Genfer Autosalon: Die Invasion der Nickelbrillen

Genfer Autosalon: Die Invasion der Nickelbrillen

Noch nicht allzu lange ist es her, da galt das Auto als Statussymbol harter Kerle. Tuning, breite Reifen, Bassbox im Kofferraum. Platz für Computer-Tüftler war da kaum, Nerds waren nicht angesagt. 2015 haben sich diese Vorzeichen gänzlich geändert. Kleine Unternehmen haben einst die Technik-Welt verändert, sind zu weltweit bedeutenden Konzernen aufgestiegen – und ebene jene Nerds sind die neuen Chefs. Grenzen kennen sie nicht, schrecken auch nicht vor der Autobranche zurück. Das iCar von Apple ist gerade deshalb das Thema auf dem Genfer Autosalon.

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Genfer Autosalon

Von Apple wird es bei der Automesse in der Schweiz noch nichts zu sehen geben, doch es ist eine Art anerkennende Auszeichnung für die Errungenschaften der vergangenen Jahre, dass die Chefs der großen Autobauer über ein Produkt sprechen, von dem bislang noch niemand weiß, ob es jemals überhaupt marktreif wird.

Wie „Börse Online“ berichtet, wird das iCar die zehn Messetage am Genfer See zu einem Großteil beherrschen. Die Anzeichen dafür, dass was in der Mache ist, haben sich den vergangenen Wochen verdichtet – und setzen die traditionellen Autobauer wohl zunehmend unter Druck.

Erst kürzlich warnte Auto-Experte Dieter Becker davor, dass die bekannten Autohersteller ohne Einstellung auf die neue Zeit an den Rand ihrer eigenen Branche gedrängt werden könnten, da elektronische Dienste rund ums Auto immer mehr an Bedeutung gewinnen. Um Trends nicht zu verpassen, müssen traditionelle Automobilhersteller daher neue Geschäftsmodelle entwickeln, die neben dem Produkt auch vermehrt das gesamte Lebensumfeld der Kunden in den Mittelpunkt stellen, anstatt sie nur als Fahrzeugführer zu betrachten.

Genau das kann Apple besonders gut: Der IT-Konzern konzentriert sich auf den Kunden, erst dann steht das Produkt im Fokus. Deshalb glaubt Becker nicht daran, dass das IT-Unternehmen aus Kalifornien langfristig die Absicht hat, tatsächlich Autos zu produzieren, sondern nur die dafür entwickelte Technologie zu verkaufen, durch die sie wiederum wichtige Kunden- und Verhaltensinformationen gewinnen können. Was die Automobilproduktion angeht sei Apple daher kein ernstzunehmender Konkurrent für traditionelle Hersteller, was Connectivity und Digitalisierung im Fahrzeug angeht, jedoch schon.

Dieter Becker im Video-Interview

Dass Gefahr fürs Geschäft droht, sehen die Bosse der großen Autobauer nicht – noch nicht. „Angst haben wir nicht. Bei der Digitalisierung im Fahrzeug und dem Bedienkomfort ist Apple ein Wettbewerber. Was Autos betrifft, sicher nicht“, sagte VW-Chef Martin Winterkorn dem Magazin „Der Stern“ – nämliches gelte für Google.

Geld muss jetzt verdient werden

Dass der Paradigmenwechsel in der Autobranche bereits stattgefunden hat, davon zeugt ein Blick auf die bislang im Jahr 2015 gelaufenen Messen. Auf der CES in Las Vegas zeigten die Autobauer die Ideen ihrer Zukunftsvisionen, in Detroit zeigten sie dann, welche Autos sie morgen verkaufen wollen.

Das Zauberwort der Gegenwart heißt „Crossover“. Gemeint sind Kleinwagen, SUVs und Standardlimousinen – also alles das, war gerade am Markt gefragt ist.

Doch ganz ohne Glamour geht auch in Genf nichts: So wird zum Beispiel Edag den Light Cocoon vorstellen. Besonderheiten des Sportwagens: Bissiges Design, Antrieb elektrisch, Produktion aus dem 3D-Drucker und ein futuristischer Stoffüberzug von Jack Wolfskin.

McLaren schickt mit dem P1 GTR ein wahres PS-Monster in die Schweiz – 900 Pferdestärken werden gezeigt – und auch die Italiener von Ferrari haben einen flotten Sportwagen unterm Tuch. Der Ferrari 488 GTB beschleunigt von 0 auf 200 Kilometer pro Stunde in 8,3 Sekunden.

Deutscher Autobauer vor Comeback

Aus deutscher Sicht ist auch das Comeback eines deutschen Autobauers interessant: Borgward will sich in Genf zu seinen Zukunftsplänen äußern. Das Unternehmen schrieb zwischen 1919 und 1961 Autogeschichte. Das Modell Isabella TS aus dem Jahr 1955 ist heute ein gefragter Oldtimer.

Wie in der Global Automotive Executive Survey 2015, zeigt sich die Zwickmühle der Autobranche besonders stark in Genf. „Einerseits werden Zukunftsthemen wie das iCar heiß diskutiert, was aber die Produkte selbst angeht, wird es in Genf vermutlich noch keine großen Überraschungen geben.“

Das hat Gründe: „Regierungen erlassen immer strengere Klimaschutzauflagen, sodass die Hersteller viel Geld in die Optimierung der Verbrennungsmotoren und die Entwicklung neuer Antriebstechnologien stecken müssen. Kunden werden immer technikaffiner und verlangen innovative Dienstleistungen rund um das vernetzte Auto, woraus eine vollkommen neue Mobilitätskultur hervorgeht. Von dieser neuen Mobilitätskultur werden wir jedoch in Genf vermutlich noch nicht allzu viel zu sehen sein“, erklärt Becker.

Wie der Experte weiter einschätzt, nehme die Automobilindustrie technischen Entwicklungen mittlerweile ernst. “Sie fragen sich aber zu wenig, auf welchen Feldern nachhaltig die Innovationsführerschaft der Automobilindustrie liegen solle, nämlich mehr in der Summe des Geschäftsmodells als in einzelnen technischen Features”, so Becker.

Redaktion: Moritz Ballerstädt

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