Interview mit Peter Grünenfelder | KPMG | CH

«Unser Wohlstand basiert massgeblich auf dem Erfolg der Aussenwirtschaft» 

Interview mit Peter Grünenfelder

Peter Grünenfelder spricht im Interview über die Vorzüge des Milizsystems, die zunehmende Reformmüdigkeit der Schweizer Bevölkerung und strukturelle und mentale Abschottungstendenzen, welche ihm Sorge bereiten.

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Peter Grünenfelder

Peter Grünenfelder, Leiter der Denkfabrik Avenir Suisse

Wie beurteilen Sie die politischen Rahmenbedingungen für die Schweizer Wirtschaft?

In Zeiten globaler Wertschöpfungsketten und zunehmend digitaler Arbeitswelten sind die liberalen und marktwirtschaftlichen Erfolgspfeiler der Schweizer Prosperität umso bedeutender: Die Innovationskraft der Unternehmen ist angewiesen auf politische Stabilität und Verlässlichkeit, einen liberalen Arbeitsmarkt, ein hoch-qualitatives Bildungssystem und die Ermöglichung des weitgehend ungehinderten Zugangs zu ausländischen Märkten, aber auch auf ein bevölkerungsnahes Politisieren dank föderalistischem Systemwettbewerb und direkter Demokratie. Damit verbinde ich die Absage an einen überbordenden Staatseinfluss. Diese Erfolgspfeiler werden zusehends in Frage gestellt, wenn nicht gar unterspült. So schränken die flankierenden Massnahmen die Flexibilität des Arbeitsmarktes immer mehr ein. Und wir verfügen zwar schweizweit über 80 Hochschulstandorte, müssen aber zugleich die grosse Nachfrage nach MINT-Berufen mit Akademikerinnen und Akademikern aus dem Ausland abdecken, weil das heimische Bildungsangebot nur ungenügend auf die Nachfrageimpulse des Arbeitsmarkts reagiert. Hinzu kommt: Die staatliche Umverteilung beträgt mittlerweile fast gegen 45% der Wertschöpfung, was deutlich zu hoch ist.

In welchen Bereichen hat die Schweiz den grössten Reformbedarf?

Obwohl wir weltweit eine der höchsten Lebenserwartungen ausweisen, haben wir im Gegensatz zur Mehrheit der OECD-Staaten unser Rentenalter nicht nach oben angepasst. Aber auch wir brauchen eine entsprechende Antwort auf die demografische Entwicklung. Die Zahl der 65-Jährigen und Älteren wird bis 2035 um 61% steigen, im gleichen Zeitraum wird die Zahl der 20- bis 65-Jährigen aber nur um 7% zunehmen. Wenn die Gewerkschaften neuerdings auf dem Frauen-Rentenalter 64 beharren, kommt das schlichtweg einer demografischen Realitätsverweigerung gleich. Notwendig sind vielmehr die Erhöhung des Referenzrentenalters zur Entlastung der ersten Säule und flexible Arbeitsmodelle für ältere Mitarbeitende, die ein Arbeiten über das Referenzrentenalter hinaus ermöglichen.

Daneben bereiten mir die zunehmenden strukturellen und mentalen Abschottungstendenzen Sorge. Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Wohlstand massgeblich auf dem Erfolg unserer Aussenwirtschaft basiert mit einer Exportquote von rund 70%. Davon generieren 50 Prozentpunkte direkt Wertschöpfung im Inland, 20 Prozentpunkte sind auf Vorleistungen aus dem Ausland zurückzuführen. Wenn wir aber anschauen, wie viele Initiativen neue Grenzen hochziehen oder gar, wie die Konzernverantwortungsinitiative aus dem linken Spektrum, Schweizer Recht extraterritorial durchsetzen wollen, bewegen wir uns zusehends auf einem ökonomisch morschen Stück Holz. Oder nehmen Sie neue Freihandelsabkommen: Hier wehrt sich die Agrarlobby tatkräftig gegen weitere Marktöffnungen, obwohl der Schweizer Agrarsektor nur noch einen verschwindend kleinen Teil zur gesamten Wertschöpfung beiträgt. Notwendig sind umso mehr aussenwirtschaftlich verlässliche Rahmenbedingungen, die auch der unternehmerischen Dynamik Rechnung tragen. Letztlich ist von Bedeutung, dass auch die Aussenwirtschaftspolitik wieder vermehrt dynamisch gestaltet wird und nicht alleine den Status quo verteidigt.

Was macht die Schweiz besser als andere Staaten?

Ich halte sehr viel von der bevölkerungsnahen Art und Weise des Politisierens mit dem Milizprinzip. Das bringt wirtschaftliche Praxiserfahrung und berufliches Know-how in die Politik. Es führt zu hoher Identifikation mit dem System und generiert – allen Unkenrufen zum Trotz – keinen Graben zwischen öffentlichen Verantwortungsträgern und der Bevölkerung. Erfreulich ist auch, dass in der Schweiz breite Kreise der Bevölkerung am Wohlstand teilhaben – die Einkommensschere ist bei uns denn auch nicht aufgegangen.

Welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bereiten Ihnen Sorgen?

Ich konstatiere eine zunehmende Reformmüdigkeit, obwohl der Reformdruck zunimmt. Dies betrifft beileibe nicht nur die Demographiefrage, sondern etwa auch die Realisierung einer wettbewerbskompatiblen Unternehmensbesteuerung oder das konsequente Bekämpfen der immer mehr um sich greifenden Regulierungsdichte. Notwendige Erneuerungen werden aber nicht immer konsequent genug und vielfach nur zögerlich angegangen. Besitzstandswahrung darf aber nicht zur dominanten Strategie werden, und die Tendenz zur Selbstgefälligkeit bremst die Innovation und lähmt die Erneuerungskraft.

Welche Vision haben Sie für die Schweiz im Jahr 2050?

Dass unser Land wieder vermehrt Vorreiter von Erneuerungen wird und von der Verwaltung des Wohlstands à la 2017 weggekommen ist. Wir überzeugen durch die Qualität unseres Unternehmertums und sind ausgesprochen attraktiv im globalen Wettbewerb um die besten Talente. Wir weisen dazu eine freiheitliche Ordnung in einer mitunter disruptiven Welt aus. Im Landesinnern herrscht eine hohe soziale Kohäsion dank einem breit abgestützten Wohlstand.

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