Erhebung und Management von Rohstoffexposures

Erhebung und Management von Rohstoffexposures

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 44, Juni 2014 / Ein Treasury in der rohstoffintensiven Industrie hat neben den klassischen Aufgaben des Cash- und Liquiditätsmanagements oder der Erhebung und Sicherung des Exposures in Fremdwährungs- und Zinsgeschäften zunehmend auch die Aufgabe, sich mit den Rohstoffrisiken im Unternehmen zu beschäftigen. Dasselbe gilt für die Treasuries in klassischen Rohstoffhandelshäusern, denn auch hier werden oft die notwendigen Derivate im Treasury abgeschlossen oder zumindest gemeinsam mit den anderen Marktpreisrisiken berichtet.

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Am Anfang der Betrachtung steht dabei naturgemäß die Analyse des aus den Rohstoffpositionen resultierenden Risikos für das eigene Unternehmen. Eine einheitliche Begriffsbestimmung dessen, was im Unternehmen als Rohstoffrisiko betrachtet wird, ist dabei unerlässlich. Daraus abgeleitet ergibt sich später direkt die Definition, welche Tonnagen der verschiedenen Rohstoffe in die Risikoposition aufgenommen werden müssen. Viele Missverständnisse in der unternehmensinternen Kommunikation über Rohstoffrisiken resultieren daraus, dass das Risiko unterschiedlich verstanden und definiert wird. Das betrifft die unterschiedlichen beteiligten Abteilungen Einkauf, Logistik, Vertrieb, Controlling und Treasury ebenso wie regionale oder organisatorische Einheiten im Unternehmen.

Beispielsweise bedeutet ein Einkaufsbedarf einer bestimmten Menge des produktionsnotwendigen Rohstoffs noch nicht notwendigerweise, dass hieraus auch direkt ein Risiko entsteht. Können beispielsweise Preisschwankungen aufgrund von Marktusancen oder expliziten vertraglichen Vereinbarungen eins zu eins an den Kunden weitergegeben werden, besteht zunächst kein Preisrisiko. Eine vermeintliche Sicherung, das heißt eine preisliche Fixierung des Einkaufsbedarfs durch das Treasury würde in diesem Fall das Risiko erst entstehen lassen.

Demzufolge ist für eine korrekte Erfassung des Exposures zum einen eine integrierte End-to-End-Betrachtung entlang der ganzen Wertschöpfungskette vom Einkauf bis zum Vertrieb sowie gegebenenfalls über mehrere Konzerneinheiten hinweg erforderlich. Dies beinhaltet auch eine gründliche Analyse der direkten und indirekten Abhängigkeit der Einkaufs- und Verkaufspreise bzw. der Aufwands- und Ertragspositionen von einer Schwankung der Rohstoffpreise. Hierbei sollte auch untersucht werden, inwieweit beispielsweise das Nachfrageverhalten der Kunden vom herrschenden Preisniveau beeinflusst wird, und damit die Umsatzerlöse nicht nur von einer Preiskomponente, sondern auch von der Mengenkomponente. Ebenso sollte nicht nur auf die Einkaufskosten und Vertriebspreise geachtet werden, sondern insbesondere auch Effekte aus einer Bestandsbewertung einbezogen werden. Neben dem Erkennen der vollständigen „Mechanik“ des Einflusses von Rohstoffpreisschwankungen auf Unternehmenskennzahlen ermöglicht eine solche Detailanalyse auch die Identifizierung der für ein laufendes Rohstoffrisikomanagement unerlässlichen Datenbasis sowie das Aufdecken fehlender Datenverfügbarkeit und Datenqualität.

Nachdem die Aufteilung der Aufgaben und Kompetenzen des Risikomanagements zwischen dem Treasury und anderen Unternehmensteilen systematisch und trennscharf vorgenommen wurde, verbleiben im Treasury meist die folgenden Aufgaben:

  • Erhebung des Exposures über alle Rohstoffarten
  • Sicherung der Exposures über Derivate
  • Marktanalysen und Prognosen
  • Bestandsführung,  Bewertung und Accountingunterstützung, zum Beispiel im Hedge Accounting
  • Reporting über Performance der Sicherungsgeschäfte, Sicherungsquoten und Risikoposition
  • Aggregation der Rohstoffexposures und Risikoreporting

Diese Zuordnung der Aufgaben und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnisse bestimmen die zu definierenden Strukturen und Prozesse im Risikomanagement der Rohstoffexposures. 

Sind diese vorbereitenden Überlegungen getroffen, kann mit der Planung und Umsetzung der Erhebung des Exposure begonnen werden. Alle wesentlichen Informationen sind üblicherweise im Unternehmen bereits vorhanden, verteilen sich allerdings je nach Branche und Unternehmensstruktur über mehrere Abteilungen. Zum Beispiel finden sich die kurzfristigen Bedarfe in der Produktionsplanung und im Einkauf, die Bestände und die räumliche Verfügbarkeit sowie Materialart und Qualität in der Logistik, während längerfristige Vertriebs- und Einkaufsplanung im Controlling geführt werden. Dazu kommen unterschiedliche Unternehmensbereiche in verschiedenen Regionen und Ländern natürlich unter Berücksichtigung von Intercompany-Transaktionen. Das lässt sich mit der gewünschten Genauigkeit und Zeitnähe der Erhebung üblicherweise nur mit geeigneten IT-Lösungen umsetzen. Da die benötigten Informationen und Daten zu allem Überfluss in unterschiedlichen Systemen von Standardsoftware über Eigenentwicklungen und Branchenlösungen sowie MS Excel Spreadsheets vorliegen, sind hierfür wiederum eigene Tools notwendig, eine einheitliche Datenbasis zu schaffen.

In der Umsetzung der geplanten Lösung steckt wie so oft der Teufel im Detail. Schon in der Planung und der Definition der Anforderungen ist ein umfangreiches Expertenwissen zu Fragestellungen zum Beispiel des Risikomanagements, der Rohstoffmärkte, der branchenspezifischen Besonderheiten, der Derivatemärkte oder der langfristigen Planung von IT-Infrastruktur erforderlich. In der Umsetzung gilt es dann dieses Wissen mit Detailkenntnis und Umsetzungskompetenz in den Projektablauf einzubringen. Jeder Projektabschnitt von der detaillierten Definition der gestellten funktionalen Anforderungen über die Systemauswahl und Konfiguration bis hin zur Implementierung, dem Rollout in alle Unternehmensbereiche sowie der Abnahme und dem Go-Live-Prozess stellt dabei seine eigenen besonderen Herausforderungen.

In vielen Branchen, zum Beispiel in der Energiewirtschaft, ist die Erhebung des Exposure inklusive der Auswertung von Szenarien auf Knopfdruck möglich. Andere Branchen ziehen allerdings nach und einzelne Technologieführer haben die Umsetzung erfolgreich abgeschlossen. Auch bei den Rohstoffverarbeitern und -händlern ist der technologisch-digitale Wandel in vollem Gange.

Autor: Bardia Nadjmabadi, Senior Manager, bnadjmabadi@kpmg.com 

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