Nicht alle Trends von morgen sind heute absehbar

Nicht alle Trends von morgen sind heute absehbar

Atomkraft steht vor dem Aus, Braunkohle gilt als zu schmutzig – die Energieerzeuger müssen sich überlegen, wie sie sich für die Zukunft aufstellen wollen. Dr. Christoph Frei, Generalsekretär des World Energy Councils (WEC), spricht anlässlich der Studie „Energy – Quo vadis?“ unter anderem darüber, welche Trends er richtig eingeschätzt hat – und welche nicht.

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Welche Entwicklung in der Energiewirtschaft der vergangenen zehn Jahre haben Sie vorhergesehen und welche nicht?

Dr. Christoph Frei: Mir fallen beispielhaft zwei Dinge ein, die wir früh richtig eingeschätzt haben. Im Jahr 2005 habe ich zusammen mit Daniel Yergin den engen Zusammenhang von Wasser und Energie beleuchtet. Damals haben wir zum Beispiel bei Shell nachgefragt, was sie in Bezug auf die Wasserproblematik tun und dort hatte man vom Water-Energy-Nexus noch nicht einmal gehört. 2007 habe ich ein Papier zur Europäischen Stromwirtschaft im Jahr 2025 geschrieben. Eine meiner provokanten Thesen lautete, dass Google die französische EDF aufkauft. Das war damals wenig verbreitet, aber heute sind wir dem schon viel näher. Nicht vorhergesehen haben wir allerdings das Ausmaß und die Folgen der Dezentralisierung in der Energiewirtschaft. Wir haben nicht erwartet, dass sich die Energiewende so dramatisch und in diesem rasanten Tempo entwickelt. Oder auch „shale gas“. Davon hat bis 2008 kaum jemand gesprochen.

Was leiten Sie daraus für Ihre Arbeit an Zukunftsszenarien ab?

Frei: Früher hieß es, Energie sei langsam und träge. Das ist vorbei. Entwicklungen können heute viel schneller eintreten, wenn man es schafft, auf der Konsumentenseite Anreize zu schaffen. Die können innovationsbedingt sein, politisch gelenkt – wie bei der Energiewende – oder beides zugleich. Generell wird überschätzt, was eine neue Technologie in kurzer Zeit erreichen kann und man unterschätzt, was die Technologie dann in der nächsten Phase liefern kann. Es braucht die gleiche Zeit für ein Wachstum von 0,1% auf 1% wie von 1% auf 10%. Das ist ein Phänomen, das man psychologisch immer wieder verpasst.

Was sind aus Ihrer Sicht die Haupttreiber für den Wandlungsprozess, der weltweit im Energiesektor stattfindet?

Frei: Wir haben unterschätzt wie wichtig geopolitische Einzelereignisse für den Energiemarkt sind. Die Ukrainekrise hat das Bild gewaltig verändert, genauso die Krise im Chinesischen Meer. Ein zweiter Punkt sind Unfälle wie Fukushima. Sie haben zu Politikreaktionen geführt, die über eine Technologierevolution hinausgehen. Projiziert man das in die Zukunft, muss man sich fragen, ob sich nicht in den Zusammenhängen von Energie mit Wasser, Cyber oder extremen Wetterereignissen ähnliche Vorfälle mit ähnlichen Auswirkungen anbahnen können. Ein Beispiel: In der Landwirtschaft sprechen wir heute von einer vergangenen Episode der Monokultur. Im IT-Bereich haben wir noch immer eine Monokultur. Wann also zeigt uns ein erster großer Unfall, wie sensibel uns das macht? Diese Fragen nach zukünftigen Schlüsselevents sind enorm wichtig für die Zukunftsforschung.

Welche Rolle spielt Zukunftsanalyse für Ihre Arbeit?

Frei: Das ist für uns sehr wichtig. In der Energiewirtschaft geht es um große Investitionssummen. Wenn die Dezentralisierung beispielsweise weiter vorangeht, könnten sich Strukturen so stark verändern, dass sich Infrastrukturprojekte nicht mehr lohnen. Diesen Fragen kann man sich nur mit Zukunftsanalyse wirklich seriös stellen.

Teilen Sie die Einschätzung, dass der aktuelle Umbruch in der Energiewirtschaft ein historisch einmaliger Prozess ist?

Frei: Wenn man sich fragt, was sind die wirklichen Innovationsschübe, die sämtliche industriellen und gesellschaftlichen Phasen eingeleitet haben, dann ist der Zugang zu Ressourcen immer ganz zentral. Wie haben wir den Zugang zu Ressourcen bewältigt? Wie effizient sind wir damit umgegangen? Jedes Mal, wenn es in der Geschichte eine signifikante Effizienzsteigerung gab, sprechen wir von einer Revolution. Ich persönlich bin davon überzeugt, wenn es uns gelingt, ein Smart Grid, ein stärker demokratisches und dezentrales Energiesystem aufzubauen, dann steigt die Eigenverantwortung, dann steigt das Bewusstsein für den Umgang mit Energie. Und was das auslösen kann, kann nur gut sein. Zusammengefasst: Es ist noch nicht sicher, dass wir etwas Historisches erleben, aber es besteht die Chance, dass wir an einer historischen Umbruchstelle stehen, in Richtung einer demokratisierten Energiewelt.

Über Christoph Frei:

Der gebürtige Schweizer wurde im April 2009 zum jüngsten Generalsekretär des World Energy Councils gewählt. Er arbeitet zudem als außerordentlicher Professor und Berater des Präsidenten der Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL). Beim World Economic Forum (WEF) ist er Mitglied des Global Agenda Councils on Energy Security, wo er schon vor seinem Wechsel zum WEC mehrere Funktionen innehatte.

 

Disclaimer: Die Ansichten und Meinungen in Gastbeiträgen sind die des Interviewten und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten und Meinungen der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. 

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