Sicht auf die Zukunft der Geschäftsberichterstattung

Die Zukunft der Geschäftsberichterstattung

François Rouiller interviewt Dr. Roland Abt, CFO und Daniel Bösiger, Leiter Konzern-Controlling und Investor Relations bei Georg Fischer.

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Roland Abt und Daniel Bösiger von Georg Fischer im Interview

Roland Abt und Daniel Bösiger von Georg Fischer im Interview

Wie haben sich Ihre Geschäftsberichterstattungsprozesse, -technologie und Art der Kommunikation im Laufe der Zeit verändert? Wodurch wurden diese Veränderungen ausgelöst?

Roland Abt: Was man sicher sagen kann, ist, dass der eigentliche Geschäftsbericht an Bedeutung verloren hat. Der Geschäftsbericht ist nach wie vor ein eher traditionelles Medium, welches einmal im Jahr gedruckt und kommuniziert wird. Dazu veröffentlichen wir auch eine Kurzversion, welche prägnant die wichtigsten Themen zusammenfasst, was die Bedeutung des Geschäftsberichts nochmals schmälert. Es gibt wahrscheinlich sehr wenige Leute, die den Geschäftsbericht noch detailliert anschauen. Was jedoch bleibt, ist, dass der Geschäftsbericht auch weiterhin eine Visitenkarte des Unternehmens für Kunden und Lieferanten ist. Vom Umfang her ist ein herkömmlicher gedruckter Geschäftsbericht jedoch das falsche Medium, um schnell die wichtigsten Informationen zu erhalten. Wenn sich interessierte Personen über das Unternehmen informieren wollen, orientieren sie sich heute eher an einer Investorenpräsentation. Dort erhalten sie die wichtigen Informationen viel schneller. 

Daniel Bösiger: Die Nachfrage nach gedruckten Geschäftsberichten hat in den letzten Jahren massiv abgenommen. Selbst bei Investorenkonferenzen werden sie nicht mehr in der gedruckten Form nachgefragt. Wir benötigen die Druckexemplare vor allem noch im Ausbildungsbereich für die Universitäten und Hochschulen. Der Trend mit Blick auf die Prozesse geht klar in Richtung Automatisierung, das heisst, dass die Berichterstattung vom Konsolidierungssystem bis in den Druck durchgängig ist: Bei Änderungen in der Konsolidierung werden diese direkt in die Tabellen des Geschäftsberichts integriert. Dazu gibt es spezialisierte Systeme, die die meisten börsenkotierten Unternehmen heute anwenden. Auch die Art der Prüfung hat sich verändert, weg vom Papier, hin zu einer elektronischen Dokumentation. Dies hat auch unsere Arbeit stark beeinflusst.

Sie haben erwähnt, dass die Bedeutung des Geschäftsberichts eher abgenommen hat. Was verfolgen Sie noch für Ziele mit diesem Medium? Warum erstellt man einen Geschäftsbericht überhaupt noch?

Roland Abt: Das ist sicherlich eine berechtigte Frage. Auch wir machen uns zur Verwendung des Geschäftsberichts Gedanken. Es gibt jedoch weiterhin Berichtsadressaten, welche den Geschäftsbericht zur Informationsbeschaffung nutzen, so zum Beispiel auch Kunden. Ein Jahresbericht bietet nach wie vor einen guten Überblick darüber, wie das Geschäft organisiert ist und welche Finanzkraft dahinter steckt. Oftmals wird er auch als Imagebroschüre verwendet.

Wie könnte Ihrer Meinung nach die Berichterstattung in 10 bis 20 Jahren aussehen?

Daniel Bösiger: Die Frage ist, ob man dann Geschäftsberichte überhaupt noch druckt und verschickt. Wir versenden bereits jetzt nur noch die Kurzversion an unsere Aktionäre, die längere Version nur noch auf Anfrage. Die Bedeutung der elektronischen Medien wird sicherlich zunehmen. Auch wird der dynamische Webauftritt an Bedeutung gewinnen, damit man den Geschäftsbericht online durchblättern und einzelne Informationen spezifischer abfragen kann. Der Trend geht hin zu Online-Botschaften des Managements an seine Anspruchsgruppen, zum Beispiel mittels Video-Konferenzen oder Videobotschaften. Hier sind die Schweizer Unternehmen jedoch noch nicht ganz so weit wie die angelsächsischen Kollegen. Zusammenfassend geht der Trend meiner Ansicht nach dahin, dass man nur noch die Pflichtexemplare druckt und den Rest online stellt. 

In Ihrer Berichterstattung bewegen Sie sich vom eher trockenen Zahlenteil hin zu mehr emotionalen Bildern und Geschichten. Wieso?

Roland Abt: Georg Fischer hat diesbezüglich zwei Grundprobleme. Wir haben drei verschiedene Geschäftsbereiche, welche stark unterschiedliche Geschäftsmodelle und Produkte haben. Zudem sind unsere Produkte im Alltag sehr selten sichtbar, was es schwierig macht, zu verstehen, was Georg Fischer überhaupt macht. Über emotionale Bilder und Geschichten kann man eine gewisse Nähe aufbauen, auch wenn man die Produkte selbst wenig kennt.

Wie strategisch wichtig ist für Georg Fischer der Dialog mit ihren Anspruchsgruppen? Wie bewältigen Sie dies?

Roland Abt: Grundsätzlich möchte man möglichst mit allen Zielgruppen in den Dialog treten. Klar im Zentrum stehen jedoch die Investoren und die Mitarbeitenden als die wichtigsten Anspruchsgruppen. Eine gute Kommunikation kann helfen, die Mitarbeitenden zu motivieren und über diese die Botschaften des Unternehmens an die Öffentlichkeit zu tragen. Für mich sind deshalb diese beiden Anspruchsgruppen die wichtigsten. Natürlich sind aber auch Kunden, Lieferanten und weitere Stakeholder von Bedeutung.

Kann man überhaupt noch all den Anspruchsgruppen auf eine konsistente Weise gerecht werden? Oder muss man jede Zielgruppe einzeln mit Informationen bedienen?

Roland Abt: Eine konsistente Kommunikation gegenüber allen Adressaten ist zentral. Es gibt jedoch gewisse allgemeine Richtlinien in Teilgebieten der Kommunikation – wie z.B. in der Nachhaltigkeitsberichterstattung – an die man sich halten muss. 

Daniel Bösiger: Das Bedürfnis der Kunden und Lieferanten nach einer Nachhaltigkeitsberichterstattung hat in den letzten Jahren stark zugenommen. So benötigen sie heutzutage auch Informationen von uns für ihre eigene Berichterstattung. Hier spielt vor allem das Thema Life-Cycle-Assessment eine zentrale Rolle. Es wird jedoch immer einzelne Anfragen geben, welche wir direkt und fallweise beantworten. 

Wie unterscheiden sich die Ansprüche von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat von den Ansprüchen der Aktionäre?

Roland Abt: Die Ansprüche sind weitgehend deckungsgleich. Die Kennzahlen intern sind die gleichen wie extern, was sehr wichtig ist für die Glaubwürdigkeit des Unternehmens. Das interne Reporting ist jedoch etwas detaillierter und weiterführend, auch in Bezug auf die Strategie.

Die Anspruchsgruppen verlangen mehr Transparenz in der Berichterstattung und gleichzeitig gibt es immer mehr Regulierung in diesem Bereich. Wie bringen Sie Ihre Ansprüche an die Kommunikation und die regulatorischen Anforderungen unter einen Hut?

Roland Abt: Wir möchten als Unternehmen transparent sein und auch so wahrgenommen werden. Trotz unseres Wechsels von IFRS zu Swiss GAAP FER legen wir immer noch gleich viel offen wie vorher, was ein wichtiger Punkt für die Analysten und Investoren war. Wir sind also durchaus bereit, mehr als nur das Notwendige offenzulegen, um nicht weniger transparent zu sein als andere Unternehmen.

Daniel Bösiger: In der Nachhaltigkeitsberichterstattung gibt es Standards wie die «Global Reporting Initiative». Nach diesem Regelwerk legen wir unsere Kennzahlen offen, was sicherlich hilft,  Unternehmen besser zu vergleichen. 

Wie gehen Sie mit den Bedürfnissen von Aktionärs- und Investorenvertretungen, zum Beispiel der Ethos-Stiftung, um?

Roland Abt: Es gibt hier selbstverständlich einen offenen Dialog mit den Interessenvertretern, um zu erklären, weshalb wir etwas so machen, wie wir es machen. Natürlich möchten auch die Vertretergruppen ihre Sichtweisen in die Diskussion einbringen. Schliesslich werden diese Gruppen immer wichtiger, und deren Stimmen bei Generalversammlungen sind recht gewichtig. Deshalb ist es sehr wichtig, frühzeitig in einen Dialog mit den Gruppen zu treten.

Der operative Weg von der Strategie eines Unternehmens über die Geschäftsmodelle und die Werttreiber bis hin zu den effektiven Zahlen ist in den Geschäftsberichten oftmals nur schwer ersichtlich. Wie gehen Sie in der Kommunikation damit um?

Daniel Bösiger: Wir veröffentlichen neben den strategischen Eckpfeilern auch finanzielle strategische Ziele. Neben der EBIT-Marge ist dies zum Beispiel auch die Rendite des investierten Kapitals. Diese finanziellen strategischen Ziele sind Teil der internen und externen Berichterstattung und gelten als Massstab zur Beurteilung der erzielten Performance. 

Roland Abt: In der Kommunikation nimmt man zudem auch immer wieder Bezug auf diese Ziele und zeigt, wo man sich in Bezug auf Zielerreichung befindet. Denn die Glaubwürdigkeit des Managements ist für den Erfolg zentral. Das Vertrauen in die Unternehmensführung ist ein wesentlicher Teil des Wertes einer Unternehmung. Eine transparente Kommunikation ist hierbei entscheidend.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie dieses Vertrauenskapital nicht verlieren?

Roland Abt: Das Überbringen von negativen Meldungen ist immer schwierig. So zum Beispiel auch die Veröffentlichung von Gewinnwarnungen. Aber auch positive Überraschungen können das Vertrauen der Aktionäre auf die Probe stellen, weil man dann nicht mehr als berechenbar gilt. Deshalb sollte man Überraschungen beider Art wenn möglich vermeiden.

Wir haben über die verschiedenen nicht-finanziellen Themen gesprochen. Was sind für Sie noch weitere wichtige Themen im Rahmen der Berichterstattung?

Roland Abt: Zusätzlich wichtige Informationen sind für uns auch Markttrends und Informationen zur Verfassung der Märkte. Natürlich aber auch Themen rund um die Technologie, die Veränderungen in diesem Gebiet und wie man sich diesbezüglich positioniert. Es geht aber auch um ökologische Themen und was diese für das jeweilige Geschäft bedeuten. So kann man Georg Fischer im Verhältnis zu seiner Umwelt betrachten, und nicht nur rein finanziell. 

Geben Sie auch Prognosen für mehrere Jahre ab, oder ist dies eher schwierig?

Daniel Bösiger: Dies hat sich in den letzten Jahren sicherlich stark verändert. Die wenigsten Unternehmen geben heute noch eine längerfristige Prognose ab. Es geht vielmehr um einzelne Zielwerte, wie z.B. Margenziele, da auch das gesamte Umfeld viel volatiler und unsicherer geworden ist. 

Roland Abt: Vor der Finanzkrise konnte man auf eine Einschätzung für mehrere Jahre nicht verzichten. Die Anspruchsgruppen haben dies damals so erwartet. Seit der Finanzkrise ist dies viel weniger der Fall. Es wird vermehrt akzeptiert, dass man keine Prognosen mehr bekannt-gibt. Vielmehr veröffentlicht man längerfristige Finanzziele wie Margen oder ROI-Kapitalvorgaben als Leitplanken für die nächsten Jahre. 

Wie würden Sie sich die Berichterstattung in Zukunft wünschen? Was würde die Kommunikation erleichtern?

Roland Abt: Der Trend in der Schweiz Richtung Swiss GAAP FER hat gezeigt, dass man mit der Berichterstattung bezüglich Komplexität und Volumen an Grenzen gestossen ist. Es wäre spannend, zu sehen, was sich ein Bilanzleser aktuell überhaupt noch anschaut. Unsere Erfahrung ist, auch in Zusammenarbeit mit professionellen Analysten, sehr ernüchternd. Viele verstehen die Themen nicht mehr im Detail. Die Entwicklung darf nicht noch weiter in diese Richtung gehen. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir mit der Menge der Informationen am Limit angekommen sind.

Daniel Bösiger: Das bestehende Regelwerk sollte, meiner Meinung nach, nicht noch weiter zunehmen. Die aktuellen Bestimmungen genügen und greifen. Die Unternehmen haben sich in der Offenlegung sicherlich professionalisiert. Falls eine noch detailliertere Berichterstattung gefordert wird, würde dies meiner Meinung nach jedoch in die falsche Richtung tendieren, sodass eine weiterhin gute Qualität nicht mehr gewährleistet wäre. Allenfalls könnte man in der Berichterstattung noch mehr konsolidieren und auch gewisse Themen gesamtheitlich abhandeln - in Richtung Integriertes Reporting - und so die Leserführung wieder vereinfachen.

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