«Digitalisierung betrifft alle Branchen»

«Digitalisierung betrifft alle Branchen»

Ulrich Amberg, Leiter Consulting KPMG Schweiz, spricht im Interview über vernetzte Waschmaschinen, die grosse Innovationskraft von Start-ups sowie die zunehmende Bedeutung von Datenschutz und Cyber-Sicherheit.

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Die Digitalisierung betrifft Unternehmen aus allen Branchen: Wie gehen Schweizer Firmen mit diesem Megathema um?

Wir sehen ein heterogenes Bild bezüglich Umfang und Geschwindigkeit der digitalen Transformation bei unseren Kunden. Es gibt in jeder Branche Unternehmen, die sehr aktiv in digitale Innovationen investieren und andere, die bisher wenig unternommen haben. Es gibt unzählige Beispiele der Digitalisierung: Im Finanzsektor beispielsweise die Online-Abwicklung von Hypothekargeschäften, was bis vor kurzem noch keine Bank angeboten hat. Oder die Etablierung von mobilen Zahlsystemen via Smartphone für Einkäufe im Alltag. Ebenfalls bewegt sich sehr viel im Bereich der zunehmenden Personalisierung und Verknüpfung komplementärer Angebote zur Optimierung von Dienstleistungen auf Online-Plattformen. Viele Unternehmen sind dabei, die Interaktion mit Kunden und Mitarbeitern mittels Social-Media-Kanälen zu modernisieren und verfügbare Datenbestände systematischer auszuwerten, um ihre Angebote zu optimieren. Ausserdem nimmt das Internet der Dinge konkrete Formen an: So steigt etwa die Zahl der Haushaltsgeräte mit Internetanbindung stetig. Vor kurzem war es noch eine Zukunftsvision, mit dem Smartphone eine Waschmaschine zu steuern oder verschiedene Haushaltsgeräte miteinander zu vernetzen, heute ist dies Realität. Die Schweiz ist bezüglich Innovation nach wie vor an der Weltspitze, und die Innovationen hängen oft mit Digitalisierung zusammen oder bilden die Grundlage dazu, etwa im Bereich von Sensoren für intelligente Gegenstände.

Sind globale Grossunternehmen eher bereit für die digitale Transformation als lokal verankerte KMU?

Unabhängig von der Grösse eines Unternehmens gibt es grosse Unterschiede bei der individuellen Innovationsfähigkeit und -kultur. Das beeinflusst die proaktive Nutzung neuer technologischer Möglichkeiten wesentlich. Grösse und Tradition führen aber tendenziell zu Trägheit. Viele etablierte Konzerne kämpfen mit mangelnder Agilität und Veränderungsbereitschaft. Einem lokalen KMU stellen sich geringere Herausforderungen, ihre Geschäftsmodelle und -prozesse zu digitalisieren und entsprechende organisatorische Veränderungen umzusetzen. Der Vorteil grosser Unternehmen liegt eher in der Verfügbarkeit der Mittel, um entsprechende Projekte zu finanzieren oder Innovation ausserhalb des bestehenden Geschäfts zu fördern, etwa mittels Inkubatoren für Start-ups. Die grossen digitalen Disruptionen gingen seit jeher von Start-ups aus, angefangen bei Apple und Microsoft bis hin zu Google, Uber und Airbnb. Dies hat vor allem damit zu tun, dass Start-ups keinerlei Restriktionen eines bestehenden Geschäfts berücksichtigen müssen und sich voll auf die Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen konzentrieren können.

Gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Branchen?

Die Digitalisierung betrifft alle Branchen, aber in unterschiedlichem Ausmass. Im Finanz- und Dienstleistungssektor sind die Auswirkungen omnipräsent. Hier kann ein grosser Teil der Wertschöpfungskette vollständig automatisiert und digitalisiert werden. In anderen Branchen nimmt die Digitalisierung sehr vielfältige Facetten an, angefangen von Online-Vertriebskanälen über die verstärkte Integration der Lieferketten über Unternehmensgrenzen hinweg bis hin zur digitalen Transformation von Fertigungsverfahren, z.B. mittels 3D-Druck. Nicht zuletzt verändern sich auch Produkte selbst durch Digitalisierung, so etwa Kleider mit der Integration von Sensoren, sogenannte «Wearables». Es gibt aber auch Branchen und Tätigkeiten, die nur sehr begrenzt von der Digitalisierung betroffen sind, etwa im handwerklichen Bereich.

Dem Thema Data & Analytics, also der zielgerichteten Nutzung grosser Datensätze und einer daraus resultierenden Wertschöpfung kommt im Rahmen der Digitalisierung grosse Bedeutung zu. Können Sie hier konkrete Anwendungsbeispiele nennen?

Die kürzlich veröffentlichte KPMG-Studie «Clarity on Data & Analytics» hat aufgrund der Befragung von 830 Unternehmensvertretern in über 15 Ländern ergeben, dass die Unternehmen den grössten Nutzen der systematischen Analyse grosser Datenbestände in der schnelleren und akkurateren Entscheidungsfindung, dem verbesserten Dialog mit Kunden sowie bei der Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit sehen. Allerdings geben nur 14 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie über das nötige Know-how oder die erforderlichen Kapazitäten verfügen, um das Potenzial von Big Data für den eigenen Unternehmenserfolg voll ausschöpfen zu können.

Ein konkretes Anwendungsbeispiel ist die Echtzeit-Auswertung von Datenströmen aus Social-Media-Kanälen, um relevante Diskussionen und Trends systematisch zu erkennen. Ein anderes Beispiel ist die automatische Aggregierung öffentlich zugänglicher Informationen über Gegenparteien im Geschäftsverkehr, um allfällige Risiken wie mangelnde Bonität oder zweifelhafte Aktivitäten deren Organe zu identifizieren. Ein weiteres Beispiel ist die automatisierte Auswertung von Transaktionsdatenbeständen zur Identifikation statistischer Anomalien zur Aufdeckung von Betrugsfällen. Diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Es gibt unzählige Anwendungsfelder der Analyse grosser und unstrukturierter Datenbestände.

Vielen Unternehmen – aber auch deren Konsumenten – bereitet die rasante Entwicklung Sorgen. Welche Trends sehen Sie im Bereich Datenschutz und Cyber-Sicherheit?

Datenschutz und Cyber-Sicherheit haben in den letzten Jahren immens an Bedeutung gewonnen. Die kontinuierliche Zunahme der globalen Vernetzung von IT-Systemen, mobilen Endgeräten und intelligenten Gegenständen durch das Internet bringt völlig neuartige Bedrohungsszenarien mit sich. Und diese werden sich in Zukunft aller Voraussicht nach weiter verschärfen werden. Konventionelle Sicherheitsmassnahmen wie der Perimeterschutz von Unternehmensnetzwerken mittels Firewalls reichen nicht mehr aus. Die Angriffe professioneller Hacker und Aktivisten sind heute sehr viel ausgeklügelter und erfordern anspruchsvollere Methoden zur Abwehr beziehungsweise zur Prävention, Detektion und Reaktion. Hinzu kommen die zunehmende Komplexität und Menge von Daten sowie deren globale Bearbeitung und Auslagerung im Zusammenhang mit Offshoring und Outsourcing. Dabei müssen rechtliche und teilweise regulatorische Einschränkungen berücksichtigt werden, was den Transfer dieser Daten über Landesgrenzen hinweg betrifft.

Welche weiteren Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren?

Kernthema der digitalen Transformation ist das Internet der Dinge, also die Vernetzung diverser Geräte und Gegenstände mit dem Internet mittels Sensoren und miniaturisierter Computer. Darauf aufbauend die Vision der sogenannten vierten industriellen Revolution, also Industrie 4.0, welche die Erschaffung intelligenter Fabriken zum Ziel hat. Dies umfasst neue Automatisierungstechniken, namentlich zur Selbstdiagnose und -konfiguration technischer Systeme. Ausserdem ist der stark zunehmende Einsatz von 3D-Druckverfahren sowie von Robotern für diverse neue Anwendungsfelder und die Kommerzialisierung autonom fahrender Autos zu erwarten.

Ein weiteres Thema ist der Aufstieg mobiler Endgeräte zum primären Online-Kanal. Während unlängst noch die meisten Internetzugriffe von Laptops und Desktops aus erfolgten, kommen heute für viele Anwendungen bereits mehrheitlich Tablets und Smartphones zum Einsatz. Die Konsumenten erwarten, dass sie auf digitalisierbare Angebote und Dienstleistungen jederzeit und von überall zugreifen können und Transaktionen sofort und weitestgehend automatisiert abwickeln können.

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