Zahlungsverkehr: Ein Nachruf auf das Netting

Zahlungsverkehr: Ein Nachruf auf das Netting

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 40, Februar 2015   Das Netting ist tot. Es wird nicht mehr gebraucht. Es war vor allem die technische Entwicklung bei ERP und Treasury Management Systemen, die sein Ende besiegelt haben. An verschiedenen Stellen wird zwar versucht, letzte Spezies des Nettings zu erhalten, doch wird dies wahrscheinlich nicht von Dauer sein. Selbst in Kleinstbiotopen wird man es bald nicht mehr finden. Der Grund liegt im „besser und gleichzeitig günstiger“ aktueller technischer Möglichkeiten.

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Es war einmal vor langer Zeit, da wurden Intercompany-Forderungen und -Verbindlichkeiten Eins-zu-eins mittels Banküberweisungen beglichen. Im Zuge der fortschreitenden Globalisierung bedeutete dies insbesondere auch zunehmenden grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Globales Cash Pooling steckte zu dieser Zeit in den Kinderschuhen, von einer Transparenz über die Bankkontensalden ganz zu schweigen. MT940-Kontoauszüge waren in manchen Ländern so verbreitet wie Flip Flops in Grönland. Treasury Systeme waren reine Bestandsverwaltungs-systeme mit einigen netten Features im Bereich des Cash Managements und der täglichen Disposition. Lediglich Systeme, welche ihre primäre Bestimmung im Bankenumfeld hatten, wiesen mehr Risikomanagementfunktionalitäten auf. Die hohen Kosten des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs und die Tatsache, dass der Liquiditätsbedarf durch fehlendes valutengleiches Cash Pooling kontinuierlich stieg (beispielweise bei den ersten Euro-Cash Pool-Konzepten), riefen nach Lösungen. Bevor technische Lösungen in Sichtweite kamen, gab es tatsächlich globale Konzerne, welche eine manuelle Inhouse-Bank-Lösung mit Verrechnungskonten mittels eines ausgeklügelten Telefax-Prozesses schufen. So konnten Intercompany-Zahlungen einer Gesellschaft in Land A über die Inhouse-Bank 1 im Land B erfolgen, welche die Zahlungen dann über die Inhouse-Bank 2 im Land C an den Begünstigten im Land D routete. Alles klar? Auf allen Stufen wurde hierfür manuell gebucht. Und dann kam die Zeit des Nettings, eine technische Antwort auf die beiden Fragen, ob anstelle einer Eins-zu-eins-Begleichung von Forderungen und Verbindlichkeiten, diese nicht vorher gesammelt und genettet werden sollten, um dann nur noch die Differenz physisch per Banküberweisung auszugleichen (bilaterales Netting) oder ob man dieses Konzept nicht auch mit n Beteiligten darstellen könnte (multilaterales Netting). Die technischen Konzepte zur Umsetzung waren unüberschaubar vielfältig, mal mehr, mal weniger komfortabel in der Bedienung und Konzeption der erforderlichen Abstimmung der Forderungen und Verbindlichkeiten. Die heute noch am Markt verfügbaren Lösungen stellen zweifelsfrei ein Maximum des technisch Machbaren in diesem Themenfeld dar.

Und doch können sie über eines nicht hinwegtäuschen: Netting ist wie eine Strafrunde beim Biathlon, eine unnötige Prozessschleife. Die Strafrunde ist das Abstimmen der gegenseitigen Forderungen und Verbindlichkeiten sowie der komplexe Prozess der folgenden Buchungen (welche einzelne Forderung gegen welche einzelne Verbindlichkeit, welche Informationen im Kontoauszug werden benötigt, um die Kontoauszugsverarbeitung weiter automatisiert laufen zu lassen) einschließlich der zugehörigen Up- oder Downloadprozesse. Wie sieht aber nun die Alternative aus? Wie ist ein hoch effizienter Prozess im Bereich Intercompany-Verrechnung heute ausgestaltet? Für Verbindlichkeiten, egal ob gegenüber externen oder internen Begünstigten, werden bei Fälligkeit Zahlaufträge erstellt. Diese werden als Zahldatei an die zentrale Inhouse-Bank gesendet und dort dergestalt verarbeitet, dass die externen wie gehabt über die Banken geroutet werden (mit oder ohne Leitwegsteuerung, von Konten des Debitors oder on behalf), jedoch die Zahlungen an interne Begünstigte direkt über das Verrechnungskonto gebucht werden – ohne Einbindung externer Banken. Das Volumen der internen Zahlungen sowie die Anzahl der einzelnen Posten spielt somit kostenseitig keinerlei Rolle mehr. Eine Eins-zu-eins-Buchung der Forderungen und Verbindlichkeiten hat somit den Vorteil, dass die folgenden Buchungsprozesse ohne die genannten Extraschleifen voll automatisiert durchlaufen können. Die Praxis zeigt darüber hinaus, dass durch ein nicht verbindlichkeits- sondern forderungsgetriebenes Verfahren (Lastschriftverfahren) gleichzeitig die Schuldenkonsolidierung effizienter wird.

Selbst Länder mit durch die Zentralbank auferlegten Beschränkungen, sogenannte MTO-Länder (Money Transfer Obligation) können in diesen Prozess mit einbezogen werden, indem die Verrechnungskonten dieser Gesellschaften nicht verzinst werden, sondern als einfache Informationskonten geführt werden (gegebenenfalls sogar in zwei getrennten Konten, einmal als kreditorisches, einmal als debitorisches Konto), deren Saldo monatlich über einen Banktransfer ausgeglichen wird. Die beschriebenen Vorteile lassen sich noch weiter fortführen, von der Ver-einheitlichung von Prozessen (ein identischer Prozess für interne und externe Zahlungen) bis zur Nutzung der Verrechnungskonten zum Settlement von FX-Transaktionen, selbst wenn die Gesellschaft nicht am Cash Pooling teilnimmt.

Systemalternativen gibt es mittlerweile genügend, ob ERP oder TMS-basiert. Allen gemein ist, dass sie über eine Verrechnungskontenlogik verfügen, die es erlaubt, aus Zahlungsdateien die entsprechenden Buchungsinformationen zu generieren. Wo ist da noch Platz für Netting?

Autor: Carsten Jäkel, Partner, cjaekel@kpmg.com

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