Szenarien von Übermorgen: Der Cyberpunk-Effekt

Szenarien von Übermorgen: Der Cyberpunk-Effekt

Wie werden wir morgen arbeiten? In einem gemeinsamen Projekt von KPMG mit SOS Kinderdörfer Global Partner, Foresight Solutions und dem TÜV Rheinland kreierten Zukunftsforscher vier provokante Szenarien der Arbeitswelt im Jahr 2035. Im Rahmen unserer Artikelreihe nehmen wir Sie mit auf vier aufregende Reisen in die Zukunft. Unser zweites Reiseziel: die Cyberpunk-Gesellschaft.

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Senior Manager - Innovation & Strategic Growth Initiatives

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Cyberpunk

In diesem Szenario des Jahres 2035 ist die Familie in den Hintergrund gerückt. Cliquen und Freundeskreise haben sie als sozialen Anker, Lebensmittelpunkt und Zufluchtsort verdrängt. Diese ursprünglichen Familienfunktionen übernehmen in dieser Zukunft vor allem die Social Networks. Im Cyberspace ist der Mensch von morgen nun beheimatet – daher der Ausdruck „Cyberpunk“ oder auch „Cybernaut“.

Nie wieder Büro!

Eben weil in diesem hoch technisierten Szenario fast das gesamte gesellschaftliche und berufliche Leben virtuell und nicht „in der wirklichen Welt“ abläuft, gibt es das klassische Unternehmen nicht mehr. Der traditionelle Arbeitsplatz ist ebenfalls verschwunden. Der Mensch der Zukunft geht nicht mehr ins Büro. Er arbeitet von zu Hause. Home Office? Eher: Avatar. In Gestalt dieser künstlichen virtuellen Person oder Graphik-Figur „geht“ der moderne Arbeitnehmer ins (virtuelle) Unternehmen, erledigt dort mit anderen Avataren seine Arbeit, berät Kunden-Avatare, stellt Bewerber-Avatare ein und verhandelt mit asiatischen Avataren über Kooperationen in seiner digitalen Supply Chain. Wegen der Arbeit muss der Mensch seinen Arbeitsplatz praktisch nicht mehr physisch aufsuchen. Deshalb bestehen Unternehmen dieser Zukunft nicht mehr aus Büros, Kaffeeküchen und Sitzungssälen, sondern aus Relaxing Facilities, Offline-Zonen und auch aus Dating Areas. In diesen Dating Areas kann der vollkommen virtualisierte Cyberpunk, der praktisch nur noch im Cyberspace „lebt“, zumindest eine seltene, wenn nicht letzte Gelegenheit zu echtem Kontakt und wirklichen Gesprächen mit realen Menschen wahrnehmen.

(Illustration: Christoph J. Kellner)

Digital Detox

Natürlich stellt eine derart dezentrale Belegschaft hohe Anforderungen an das Personalmanagement im Jahr 2035: Wie koordiniert man diesen verstreuten virtuellen Schwarm? Wie sichert man sich seine Loyalität? Herausforderungen, wie wir sie andeutungsweise bereits seit der Verbreitung des Home Office kennen. Neu in dieser Zukunft ist das Cyberdilemma: Einerseits muss ein Unternehmen ständig die neueste Cybertechnologie zur Verfügung stellen, um die besten Mitarbeiter halten zu können. Andererseits muss es sie vor der damit einhergehenden Gefahr der Cybersucht schützen oder retten. Das Stichwort lautet Digital Detox. Schon heute, im Jahr 2015, erleben wir die Vorläufer dieser schönen neuen Welt: Digital Natives besuchen, wenn sie zu Digital Junkies geworden sind, sogenannte Digital Detox Holidays, um sich von der Online-Sucht zu befreien. In Südkorea gilt „Internet Addiction“ aktuell bereits als gesellschaftliches Gesundheitsrisiko. Die dortige Regierung geht davon aus, dass 30 Prozent der unter 18-Jährigen zur Risikogruppe zählen. Die schwersten Fälle werden ins Internet Rescue Camp geschickt. Was in Asien heute massiv die Jugend befällt, kann morgen schon Young Professionals in Europa bedrohen. Wie schützt ein Unternehmen seine Leistungsträger vor dieser Bedrohung?

Impfschutz gegen den Cyber-Virus

Im englischsprachigen Raum wird diese Frage schon länger diskutiert. Stand der Diskussion: Unternehmen müssen „tech-savvy“ (techno-kompetent) werden. Sie sollten lernen, digitale Technologien wie Digital Natives zu beherrschen, um die Digital Natives vor sich selbst schützen zu können. Neben dem technischen existiert aber auch ein persönliches Einfallstor für die Cybersucht: Es muss ein „Impfschutz“ gegen den Cyber-Virus entwickelt werden. Das ist die Aufgabe der modernen Personal- und Führungskräfteentwicklung. Es liegt auf der Hand, dass diese Cyber-Resilienz nur mit modernen Methoden aus dem im weitesten Sinne kognitiv-behavioristischen Werkzeugkasten erreicht werden kann: Sowohl die Denkweise (Kognition) als auch das Verhalten (Behavioristik) der Cybernauten müssen sich so weit entwickeln, dass sie den Entwicklungsvorsprung der modernen Technologien zumindest aufholen. Während viele Personalabteilungen Methoden wie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT), die Emotional Freedom Technique (EFT) oder die Ego State Theory noch als „Esoterik“ abtun, beginnen vorausschauende Unternehmen schon heute, ihrer Belegschaft solche Angebote zu unterbreiten, um die nötige Offline-Kompetenz und Cyber-Resilienz aufzubauen: Zukunftskompetenz ist, was man heute schon tut, um morgen erfolgreich zu bleiben.

Arterhalt

Woher kommt in einer derart digitalisierten Gesellschaft der Nachwuchs? Entgegen verbreiteter Hoffnungen wird der Arterhalt nämlich selbst im Jahr 2035 (noch) nicht virtuell funktionieren. Einige Zukunftsforscher befürchten deshalb bereits das digital verursachte Aussterben der Menschheit. Ihre Befürchtung: Wer seine Tage damit verbringt, solo mit seinem Avatar durch Arbeits- und Lebenswelten zu reisen, kümmert sich nicht mehr um Nachwuchs. So heikel diese Frage ist, sie leistet so interessanten Phänomenen wie dem „Social Freezing“ Vorschub: Apple und Facebook übernehmen heute bereits für weibliche Mitarbeiter die Kosten für das vorsorgliche Einfrieren von Eizellen ohne medizinische Veranlassung. Das geschieht nicht allein aus unternehmerischer Initiative, sondern weil Teile der modernen weiblichen Belegschaft das bereits fordern. Hier wie in vielen anderen Punkten entwickelt sich unsere Welt schon heute auf den eventuell künftig eintretenden Cyberpunk-Effekt hin. Wer diese schwachen Signale einer lautstarken Zukunft heute hören kann und will, ist im Vorteil. Als „Social Freezing“ erstmals Schlagzeilen machte, löste das Erstaunen aus: Muss sich ein modernes Unternehmen tatsächlich auch darum kümmern?

Alles, was nötig ist

Angesichts von Zukunftsszenarien wie der Cyberpunk-Gesellschaft kann die Antwort auf diese Frage nur lauten: Ein zukunftsfähiges Unternehmen muss und wird sich um alles kümmern, was nötig ist, um in jeder erdenklichen Zukunft jene Mitarbeiter und Führungskräfte zu bekommen, die ein Unternehmen eben braucht. Das mag eine steile Herausforderung sein – die Alternative jedoch ist undenkbar. Denn diese erleben leider viele Zeitgenossen bereits heute, wenn sie frustriert ausrufen: „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ Das ist durchaus verständlich. Doch ganz gleich, wie die Welt auch immer aussehen mag: Mit Unverständnis kommt man in Zukunft nicht weit. Nur wer schnell und kühn genug szenarieren kann, den belohnt das Leben.

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