«Innovation hat nicht allein eine technologische Komponente»

«Innovation betrifft nicht nur Technologie»

Trends sind Entwicklungen und Veränderungen, die wirtschaftlich, politisch oder gesellschaftlich relevant sind. Doch wie oder woran erkennt man die Relevanz solcher Entwicklungen? Es macht den Anschein, dass all unsere Lebensbereiche vom galoppierenden Trend der Digitalisierung in Beschlag genommen würden. Aber welche Chancen bietet sie? Wo liegen ihre Grenzen und hält der Mensch langfristig noch Schritt mit einer sich immer schneller verändernden Welt? Welche weiteren Trends prägen die Schweizer Wirtschaft und wie geht sie mit diesen um? Diesen und weiteren Fragen gehen wir im Gespräch mit Stephan Sigrist, dem Gründer und Leiter des Think Tanks W.I.R.E, auf den Grund.

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Stephan Sigrist, W.I.R.E

Stephan Sigrist, Gründer und Leiter des Think Tanks W.I.R.E

Herr Sigrist, was ist ein Trend, und wie erkennt man einen solchen?

Es gibt verschiedene Definitionen eines Trends, abhängig vom Anwendungsgebiet. Im Wesentlichen geht es darum, dass sich aus einer Zeitreihe eine Veränderung ablesen lässt, der eine gewisse Relevanz zuteil wird.

Und woran erkennen Sie dann, dass eine solche Veränderung einen grossen Einfluss auf unser Leben haben wird?

Darauf gibt es keine finale Antwort. Es hängt von der Zielsetzung ab, die man erreichen will. Wir leben in einer Zeit mit einer extrem hohen Dichte an Daten, mit denen wir uns täglich oder sogar stündlich auseinandersetzen müssen. Es wird immer schwieriger, Relevantes zu erkennen.

Und wie erkennt man es trotzdem?

Die Fähigkeit ist entscheidend, Neues in einen grösseren Kontext zu setzen und Verknüpfungen mit möglichen Folgen herzustellen. Weil sich jedoch die Relevanz einer Entwicklung nicht immer frühzeitig erkennen lässt, ist es auch zentral, in Szenarien zu denken.

Somit kann man auch nicht sagen, was die typische Halbwertszeit eines Trends ist?

Nein, das kann man nicht. Je nach Natur eines Trends haben wir es mit ganz anderen Zeitmassstäben und Halbwertszeiten zu tun. Der demografische Wandel ist eine stille soziale Revolution, die unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten massgebend prägen wird. Wenn wir Konsumtrends oder eine Spiele- App wie Pokémon-Go analysieren, kann ein Trend gerade einmal einen Sommer lang aktuell sein, ist somit aber auch weniger relevant.

Wurden Sie vom Pokémon-Go-Virus erfasst?

Nein. Allerdings interessieren mich die sozialen Mechanismen, die zu dem Hype geführt haben.

Was bestimmt, ob ein Unternehmen einem Trend verfällt?

Das kommt auf die Optik und den Standpunkt an. Als Unternehmen oder Organisation ist man auch von der eigenen Geschäftstätigkeit getrieben, die einem vorgibt, ob eine Entwicklung als relevant einzustufen ist. Angesichts der Daten- und Reizüberflutung, in der wir heute leben, wird es aber nicht einfacher, tatsächliche Trends und langfristige Veränderungen zu erkennen. Obwohl wir bemüht sind, immer langfristiger zu denken, wird der Sog ins Kurzfristige immer stärker. Das ist nicht unproblematisch.

Verlassen Sie sich beim Erkennen von Trends auf Resultate aus der Marktforschung oder auf Ihr Bauchgefühl?

Wenn wir die Vergangenheit und die Aktualität erfassen und erklären möchten, stützen wir uns sehr wohl auf statistische Daten, da es hierzu Evidenzen gibt, die wir messen können. Auch bei neuen Entwicklungen spielt die Systematik eine sehr grosse Rolle. Ich würde zwar nicht gleich von Bauchgefühl sprechen, aber eine subjektive Einschätzung, die auf einer entsprechenden qualitativen Argumentationsbasis gründet, ist durchaus relevant. Im Kern lässt sich die Zukunft nicht aus der Vergangenheit und der Erkennung von Bestehendem ableiten. Vielmehr erfordert es Antizipation. Projektionen, die auf dem heutigen Potential von Technologien bestehen, greifen oftmals zu kurz.

Welcher Trend prägt Sie persönlich derzeit am stärksten?

Das ist mitunter die Flexibilisierung unserer Gesellschaft, sprich die Kombination von beruflicher Tätigkeit, Familienleben und persönlicher Entwicklung. Die Schwierigkeit liegt hier in der Breite und Fülle von Optionen, die uns offenstehen, und aus denen wir immer wieder selektionieren müssen. Der technologische Fortschritt ermöglicht uns eine Parallelität an Aktionen und Bedürfnisbefriedigungen, die unserer Gesellschaft vor einhundert Jahren noch nicht offenstand.

Also das Absterben des Entweder-Oders?

Ja, so könnte man es auch sagen. Vielleicht eine der grössten Errungenschaften unserer Gesellschaft. Aber auch eine Bürde, die uns viel abverlangt.

Womit beschäftigt sich W.I.R.E. derzeit schwerpunktmässig?

Wir interessieren uns seit je für Life Sciences und Food, Banken und Versicherungen, aber auch für Medien und Städte. Im Zentrum steht dabei heute die Digitalisierung, die nicht nur Arbeitsprozesse und die strategische Planung verändert, sondern die Gesellschaft insgesamt.

Und wo sehen Sie dabei Ihre Aufgabe?

Unsere Aufgabe liegt heute nicht primär darin, die neusten Trends zu erkennen. Wir helfen mehr dabei, rasche Veränderungen einzuordnen und den teils sehr hohen Erwartungen an die digitale Revolution kritisch zu begegnen. Wir gehen aber auch den Konsequenzen einer steigenden Lebenserwartung auf den Grund, und zwar dahingehend, welche Optionen uns ein vorhersehbar längeres Leben bietet. Man kann vielleicht zwei Berufe und Ausbildungswege nacheinander haben und sein Leben ganz anders aufteilen. Im Kern steht oftmals die Frage, wie es gelingt, noch langfristig zu planen in einer Welt, die sich sehr schnell verändert.

Welche Trends prägen die Schweizer Wirtschaft derzeit?

Das ist sicher die Digitalisierung mit all ihren Ausprägungen, wie der Suche nach neuen Geschäftsmodellen und Organisationsformen oder der Positionierung im Arbeitsmarkt. Gleichzeitig ist die Wirtschaft mehr denn je durch die Politik geprägt, speziell auch die Beziehung der Schweiz und der Schweizer Wirtschaft zu Europa. Hierbei spielt das Verständnis von gesellschaftlichen Trends eine immer wichtigere Rolle. Politik, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft sind Teile des Gesamtsystems und müssen auch entsprechend verknüpft werden.

Wie gelingt diese Verknüpfung?

Innovation hat nicht allein eine technologische Komponente. Die langfristige, aktive Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen ist eine zentrale Voraussetzung für politische Stabilität und diese wiederum für wirtschaftliches Wachstum. Wir brauchen also mehr ganzheitliches Denken und Handeln. Silo-Lösungen, wie wir sie in der Vergangenheit immer wieder angewendet haben, greifen zu kurz. Ich glaube, dass sich diese Erkenntnis immer weiter durchsetzt und dass auch Unternehmen wieder beginnen, langfristiger zu planen und Gesamtzusammenhänge zu verstehen.

Clarity on KPMG Switzerland – Jahresbericht 2016

Clarity on KPMG Switzerland – Jahresbericht 2016

Die Schweizer Wirtschaft wird derzeit fundamental umgebaut. KPMG hat entsprechend in digitale Innovationen und Engagements investiert.

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