Szenarien von Übermorgen: Biedermeier 2.0

Szenarien von Übermorgen: Biedermeier 2.0

Wie werden wir morgen arbeiten? In einem gemeinsamen Projekt von KPMG mit SOS Kinderdörfer Global Partner, Foresight Solutions und dem TÜV Rheinland kreierten Zukunftsforscher vier provokante Szenarien der Arbeitswelt im Jahr 2035. Im Rahmen unserer Artikelserie nehmen wir Sie mit auf vier aufregende Reisen in die Zukunft. Unser drittes Reiseziel führt uns in die neue Biedermeier-Gesellschaft.

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Senior Manager, Innovation & Strategic Growth Initiatives

KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

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Biedermaier

In diesem Szenario des Jahres 2035 begegnen wir zwei zentralen Attributen der Biedermeier-Welt: traditionelle Wertorientierung und analoge Arbeitswelt. Wieso analog? Wir leben doch schon heute in der Ära der Digitalisierung! Eben: Heute. Das dritte Szenario sagt nämlich: Bis ins Jahr 2035 erleben wir einen Backlash, die Gegenbewegung zur Digitalisierung. Der Bürger toleriert die massiven Eingriffe in seine Privatsphäre, die vielen Datendiebstahlskandale, die Internet-Kriminalität, Cyber-Mobbing und Cyber-Terrorismus nicht länger. Spätestens wenn Datendiebe das Girokonto leergeräumt haben, erlischt selbst beim hartgesottenen Digital Native die Liebe zur unbegrenzten Freiheit im Internet. Auch deshalb herrscht in dieser Gesellschaft des Jahres 2035 ein Klima des Misstrauens, der Wut und der Abschottung gegen zu viel High-Tech: Technologie wird dämonisiert.

Sicherheit und Stabilität

Dieser Gesellschaftsentwurf zeichnet sich durch ein Streben nach Stabilität, durch Risiko-Aversion und Sicherheitsorientierung aus. Die Mehrgenerationenfamilie ist zurück, weil sie ein hohes Maß dieser gesuchten Attribute verspricht. Die Großfamilie bietet Halt und Sicherheit in einer technologisch verunsicherten Welt. Autonomie und Selbstversorgung sind groß in Mode. Die wirtschaftliche Entwicklung ist stark gebremst und der Arbeitsmarkt sehr lokal ausgerichtet. Die in der Großfamilie gebundene Bevölkerung ist kaum mehr regional mobil. Arbeitgeber mit Firmengeschichte, Tradition und konservativem Wertekanon sind gefragt. Jobbörsen tun sich schwer, da Arbeitgeber hauptsächlich aufgrund von Empfehlungen aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis ausgewählt werden. Deshalb investieren Unternehmen in dieser Zukunft sehr viel Zeit und Geld in lokale Strukturen. Sie entwickeln Mitarbeiter und Führungskräfte vor Ort, anstatt sie global zu rekrutieren.

Renaissance der Familienunternehmen

Unternehmen, die wenig Vertrauen genießen, nicht die gewünschte Sicherheit bieten oder bei denen operative Hektik integraler Teil der Firmenkultur ist, haben es auf dem auf dem Arbeitsmarkt schwer. Deshalb ergreifen sie massive Maßnahmen, um besonders familienfreundlich, arbeitsplatz- und datensicher zu wirken. Sie pflegen Werte wie Beständigkeit, Familiensinn und Sicherheit. Diese Konstellation eröffnet gut geführten Familienunternehmen ganz neue Perspektiven, da sie diese Werte von jeher praktizieren. Konzerne in der Biedermeier-Zukunft kopieren diese Familienorientierung. Das Unternehmen im Jahr 2035 wird Teil der erweiterten Großfamilie mit allen ihren Biedermeier-Wertvorstellungen. Angenommen, dieses Szenario tritt ein: Was bedeutet das für ein zukunftsorientiertes Unternehmen heute?

Kulturverlust und Restauration

Angesichts dessen, dass die vielbeschworenen traditionellen Familienwerte wie emotionale Sicherheit, kindliche Geborgenheit, Kontinuität und Stabilität in unseren Tagen bereits in vielen Familien verloren gegangen sind, wäre dieses Szenario für etliche Führungskräfte ein Kulturschock: Sie müssten praktizieren, was sie selbst nicht oder nur eingeschränkt erlebt und an keiner Bildungsinstitution gelernt, geschweige denn geübt haben. Die glaubhafte und nachhaltige Vermittlung von Sicherheit und Stabilität wäre ihnen völlig fremd, ja suspekt. Sie könnten dabei nicht auf ihre persönliche Erfahrung zurückgreifen. Während große Teile des inhabergeführten Mittelstands florieren, darben Großkonzerne in diesem Szenario mangels werte-qualifizierter Führungskräfte. Dieses Manko beleuchtet einen, wenn nicht den zentralen Aspekt der Zukunftskompetenz – nämlich Transformation.

Transformation

Wie schnell kann ein Unternehmen bei Eintreffen eines bestimmten Szenarios sein Leadership-Paradigma wechseln? Wie schnell können sich Führungskräfte transformieren, von Grund auf Einstellungen und Verhalten ändern? Das ist schon heute die tägliche Herausforderung eines Unternehmens, das seine Branchenhalbwertszeit überleben möchte: permanenter, gezielter, strategischer, umfassender, systematischer, nachhaltiger und schneller Wandel – kurz Transformation genannt. Leider konstituiert diese Anforderung schon heute ein grundlegendes Problem. Weite Teile der Wirtschaft leiden sozusagen an Transformationsarthrose: Der Wandel dauert zu lange, benötigt zu hohen Aufwand und bringt zu magere Ergebnisse. Meist wird dabei auf die Belegschaft verwiesen: „Die Leute ziehen nicht mit!“ Das trifft zu – wenn man außer Acht lässt, wer für „die Leute“ zuständig ist: Transformation meint Weiterbildung. Wie die Erfahrung zeigt, sind gut geschulte Mitarbeiter und Manager sehr viel wandlungsfähiger und -williger als Menschen, denen quasi der Dolch der Transformation ohne Vorbereitung und Hilfestellung auf die Brust gesetzt wird.

Zukunft ist Trainingssache

Schon heute werden knapp 30 Milliarden Euro jährlich für die betriebliche Weiterbildung allein in Deutschland ausgegeben. Für nötige und nützliche Themen wie Sales, Fremdsprachen, Einkauf, interkulturelle Kompetenz und dergleichen mehr. Transformationskompetenz findet sich bislang so gut wie nicht in den Curricula – außer bei den „Best in Class“. Dabei ist sie eine zentrale Kompetenz für den Erfolg der Zukunft. Wir alle beklagen uns darüber, wie schnell und radikal sich die Zeiten ändern. Und dann weigern wir uns, jenen Menschen, die mit diesem stürmischen Tempo Schritt halten müssen, ein Lauftraining zu spendieren? Es heißt, die schnellen Fische fressen die langsamen. Das gilt nicht nur im Dorfteich, sondern auch für das Wettrennen um die Zukunft. Was der flotte Spruch übersieht: Der Mensch ist kein Fisch. Während aus einem Bückling im Leben keine Forelle wird, kann aus jedem Transformationsjogger mit etwas Training ein Transformationssprinter werden. Auf die Plätze…

 

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