Rohstoffrisiken: der blinde Fleck in der Gesamtrisikosteuerung

Rohstoffrisiken: der blinde Fleck in der Gesamtri...

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 39, Januar 2015   Das moderne Treasury blickt zurück auf eine jahrzehntelange Evolution, die durchaus als beachtlich bezeichnet werden darf, und präsentiert sich heutzutage selbstbewusst als integrale Steuerungsfunktion für finanzielle Risiken im Konzern. Bei genauer Betrachtung offenbaren sich jedoch auch noch blinde Flecken in der Risikosteuerung, das moderne Rohstoffrisikomanagement stellt einen davon dar.

Verwandte Inhalte

Der prägende Begriff der Evolution des Treasury lautet „Vernetzung“, nur durch diese wurde es möglich, eine Informationsbasis zu schaffen, auf welche sich das Treasury in seinen Entscheidungen stützen kann. Dabei wird funktionsübergreifend an einem möglichst reibungslosen Informationsfluss gearbeitet, sodass für die allermeisten Aufgaben des Treasury Prozesse und Lösungen bestehen, welche eine fundierte und sehr effiziente Entscheidungsfindung ermöglichen.

Nun sind die Begriffe „fundiert“ und „effizient“ oftmals nicht die Ersten, die einem zum Thema Rohstoffrisikomanagement in Verbindung mit Treasury in den Sinn kommen. Ganz klar, das sei ja auch nicht Aufgabe des Treasury, dafür gibt es den Einkauf – so lautet üblicherweise die Schlussfolgerung, die gezogen wird. Allerdings greift dieses Argument in der Praxis zu kurz.

Laut der aktuellen KPMG-Studie „Rohstoff- und Energierisikomanagement in Industrie- und Handelsunternehmen“ von September 2014 setzen 91% der befragten Unternehmen im deutschsprachigen Raum Finanzinstrumente ein, um sich gegen volatile Rohstoffpreise abzusichern. Alleine damit bekommt die Durchführung der Sicherungen Relevanz für das Treasury, da der Abschluss der Finanzinstrumente außerhalb des Treasury die Einhaltung der Funktionstrennung, Bilanzierungsvorschriften oder Regulierungsanforderungen gefährdet.

Entsprechend verwundert es nicht, dass in 71% der befragten Unternehmen das Treasury den Abschluss der Derivate verantwortet. Dagegen obliegt die Identifikation und Erhebung des Exposure aus der Rohstoffbeschaffung in 63% der Fälle dem Einkauf selbst. Treasury und Einkauf sind ebenfalls in die Entscheidung über die Sicherungsquote involviert (35% bzw. 32%), dabei handelt es sich in erster Linie um operative Entscheidungen innerhalb eines vom Vorstand oder Risikokomitee vorgegebenen Rahmens.

Genannte Studienergebnisse belegen eine enge Vernetzung von Treasury und Einkauf, jedoch liegt die eigentliche Herausforderung für das Treasury in der Messung und Bewertung von Rohstoffrisiken unter Gesamtrisikoaspekten. Denn während der Einkauf zur Definition der Sicherungsstrategie isoliert auf Warenverträge aufsetzt, strebt das Treasury eine übergeordnete Gesamtrisikosteuerung an und sieht Warenverträge neben beispielsweise Fremdwährungsrisiken nur als ein Bestandteil des Gesamtrisikos.

Dadurch, dass die Höhe des Rohstoffpreisrisikos entscheidend durch die Ausgestaltung der Warenverträge bestimmt wird, hebt sich das Rohstoffpreisrisiko klar von der weitgehend standardisierten Ausgestaltung von Fremdwährungsrisiken ab. Erschwerend für das Treasury kommt hinzu, dass der Großteil der derzeit für das Treasury angebotenen IT-Systeme keine oder nur unzureichende Funktionalitäten aufweisen, um Exposure aus Warenverträgen adäquat darstellen und daraus eine Risikoquantifizierung ableiten zu können.

Somit fehlen in den meisten Unternehmen die technischen und oft auch die organisatorischen Voraussetzungen, um Rohstoffrisiken mit anderen Risikoarten wie Währungs-, Zins- oder Kontrahentenrisiken zu einer Gesamtrisikoposition aggregieren zu können. Eine solche Aggregation würde den Vorteil bieten, die Rohstoffabsicherungen in das unternehmensweite ganzheitliche Risikomanagementsystem einzubetten. Insbesondere die Korrelationen zwischen Rohstoff- und Währungsrisiken als auch die Auswirkungen auf das Ausfallsrisiko von Kontrahenten mit großem Exposure würden einen deutlichen Mehrwert für die Beurteilung des Gesamtrisikos darstellen.

Bis sich diese Idealvorstellung einer Rohstoffrisiken integrierenden Gesamtrisikosteuerung in gelebte Praxis wandelt, wird noch einiges an Vernetzung notwendig sein. Jüngste Entwicklungen der Systemanbieter lassen zumindest hoffen, dass dieser blinde Fleck in absehbarer Zeit aus dem Blickfeld von Treasury verschwindet.

Autor: Paul Ratzenböck, Manager, pratzenboeck@kpmg.com

KPMG International erbringt keine Dienstleistungen für Kunden. Keine Mitgliedsfirma ist befugt, KPMG International oder eine andere Mitgliedsfirma gegenüber Dritten zu verpflichten oder vertraglich zu binden, ebenso wie KPMG International nicht autorisiert ist, andere Mitgliedsfirmen zu verpflichten oder vertraglich zu binden.

So kontaktieren Sie uns

 

Angebotsanfrage (RFP)

 

Absenden

KPMG's neue digitale Plattform

KPMG's neue digitale Plattform