Szenarien von Übermorgen: Die Glückssucher

Szenarien von Übermorgen: Die Glückssucher

Wie werden wir morgen arbeiten? In einem gemeinsamen Projekt von KPMG mit SOS Kinderdörfer Global Partner, Foresight Solutions und dem TÜV Rheinland kreierten Zukunftsforscher vier provokante Szenarien der Arbeitswelt des Jahres 2035. Zum Abschluss unserer Artikelserie nehmen wir Sie mit in die Gesellschaft der Glückssucher.

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Glückssucher

In dieser Zukunft des Jahres 2035 sind wir alle auf der Suche nach dem Glück – nicht nur wie heute bereits individuell, sondern in einer nie dagewesenen gesellschaftlichen Größenordnung. Und in einer vergleichsweise analogen Arbeitswelt: Der Digital-Hype ist zu Ende.

Ende des digitalen Status-Chic

Moderne Technologien sind in den Hintergrund getreten, auf das Nötigste reduziert. Wo sie für Gesundheit und Wohlbefinden förderlich sind, werden sie eingesetzt. Doch über diese Notwendigkeit hinausgehend besitzen sie keinen Selbstzweck oder Status-Chic mehr. Nicht die Technologie steht im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses, sondern die Person; nicht die technologische, sondern die persönlichen Entwicklung, die Sinnsuche und das individuelle und kollektive Glück. Die Gesellschaft definiert sich nicht mehr über BIP und Wachstum, sondern über den persönlichen, intellektuellen und spirituellen Wohlstand ihrer Bürger – wie heute bereits im Königreich Bhutan praktiziert. Dementsprechend boomt der Quintäre Sektor.

Der Quintäre Sektor

Der Quintärsektor bietet alle Dienstleistungen rund um Gesundheit, Well- und Selfness, persönlicher Entwicklung und Bildung, Freizeitgestaltung und Tourismus. Er bedient alle Bedürfnisse einer Gesellschaft, die sich vorrangig der Selbstverwirklichung des Individuums verschrieben hat. Alle sind auf der Suche nach dem Glück – wer will da überhaupt noch arbeiten? Sind Arbeit und Selbstfindung nicht ein Widerspruch an sich? Nicht für den Entrepreneur: Er und sie verwirklicht sich in und mit der Arbeit. Deshalb blüht in diesem Szenario die Entrepreneur-Szene. Unternehmen, die keinen Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften leiden möchten, stärken dementsprechend das Prinzip Eigenverantwortung. Gruppen, Projektteams, Abteilungen und Sparten managen sich weitgehend eigenverantwortlich. So entsteht eine Gesellschaft der Egoisten? Im Gegenteil.

Gesellschaft der Altruisten

Denn Verwirklichung findet das aufgeklärte Individuum morgen wie heute auch und gerade im Tun für andere. Weitsichtige Arbeitgeber im Jahr 2035 räumen in diesem Szenario dafür große Freiräume ein. Kein ehrenamtlich engagierter Mitarbeiter muss noch kollegiale oder disziplinarische Sanktionen befürchten, wenn er im Büro mal rasch die Einladung für die Hauptversammlung seines gemeinnützigen Vereins textet. Dieses Engagement wird nicht nur geduldet, sondern geradezu gefördert, denn dann weiß der Arbeitgeber: Wer sich sozial engagiert und dafür den Freiraum bekommt, fühlt sich wohl bei uns – und bleibt. Diese heute noch utopisch anmutende Toleranz setzt sich bei den partnerschaftlichen Lebensformen fort.

Individuation und Toleranz

Eine Gesellschaft, die möchte, dass sich ihre Mitglieder frei entfalten, fördert sämtliche partnerschaftlichen Lebensformen von der Klein- und Großfamilie über die Patchwork- und Regenbogen-Familie bis hin zur Ein-Eltern-Familie. Damit beschreibt dieses Szenario ein sehr exotisch anmutendes Zeitalter der Toleranz und sozialen Harmonie. Überlegungen aus dem Theoriekreis der Kondratjew-Zyklen unterstützen diese Exotik: Nach Nikolai Kondratjew werden die kurzen Konjunkturzyklen durch längere Wellen überlagert, die über 40 bis 60 Jahre laufen. Seit circa 1990 erleben wir zum Beispiel den fünften Kondratjew-Zyklus, der durch eine stürmische Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie gekennzeichnet ist. Für den sechsten Kondratjew-Zyklus erwarten einige Forscher eine Welle der Nachhaltigkeit, Spiritualität, Lebensqualität und sozialen Harmonie, die perfekt zum Szenario der Glückssucher passen würde. Nicht verschwiegen werden sollte, dass einer neuen langen Welle üblicherweise der Kollaps des alten sozio-ökonomischen Paradigmas vorausgeht. Schwache Signale dafür können wir heute schon beobachten.

Beunruhigende schwache Signale

Personalchefs berichten in diesen Tagen, dass sich immer mehr Young Potentials in Trainee- und Nachwuchsförderungsgesprächen dahingehend äußern, sich nicht zum „Sklaven der Karriere“ machen (lassen) zu wollen. Sie verweigern sich einem wahrgenommenen Widerspruch zwischen Unternehmenszielen und persönlicher Entwicklung. Explizit kommt das zum Beispiel in einer heute noch existierenden Etikettierung zum Ausdruck: Viele Unternehmen haben eine „Personalentwicklung“. In kaum einem Unternehmen wird jedoch von „Persönlichkeitsentwicklung“ gesprochen. Vielerorts gilt das Credo: „Persönlichkeit ist Privatsache und in der Freizeit zu verfolgen.“ Das Problem an dieser Einstellung ist nicht so sehr ihr dissoziativer Charakter, sondern ihre Masseträgheit. So eine implizite Strategie ändert man nicht mal eben rasch, bloß weil sich die Signale für das Glückssucher-Szenario bereits in unseren Tagen mehren. Dieser Paradigmenwechsel im Führungsverständnis, im Selbstverständnis des Managements und die entsprechende Transformation der gelebten Werte und geheimen Spielregeln werden Jahre in Anspruch nehmen: Wer heute schon damit beginnt, ist einen Schritt im Rennen um die Zukunft voraus. Einige Vordenker haben diesen Schritt bereits gemacht.

Manager im Kloster

Während Angebote wie Manager Retreats und Schweige-Seminare vor Jahren noch Privatsache von Führungskräften waren, profilieren sich einige wenige zukunftsorientierte Personalabteilungen schon heute als Kompetenzträger für die persönliche Entfaltung, für Resilienz, Charakterreifung und Spiritualität der Mitarbeiter und Manager. So erklärt die Personalleiterin eines Konzerns: „Wir schicken unsere Führungskräfte auch schon mal auf Pilgerreise. Der Mensch besteht nicht nur aus Fach-, Methoden-, Sozial- und Kommunikationskompetenz, sondern auch aus persönlicher, charakterlicher und spiritueller Kompetenz.“ Natürlich bietet der Konzern entsprechende Angebote nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit an, sondern auch, weil solche Veranstaltungen die Leistungsfähigkeit, die persönliche Reife und damit die Firmentreue der teilnehmenden Führungskräfte weitaus stärker fördern als herkömmliche Bildungsveranstaltungen. Manager auf offizieller Pilgerreise – ist das nicht ein wenig weit hergeholt?

Szenarieren Sie!

Des Pudels Kern ist: Die Zukunft in 20 Jahren ist ex definitionem weit hergeholt. Das ist doch gerade Sinn und Zweck der Zukunftsforschung: eine weit entfernte Zukunft so nah heran zu „zoomen“, dass sie zum Greifen nah ist – und zum Managen. Das gelingt nicht mit den landläufigen und meist viel zu pauschalen „strategischen Überlegungen“. Das gelingt nur mit dezidierten und detaillierten Szenarien. Vier davon hat Ihnen diese Serie vorgestellt. Es gibt noch etliche andere. Szenarien, die spezifischer auf die Gegebenheiten Ihres Unternehmens abgestellt sind. Welche wollen, welche werden Sie entwerfen?

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