alexander Insam: "Tatort Arbeitsplatz - Konflikte richtig lösen"

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