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«Der menschliche Faktor bleibt»

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Im Interview spricht Jeremy Haigh über die Digitalisierung der Life Sciences-Branche und erklärt, was einen guten Forschungs- und Entwicklungsstandort ausmacht.

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Jeremy Haigh, CEO von Proteome Sciences

Jeremy Haigh, CEO von Proteome Sciences

Digitalisierung in Forschung & Entwicklung

Auf welchen Bereich der Forschung & Entwicklung (F&E) hat sich die Digitalisierung bislang am stärksten ausgewirkt?

Jeremy Haigh: Bei Anbietern und Leistungsempfängern im Gesundheitsbereich machen sich die Vorteile digitaler Technologien wohl am schnellsten bemerkbar, doch gerade auch in der F&E bietet sich uns momentan eine Vielzahl kurzfristiger Chancen für neue Entdeckungen und Entwicklungen. Dazu gehören beispielsweise die Identifizierung neuer Wirkstoffziele, die Bildanalyse und das phänotypische Screening von Arzneimittelkandidaten, die Umfunktionierung vorhandener Moleküle für neue Therapiebereiche sowie die Nutzung von KI (künstlicher Intelligenz) in der Arzneimittelsicherheit und im regulatorischen Meldewesen für eine zuverlässigere Identifizierung unerwünschter Arzneimittelwirkungen. Zudem sollten sich die schnellere und präzisere Patientenerkennung und Standortwahl positiv auf die Entwicklungskosten auswirken.

Martin Rohrbach: Aus technischer Sicht scheint es, als sei bereits jetzt so gut wie alles möglich – oder zumindest in ein paar Jahren. Um die digitale Revolution voll auszunutzen, muss ihr Potenzial aber auch angenommen werden. Dafür müssen zuerst einmal grundlegende Fragen bezüglich Datensicherheit, Datenschutz und Regulierungsprozessen beantwortet werden.

Wie wird die Rolle der F&E in der Zukunft aussehen?

Haigh: Meiner Meinung nach steht das herkömmliche F&E-Modell in der Pharmaindustrie schon heute unter Druck, da der ROI sinkt und die Aufrechterhaltung der vertikalen Integration zunehmend erschwert wird. Einige Grossunternehmen haben ihre Kernkompetenzen bereits ausgelagert, um Risiken in ihren Portfolios zu verringern und ihre Prozesse effizienter und berechenbarer zu machen. Daraus folgt eine viel grössere Abhängigkeit von Netzwerkaktivitäten. Die Zahl der Partnerschaften und Kooperationen wird zunehmen, ebenso wie die Abhängigkeiten zwischen grossen und kleinen Unternehmen. Die Gewichtung der digitalen Zusammenarbeit nimmt ebenfalls zu. Jedes Unternehmen wird von Anfang an über digitale Lösungen nachdenken müssen, anstatt, wie es momentan der Fall ist, seine bestehenden Prozesse lediglich zu ergänzen. Die Digitalisierung wird die Bündelung der F&E-Prozesse im kommerziellen Umfeld erheblich verändern.

Rohrbach: Zum Thema Umdenkprozesse: Ich rechne insgesamt mit einem zunehmend datengesteuerten Prozess. Dementsprechend werden Datenverarbeitung und -analyse in der F&E zu unabdingbaren Kompetenzen. Möglicherweise haben sie in Zukunft sogar einen ebenso hohen oder noch höheren Stellenwert als rein medizinische Kompetenzen.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen dieses digitalen Wandels?

Rohrbach: Die grösste Herausforderung wird meiner Meinung nach die Fähigkeit des Menschen zum Umgang mit Daten sein. Damit meine ich, die richtigen Fragen zu stellen und anschliessend die richtigen Schlüsse zu ziehen. Sind wir in der Lage zu entscheiden, welche Daten wir zu welchem Zweck nutzen sollten? Können wir die Daten präzise auswerten und deuten? Heutzutage werden Ergebnisse zunehmend von Algorithmen vorhergesagt. Da diese aber von Menschen entwickelt werden, sind sie nicht unabhängig. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ich kaufe im Internet einen DNA-Test. Von diesem Moment an erhalte ich E-Mails und Pop-up-Werbung für DNA-Tests. Aber: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich noch einen zweiten Test kaufen werde? Diese grundlegenden Fragen und Entscheidungen bedingen nach wie vor ein hohes Mass an menschlichem Urteilsvermögen und können daher nicht gänzlich digitalisiert werden.

Haigh: Die Einführung digitaler Lösungen birgt zudem einige inhärente Risiken, insbesondere in Sachen Vertrauen. Im Hinblick auf den Schutz und die Sicherheit von Patientendaten sind wir besonders abhängig von Datenintegrität und Datenmanagement, wenn auch nicht ausschliesslich. Die Regulierung und Harmonisierung der Datenerfassung und -verwaltung sind von grösster Bedeutung, aber noch nicht gesichert. Die Regulierungsbehörden sind eher konservativ und werden einige Zeit brauchen, um in Zulassungsanträgen neben herkömmlichen Daten zu Menschen und Tieren auch die Nutzung von digitalen/In-silico-Daten zu berücksichtigen. Marktteilnehmer und Patienten werden neben Transparenz auch die sachgemässe Einbindung solcher Methoden in den Bereich F&E fordern. Die Lösung liegt meines Erachtens nicht auf der Hand, sondern ist ein Prozess, den wir Schritt für Schritt durchlaufen müssen. Dabei sollten wir uns vor allem für eine flexiblere Herangehensweise an F&E einsetzen.

F&E-Standort

Welche Merkmale zeichnen einen guten F&E-Standort aus?

Haigh: Zu allererst: ein leichter Zugriff auf Schlüsseltalente. Die Menschen sind meines Erachtens heute nicht mehr so mobil wie früher. Man braucht daher einen Standort mit einer starken Erwerbsbevölkerung vor Ort, oder es müssen die Voraussetzungen gegeben sein, um sowohl in Bezug auf die Talent-Bandbreite als auch die fachliche Qualifikation die richtigen Leute anzuziehen und zu halten.
Zweitens: Netzwerke werden immer wichtiger. Ein Hub-Standort, an dem man von gleichgesinnten Menschen und Unternehmen umgeben ist, ist sehr hilfreich. Ideen und Ambitionen können an solchen Ort gegenseitig angeregt werden. Angesichts der bereits erwähnten Abhängigkeiten sind diese Aspekte äusserst wichtig.

Rohrbach: Dem hinzufügen würde ich noch den Zugriff auf ein Netzwerk von Bildungseinrichtungen sowie ein Forschungsumfeld, das aus Gesetzes- und Regulierungssicht günstig ist.

Sehen Sie Potenzial für die Entstehung neuer Hubs im Bereich F&E?

Haigh: Der demografische Wandel wird zu vermehrten Investitionen in einigen Ländern führen, die sich gut für F&E eignen. Ein offensichtliches Beispiel ist China. Ein riesiger Handelsmarkt, gepaart mit einem sehr grossen heimischen Fachkräftebestand, lässt sich nicht einfach ignorieren. Solche Faktoren beeinflussen Investitionsentscheidungen.

Rohrbach: Wir sehen China zudem wegen seiner Verbesserungen in Sachen Regulierung und seiner Marktgrösse als stärksten Herausforderer etablierter Hubs.

Haigh: Länder, die bei F&E in der Vergangenheit keine grosse Rolle gespielt haben, könnten aufgrund wachsender Bevölkerungszahlen und ihrem entsprechend steigenden Bedarf an Gesundheitsleistungen in Zukunft wichtiger werden. Auch die Regierungen haben diese Dynamik erkannt und werden solche Entscheidungen sicherlich mit Steuervergünstigungen und anderen Anreizen unterstützen, was sich auf den Investitionsumfang in etablierten F&E-Regionen auswirken könnte. F&E im Life-Science-Bereich bietet attraktive und langfristige Chancen.

Rohrbach: Die Entstehung neuer Hubs sollte definitiv nicht unterschätzt werden. Welche Herausforderungen angegangen werden und wie, das sind Fragen, die unsere Welt momentan so schnell verändern. Das wird sich auch auf die Frage auswirken, was wo entwickelt werden soll.

Wie schätzen Sie die Folgen des Brexit ein?

Haigh: Die Auswirkungen des Brexit lassen sich nur schwer vorhersehen, was auch der Grund dafür ist, dass so viele Leute sich damit auseinandersetzen. Der Umzug der EMA nach Amsterdam wird natürlich regulatorische Konsequenzen nach sich ziehen, und der potenzielle Verlust einer einheitlichen europäischen Marktzulassung könnte den Zugriff auf den britischen Markt erschweren. Grossbritannien ist auf eine einheitliche Regulierung angewiesen und trotz der unbestreitbaren Stärke der MHRA wird viel darüber spekuliert, was anstelle einer solchen Koalition treten soll. Auch für den Arbeitsmarkt gibt es Konsequenzen: Die Life-Science-Branche profitiert stark von grenzübergreifender Zusammenarbeit. Diese einzuschränken wird sich stark auf die Kompetenz der britischen Erwerbsbevölkerung, die Attraktivität Grossbritanniens für die Top-Talente der Branche sowie den Umfang des Ausbildungsangebots für angehende Wissenschaftler auswirken. Auch Investitionen könnten zurückgehen, sollte Grossbritannien den Zugriff auf EU-Fördermittel wie Horizon 2020 verlieren und von anderen Staaten nicht mehr als bestmögliche Plattform für den Zugang zu Europa wahrgenommen werden. In einer Welt, die sich immer mehr auf Zusammenarbeit und Partnerschaften stützt, wird jede Form der Isolation zur Herausforderung, wenn man ihr nicht entgegenwirkt.

Die Zukunft von F&E

Welche Auswirkungen haben gesellschaftliche Entwicklungen und der demografische Wandel auf die F&E?

Haigh: Neben offensichtlich höheren Investitionen in die Erforschung altersbedingter Erkrankungen entsteht durch eine alternde Bevölkerung aufgrund der zunehmenden Behandelbarkeit einst tödlicher Erkrankungen ein kontinuierlicher Handlungsbedarf. Diese Entwicklung ist zwar gut für den einzelnen Patienten, hat aber weitreichende finanzielle und gesellschaftliche Konsequenzen. In der Gesundheitsversorgung und Arzneimittelentwicklung ist der Wandel bereits spürbar – beide sind in ihrer aktuellen Form nicht nachhaltig. Wir müssen es schaffen, dass die Arzneimittelentwicklung schneller, günstiger und berechenbarer wird. Sie muss den Fokus auf Innovation setzen, unsere Vorstellung von Nutzen und Risiko neu definieren und für eine Branche stehen, die zwar von ihren Geldgebern geleitet wird, aber dem Patientenwohl dient. Mit Blick auf F&E sind ziemlich drastische Veränderungen erforderlich – der natürliche Lauf der Evolution wird nicht ausreichen. Wir müssen das Feld umgraben, und mithilfe digitaler Lösungen wird die Disruption vermutlich auch gelingen.

Rohrbach: Die Lebenserwartung ist in vielen Ländern der Welt erheblich gestiegen. Die Anzahl unserer gesunden Lebensjahre ist jedoch nicht in gleichem Masse mitgewachsen. Jüngste Studien zeigen, dass wir dringend neue Therapien und Medikamente in Bereichen brauchen, auf die wir uns heute noch nicht konzentrieren. Ein Beispiel hierfür ist Alzheimer. Hier wurde bereits umfassend geforscht, aber bislang noch kein grösserer Durchbruch erzielt. Wir stehen hier vor einer gewaltigen, äusserst komplexen Herausforderung. Noch wissen wir viel zu wenig über diese weitverbreitete Krankheit.

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