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Dimensionen Insurance - IFRS 9 und IFRS 17

Der frühe Vogel

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Dimensionen Insurance

Dimensionen Insurance 2018

Die KPMG Fachzeitschrift für Versicherungsunternehmen beleuchtet aktuelle Themen und Trends aus Audit, Tax und Advisory.

Die neuen internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS 9 und IFRS 17 stellen die Versicherungsunternehmen schon in den Anfängen der Implementierung vor große Herausforderungen – vergleichbar mit jenen bei der Einführung von Solvency II, wenn nicht gar größer. Der Wandel, den eine Organisation zwangsläufig durchleben muss, kann nicht früh genug eingeleitet werden.

Man kann die Umsetzung von IFRS 17 in drei Dimensionen unterteilen: die Umsetzung der technischen Anforderungen, die Umsetzung der fachlichen Anforderungen und die Adaptierung der Prozesse und Kommunikationswege. Die genannten Dimensionen mussten auch in Solvency II adressiert werden. Somit unterscheidet sich die Implementierung von IFRS 17 in grundsätzlichen Dingen nicht wesentlich von Solvency II. Die Implementierung von Solvency II ging rückblickend betrachtet nur in den wenigsten Versicherungshäusern reibungslos vor sich. Für die Einführung von IFRS 17 steht deutlich weniger Zeit zur Verfügung als damals für Solvency II. Es stellt sich daher die Frage: Wie können Versicherungen aus den Erfahrungen lernen?

Die Software: Kein Allheilmittel

Bei der Umsetzung der technischen Anforderungen zeigt sich ein gängiges Missverständnis, das bereits bei Solvency II vorhanden war. Nämlich die Annahme, dass allein der Erwerb einer entsprechenden Software die Lösung aller Probleme sei. Der Irrtum lag in erster Linie darin, dass die angeschaffte Software die Zahlen der ökonomischen Bilanz und des SCR nicht einfach so rechnen konnte. Natürlich musste sie erst aus den Vorsystemen mit Informationen versorgt werden. Die Ermittlung und Aufbereitung eben dieser Informationen war jedoch die eigentliche Herausforderung. Außerdem stellte sich die Anbindung der neu angeschafften oder entwickelten Software als deutlich aufwendigeres Arbeitspaket heraus als zunächst angenommen.

Das gleiche Phänomen ist auch bei IFRS 17 zu beobachten: Sehr oft herrscht der Glaube vor, dass durch den Erwerb einer Software „das Problem IFRS 17“ bereits gelöst sei. Die Software ist ein wichtiger Meilenstein in der Projekthistorie, jedoch erst der Anfang. Keine Software wird selbständig den Fulfilment Cashflow des eigenen Bestandes errechnen können, ohne dass das System entsprechend der jeweiligen Kundenspezifika konfiguriert und die Datenversorgung aus Vorsystemen implementiert wird. Denn in der Regel sind die Fulfilment Cashflow ohnehin bereits in den aktuariellen Vorsystemen zu berechnen und werden dann „nur“ mehr in die IFRS 17-Software eingelesen. Die Anbindung diversester Vorsysteme an die IFRS 17-Softwarelösungen stellt daher eine große Herausforderung in der technischen Umsetzung des Standards dar. Die Erweiterung bestehender aktuarieller Vorsysteme, sofern sie recycelt werden können, ist ein bedeutender zusätzlicher Aufwandstreiber. Diese Systeme wurden häufig für Solvency II-Zwecke eingeführt und müssen nun um zusätzliche Anforderungen, die sich aus IFRS 17 ergeben, erweitert werden.

Erst ab der Fortschreibung der CSM beginnt meist der eigentliche Nutzen der Software. Im Idealfall produziert diese dann Buchungssätze bis hin zu den erforderlichen Überleitungsrechnungen für die umfassenden Anhangs-angaben. Auch die Visualisierung von Bewegungen im Zahlenwerk ist dann mitunter komfortabel möglich. Ohne die entsprechende Vorarbeit geht aber nichts.

Die Experten: Rechtzeitig vorsorgen

Ein häufig beobachtetes Phänomen bei der Umsetzung der fachlichen Anforderungen von Solvency II war, dass die Inhalte in den meisten Unternehmen von einzelnen Personen vorangetrieben wurden. Dies waren zumeist Aktuare, oft organisiert in Risikomanagementabteilungen. Es erfolgte jedoch keine strukturierte Auseinandersetzung mit den Inhalten im gesamten Unternehmen. Das Ergebnis: Das Solvency II-Wissen wurde erst spät in größere Teile der Organisation getragen und noch später in die Steuerung des Unternehmens integriert. Außerdem entstanden „Kopfmonopole“ sowie eine hohe Fluktuation am Arbeitsmarkt aufgrund der geringen Anzahl der Personen, die sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hatten. Das bedeutete eine offensichtlich explosive Mischung für die Unternehmen.

Diesem Phänomen sollte nun bei IFRS 17 frühzeitig begegnet werden. Auch hier stehen Unternehmen vor der Herausforderung eines sehr komplexen Standards, gepaart mit immer mehr operativer Arbeitslast, welche zu einem großen Teil auch durch Solvency II bedingt ist. Ein Fachkräftemangel ist bereits jetzt nicht mehr von der Hand zu weisen, sowohl im Rechnungswesen als auch im Aktuariat. Hier sollten die Unternehmen bei IFRS 17 in der gesamten Organisation rechtzeitig vorsorgen und bei der Erarbeitung der Inhalte alle Stakeholder (zB Accounting, Aktuariat etc) rechtzeitig in die Pflicht nehmen.

Der Prozess: Neue Wege beschreiten

Neben der Umsetzung der technischen und fachlichen Anforderungen sollte in einem IFRS 17-Implementierungsprojekt auch die Adaptierung der bestehenden Prozesse und Kommunikationswege eine zentrale Rolle spielen. Denn in den letzten Jahren ist die Anzahl der zu veröffentlichenden Berichte mitunter basierend auf unterschiedlichen Bilanzen weiter angestiegen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Materie fachlich immer komplexer wurde und sich die ­Meldefristen für Solvency II noch weiter verkürzen werden. Es wird daher immer wichtiger, die erforderlichen Prozesse im Unternehmen möglichst zeiteffizient aufzusetzen und Doppelgleisigkeiten weitestgehend zu vermeiden. Andernfalls wird die Arbeitslast irgendwann nicht mehr zu stemmen sein. Daher sollten Unternehmen etwa auch andenken, Accounting-Prozesse weiter zu optimieren. Denn nur dann wird es schaffbar sein, die aufgrund von IFRS 17 deutlich aufwendiger zu ermittelnde IFRS-Bilanz auch in Zukunft noch in einem vernünftigen Zeitraum veröffentlichen zu können.

Ein weiterer Aspekt, der bei der Implementierung von IFRS 17 nicht unterschätzt werden sollte, stellt die Anforderung der Prozesse hinsichtlich Revisionssicherheit dar. Von Solvency II sind es viele Unternehmen gewohnt, dass Teile der Berechnungen (etwa bei der Ermittlung von Rückstellungen im Schaden/Unfall-Bereich) in Excel stattfinden. Das Tool ist auch ein weitverbreitetes Medium bei der Übermittlung von Daten an andere Abteilungen. Dies war zwar auch bisher schon nicht der ideale Zustand, wurde aber für die Aufstellung einer rein regulatorischen Bilanz als ausreichend betrachtet. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass IFRS bezüglich Revisionssicherheit deutlich höhere Maßstäbe ansetzt: Demnach werden bereits bestehende Solvency II-Prozesse, die für IFRS 17 recycelt werden sollen, „nachträglich“ revisionssicher gemacht werden müssen, um den Qualitätsansprüchen einer IFRS- Bilanz zu genügen.

Neben den bisher genannten Punkten wird der Erfolg eines IFRS 17-Projektes maßgeblich davon abhängen, ob die Kommunikationswege zwischen Aktuariat, Accounting und Asset Management einwandfrei funktionieren. Denn auch wenn diese Abteilungen bereits unter Solvency II erfolgreich zusammengearbeitet haben, erfordert IFRS 17 eine viel engere Verzahnung. Der Grund: Neben der Stichtagssicht, bei der alle Abteilungen relativ unabhängig voneinander ihre Stände berechnen können und diese dann nur mehr zusammengeführt werden müssen, ist in IFRS im Gegensatz zu Solvency II auch eine G&V aufzustellen. Um das erklärte Ziel einer möglichst niedrigeren Volatilität in der G&V erreichen zu können, ist ein möglichst gutes Matching der Aktiv- und Passivseite vonnöten. Dieses kann nur durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Asset Management, Aktuariat und Accounting erreicht werden.

Des Weiteren gibt es bei IFRS 17 viele Querschnittsthemen zwischen Accounting und Aktuariat, wie etwa die Ermittlung und Fortschreibung der Contractual Service Margin. Für beide Seiten bedeuten diese Themen Neuland: Auf der einen Seite sind Aktuare den Umgang mit Buchungssätzen in der Regel nicht gewohnt, andererseits ist für das Accounting die Ermittlung der Rückstellungen sowie deren Veränderungen häufig eine Blackbox. Doch nur wenn sich diese beiden Bereiche stark annähern, können zukünftig unter IFRS 17 Entwicklungen in der Bilanz und G&V sinnvoll analysiert und erklärt werden.

Was ist zu tun?

Um die oben angeführten Herausforderungen meistern zu können, ist es essenziell, mit den Vorbereitungsarbeiten auf IFRS 17 rechtzeitig zu beginnen und diese zügig voranzutreiben. Neben der Anschaffung einer geeigneten Software ist die hierfür benötigte Dateninfrastruktur bereitzustellen. Die Einbeziehung der gesamten Unternehmensorganisation in den Wandel stellt den Erfolgsschlüssel schlechthin dar.

Autoren

Johann Kronthaler

Dominique Wagner-Bruschek

 

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