Supply Chain Finance – Instrument zur Steuerung der Liquidität durch das Treasury

Supply Chain Finance

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Quelle: Corporate Treasury News, Ausgabe 41, März 2015

Supply Chain Finance (SCF), ein Begriff der derzeit in aller Munde ist. Was fällt unter diesen Begriff und warum lohnt es sich, sich hiermit zu beschäftigen.

Der Begriff SCF unterliegt einer Vielzahl von Definitionen und Erläuterungen – allen gemein ist, dass es sich dabei im weitesten Sinne um die Optimierung von Finanzstrukturen und Finanzflüssen einzelner oder mehrerer Unternehmen entlang einer Lieferkette handelt.

Zunächst: Warum ist das Thema Supply Chain Finance derzeit besonders aktuell?

Auf der einen Seite geben immer mehr Geschäftsbanken den negativen Einlagezins der europäischen Notenbank (EZB) an ihre Kunden weiter. Diese sogenannte „Guthabengebühr“ für große Firmenkunden mit hohen Cashbeständen stellt einen Ansporn für die Treasurer dar, auch kurzfristig hohe Einlagen noch umzuschichten beziehungsweise in aktive Posten, etwa direkte Investitionen oder beispielsweise zur Supply Chain Finanzierung, umzuwandeln. Durch die alternative Nutzung der freien Liquidität zum Zwecke der Vorfinanzierung von Lieferanten kann einerseits die Guthabengebühr eingespart und zusätzlich können noch mögliche weitere Skonto-Erträge, welche von den Lieferanten gewährt werden, realisiert werden.

Auf der anderen Seite sehen sich Lieferanten und externe Dienstleister

insbesondere großer Unternehmen deren fortlaufenden Optimierungsbemühungen im Bereich Working Capitals gegenüber. Oftmals werden hierbei die Markt- bzw. Machtverhältnisse zwischen Käufer und Lieferant einseitig genutzt, um die eigenen Zahlungsziele im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten zu verlängern und somit die Finanzierungskosten auf die Lieferanten abzuwälzen. Diese unterschiedlichen Anforderungen von Seiten des Lieferanten und des Kunden im Einklang zu bringen stellt das zentrale Ziel des SCF dar. Durch die verschiedenen Konzepte des SCF können nämlich die gebundene Liquidität in der Lieferkette freigesetzt und gleichzeitig die Finanzierungskosten reduzieren werden – womit beide Seiten einen Verteil erlangen können.

Wie funktioniert nun SCF?

Zur Umsetzung des SCF stehen eine Reihe an verschiedenen Konzepten bereit: Als vergleichsweise einfache Form kann die dynamische Rabattierung angesehen werden, wobei der Lieferant einen entsprechenden Skonto bei

frühzeitiger Bezahlung seiner Rechnung gewährt – Höhe des Nachlasses und Zeitpunkt der Zahlung sind hierbei kurzfristig frei verhandelbar. Eine andere Möglichkeit zur Verbesserung der Kapitalflüsse stellt das sog. Reverse Factoring dar, wobei eine Bank die Zwischenfinanzierung der Lieferantenforderung zu den Konditionen des Abnehmers übernimmt. Als weitere Varianten zur Supply Chain Finanzierung bieten sich an, dass der Käufer ein Darlehen an den Lieferanten gewährt, Kreditkarten (sogenannte Purchasing Cards) zum Einsatz kommen können oder auch ein Verkauf der Forderung durch den Lieferanten erfolgt, Dies alles ist jedoch nicht wirklich neu.

Neu ist, dass zur Umsetzung dieser Konzepte nunmehr technische Lösungen bereit stehen, welche entlang der Wertschöpfungskette zwischen den ERP-Systemen von Kunde, Lieferant und Banken eingesetzt werden können. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, immer stärker auf die Einbeziehung von Banken als Intermediär zur (Zwischen-) Finanzierung der Lieferantenforderungen zu verzichten. So bietet beispielsweise Siemens über die Finanzierungsplattform ORBIAN an, dass Siemens-Lieferanten ihre Forderungen bankenunabhängig bis zu 100% Bevorschussung verkaufen können und so bereits nach zwei Bankarbeitstagen ihr Geld erhalten. Hiervon sind die Kosten für den Lieferanten für die frühzeitigere Bezahlung seiner Forderung abzuziehen. Diese ergeben sich in Form eines Diskonts, d.h. einem Abschlag auf den Forderungsnominalwert, welcher dem Lieferanten beim Forderungsverkauf als Aufwand entsteht.

Derartige Prozesse bedürfen einer entsprechenden IT-Unterstützung, mit der derzeit eine Reihe von Unternehmen wie zum Beispiel Traxpay, Basware oder CRX, welche sich als Zahlungsverkehrsplattform verstehen, auf den Markt

drängen.  Diesen Lösungen gemein ist, dass sie für die dynamische Umsetzung der verschiedenen Methoden zur Supply Chain Finanzierung genutzt werden können. Das heißt, sie wirken zwischen dem ERP-System des Käufers sowie dem ERP-System des Lieferanten in einem B2B-Netzwerk. Diese Lösungen werden oftmals von Geschäftsbanken, zum Beispiel der Commerzbank, oder etablierten Anbietern wie 360T im Hintergrund unterstützt.

Durch die Vielzahl an möglichen Konzepten ermöglicht SCF einen umfassenden Beitrag, um die Kapitalflüsse zu verbessern. Die Auflösung der hierbei bestehenden Unsicherheiten und Vorbehalte gegenüber von SCF-Maßnahmen ist Aufgabe des Treasury, welches originär für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs sowie die Optimierung der Liquidität verantwortlich ist. Die Funktionsweise sowie Wirksamkeit einzelner Maßnahmen und ihr Beitrag zur Kapitalkostensenkung und Liquiditätssteigerung sind durch das Treasury transparent zu machen und den am Prozess beteiligten Abteilungen (wie zum Beispiel dem Einkauf oder Lieferanten) zu vermitteln. Ziel muss es sein, für die jeweilige Lieferanten-Beziehung das richtige Konzept auszuwählen – wichtig ist, hierauf mit einer Flexibilität in den Methoden, Prozessen sowie IT-Lösungen reagieren zu können.

 

Autor: Andreas Liedtke, Senior Manager, aliedtke@kpmg.com

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