«Der gläserne Mensch existiert schon»

«Der gläserne Mensch existiert schon»

Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich, erklärt, wieso er Ethik als Erfolgsprinzip versteht.

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Dirk Helbing

Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich, Bild: Davide Caenaro

Welche Entwicklungen werden unser Leben in den nächsten drei bis fünf Jahren am meisten beeinflussen?

Es sind viele Daten über uns gesammelt worden. Diese Informationen kann man verwenden, um Menschen zu manipulieren, aber auch Hacker können diese nutzen. Unser Kaufverhalten, aber auch unser politisches Verhalten und unsere Meinungen werden beeinflusst. Es geht also um eine Fernsteuerung des Menschen. Man nennt dies auch «Neuro-Marketing». Dieses personalisierte Marketing ist erfolgreicher, da es auf die einzelnen Menschen zugeschnitten ist. 95 Prozent der Informationen nehmen wir ja nicht bewusst wahr. Das Problem besteht darin, dass sich Akteure dieser Methode bedienen, die nicht demokratisch legitimiert sind.

Welche ethischen Herausforderungen gibt es in diesem «Big Data»-Bereich?

Wir werden immer mehr von aussen gesteuert. Wir verlieren die individuelle Kontrolle über unser Denken, Fühlen und Handeln und Leben, und wir haben das Problem von Hackerangriffen auf Unternehmen und kritische Infrastrukturen. Durch diese Angriffe findet eine Unterwanderung der Gesellschaft statt. Es zeigt sich, dass auf nationaler Ebene auch Abstimmungen manipuliert werden und dies übrigens nicht nur in und durch Russland, wie das häufig suggeriert wird.

Wie soll die Gesellschaft damit umgehen?

Die Ratlosigkeit ist gross. Ein weiteres Problem sind «Fake News». Sie werden jetzt als Argument vorgeschoben, um Zensurgesetze auf den Weg zu bringen. Dies ist aber nicht vereinbar mit Demokratie. Es gibt auch Bemühungen, staatliche Stellen einzurichten, die darüber informieren, was «Fake News» sind – eine Art „Wahrheitsministerien“. Aber wenn man die unterschiedlichen staatlichen Positionen vergleicht, etwa in den USA und Europa, erkennt man, dass es alleine darum geht, dass die Eliten die Meinungshoheit behalten. Doch die Bürger vertrauen ihnen nicht mehr.

Wie beurteilen Sie die Risiken beim Datenschutz?

Die Risiken sind gross. Aber man kann sich im Moment nicht effektiv schützen. Sobald Sie einen Browser benutzen, gibt es Cookies, die mitschreiben, was Sie anklicken. Und diese Informationen werden weiterverkauft. In all diesen Links sind sehr viele Informationen über uns enthalten. Der gläserne Mensch existiert schon. Wir können uns nicht dagegen wehren, denn ohne Cookies zu akzeptieren, bekommen wir keinen Service. Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass man uns so schamlos ausforscht. Es macht uns verwundbar. Man sagt, dass man uns aufgrund von 300 Facebook-Klicks besser kennt als unsere Freunde und Partner. Meines Erachtens kann es so nicht weitergehen. Die Gesellschaft wird manipuliert. Die Menschen leben zunehmend in Filterblasen und verlieren die Fähigkeit, Menschen mit einer anderen Einstellung oder aus einer anderen Kultur zu verstehen.

Was sollte getan werden?

Es braucht einen neuen Ansatz. Dieser kommt hoffentlich mit dem neuen Datenschutzgesetz. Man muss die Werte unserer Gesellschaft in technologische Systeme einbauen. Die heutigen Informationssysteme sind sehr mächtig. Entweder zerstören sie unsere jetzige Gesellschaft oder der heutige technologische Ansatz muss sich ändern. Eine grosse Gefahr ist, dass die Menschenrechte unter die Räder kommen. Die Ingenieure müssen lernen, die Werte der Menschen in ihre Systeme einzubauen und zu schützen. Daher entwickelt das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) momentan einen Leitfaden unter dem Begriff „Ethically Aligned Design“.

Wer setzt denn diese Werte fest?

Im Moment gibt es einen Konsultationsprozess, bei dem man sich melden und seine Meinung einbringen kann. Vieles ist in der Verfassung festgeschrieben, und es gibt verschiedene Merkmale, welche die Demokratie auszeichnen, wie Gewaltenteilung, Pluralismus, Minderheitenschutz, Partizipation, und Transparenz. Diese Eigenschaften muss man auch in Informationssystemen gewährleisten. Man muss sich daher fragen, wie wir sie umsetzen können. Was heutige künstliche Intelligenzsysteme angeht, sind wir noch weit von einer solchen Umsetzung entfernt. Sie könnten grossen Schaden anrichten, beispielsweise auch mit dem Citizen Score.

Welche Folgen hat das für die Gesellschaft?

Unsere Gesellschaft wird sich wegen der digitalen Revolution fundamental verändern. Es ist wichtig, dass wir diese Transformation aktiv mitgestalten. Es ist nicht einfach, weil die Akteure nicht immer klar erkennbar sind. Zudem gibt es Menschen, die glauben, dass ab 2050 die Roboter unseren Alltag übernehmen und es den Menschen nicht mehr braucht. Dies mag eine extreme Position sein, die ich so nicht teile, aber man sieht, dass da einige Herausforderungen vor der Türe stehen.

Es stellt sich auch die Frage, was als Zensur zu werten ist und wie man mit Zensuranfragen von Firmen umgeht.

Mittlerweile hat man das Diskriminierungsproblem von Algorithmen erkannt. Manche Firmen nehmen bereits den Demokratiegedanken in das Design ihrer Informationsplattformen auf.

Es ist auch eine Frage der Ethik.

Viele verstehen Ethik als Hindernis. Aber Ethik stellt eher Prinzipien zur Verfügung, die uns helfen, eine friedliche und nachhaltige Gesellschaft zu bauen, also Erfolgsprinzipien!

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