«Uns kann man nicht kaufen»

«Uns kann man nicht kaufen»

Roger de Weck spricht im Interview über den Service-Public-Auftrag, die politische Unabhängigkeit der SRG und die Gründe für die Werbeallianz mit Swisscom und Ringier.

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Roger de Weck

Roger de Weck, Generaldirektor der SRG

Wie reagiert die SRG auf das veränderte Mediennutzungsverhalten der Konsumenten?

Wir sind dort, wo das Publikum ist: im Internet und in den Kanälen. Das kleine Display meines Smartphones ist heute so wichtig wie der grosse Bildschirm meines Fernsehers. Das Ziel ist es, mit unserem Internet-Angebot ähnlich attraktiv zu sein wie mit unserem Radio- und TV-Angebot – obwohl wir online weniger Erfahrung haben und der Wettbewerb noch härter ist: weil es viel mehr Anbieter gibt, und weil globale audiovisuelle Anbieter übermächtig sind. YouTube oder Netflix können es sich leisten, Milliarden auszugeben.

Ist diese – als übermächtig empfundene – Konkurrenz auch mit ein Grund für die neugeschaffene Werbeallianz mit Swisscom und Ringier?

Die meisten Schweizer Medienhäuser wussten lang nicht, was internationaler Wettbewerb bedeutet; die ausländischen Zeitungen und Magazine am Kiosk waren keine ernsthafte Konkurrenz. Bei Swisscom, Ringier und der SRG handelt es sich hingegen um Kommunikations- und Medienunternehmen, die sich früh der Globalisierung stellten. Michael Ringier erkannte von Anfang an die Chancen, und sein Medienhaus expandierte nach Osteuropa, Asien und nun Afrika. Swisscom erfuhr – etwa im SMS-Geschäft – die heftige Konkurrenz von WhatsApp. Und paradoxerweise ist die SRG als nationales Medienhaus mental für die Internationalisierung gut gewappnet: Im Fernsehen behaupten wir uns seit Jahrzehnten gegen die potenten ausländischen Kanäle, deren Anteil am Schweizer Markt 60 Prozent übersteigt. Und dieser Marktanteil wird alle 30 Sekunden gemessen, 24 Stunden am Tag!

Wie gehen Sie mit der Kritik um, die SRG würde den Service-Public-Auftrag vernachlässigen?

Alle reden vom Fernsehen, ich rede gern auch vom Radio – ohnehin haben wir mehr Hörer als Zuschauer. Fast niemand bemängelt, das Radio vernachlässige den Service-Public-Gedanken. Die Kritik gilt einzelnen Fernsehsendungen, dank denen wir ein breites Publikum an uns binden. Allerdings setzen wir auf Unterhaltungssendungen, die sich künftig noch deutlicher von denen der deutschen, französischen und italienischen TV-Kanäle unterscheiden. Und die noch stärker auch kulturelle oder bildende Aspekte beinhalten. Ein Paradebeispiel ist die Sendung «SRF bi de Lüt»: Darin wird eine kleine Ortschaft porträtiert, mit Schlaglichtern auf ihr Kulturleben, ihre Geschichte oder ihre wichtigen Bauten. Kein kommerzieller Sender würde dies tun. Absurd wäre aber die Forderung, jede einzelne Sendung müsse sich von denjenigen privater Anbieter unterscheiden. Dann dürften wir keine Talkshows, keine Wetterprognosen, keine Radionachrichten zur vollen Stunde ausstrahlen. Das Gesamtangebot muss sich unterscheiden, und das tut es sehr deutlich.

Würden Sie sich denn hier von der Politik engere Leitplanken wünschen?

Als Gegenstand der Regulierung sollte die SRG nicht dem Regulator ins Handwerk pfuschen: Ein Auftragnehmer, der auch Auftraggeber sein will, fährt nicht gut damit.

Nach dem knappen Ja zum neuen Radio- und Fernseh-Gesetz im letzten Jahr ist nun die «No-Billag-Initative» zustande gekommen: Wie will die SRG das Vertrauen in der Bevölkerung festigen?

Es war eine Abstimmung über ein neues Gebührensystem mit seinen Vorteilen und Nachteilen – es war kein Votum für oder gegen die SRG. Bei der sogenannten «No-Billag-Initiative» verhält es sich anders: Diese müsste ehrlicherweise «No-SRG-Initiative» heissen. Falls sie angenommen würde, gäbe es in der Schweiz kein öffentliches Medienhaus mehr, nur noch private Anbieter. Als Unternehmen – mit einem privatrechtlichen Verein als Trägerschaft – werden wir im Dialog mit den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern darlegen, was ein öffentliches Medienhaus bedeutet: Die SRG sorgt mit ihrem massiven internen Finanzausgleich dafür, dass auch die französische, italienische und rätoromanische Schweiz ein gutes Radio und Fernsehen haben. Und: Neun von zehn SRG-Sendungen wären für private Anbieter ein Verlustgeschäft, denn die hohen Kosten guter Sendungen lassen sich auf dem kleinen, viersprachigen Schweizer Markt nicht einspielen; die Werbeeinnahmen reichen dafür bei weitem nicht aus, das gilt zum Beispiel auch für den Sport. Ausserdem fördert die SRG die Schweizer Kultur und Volkskultur. Wir investieren jährlich 40 Millionen Franken in das schweizerische Filmschaffen und unterstützen Musik und Literatur. Kein privates Medienhaus könnte dies tun. Nicht zuletzt bürgen wir für eine unabhängige Berichterstattung, die sich dem Zugriff politischer oder wirtschaftlicher Interessengruppen entzieht: Uns kann man nicht kaufen!

Wie gehen Sie als Generaldirektor der SRG mit den Herausforderungen einer dezentralen und stark föderalistisch geprägten Struktur um?

Im Gegensatz zu den meisten Medienhäusern konnten wir im digitalen Umbruch die Technologiekosten halten. Und wir haben in den vergangenen fünf, sechs Jahren zielstrebig harmonisiert, standardisiert und punktuell Infrastrukturen zentralisiert; so konnten wir 12 Prozent des Budgets von der Verwaltung in das Programm verlagern. Es ist aber klar, dass wir in diesem föderalistischen Land ein durch und durch föderalistisches Medienhaus bleiben möchten – verankert in allen Landesteilen und Regionen.

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