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Dimensionen - Schwerpunkt Digitalisierung - Frischer Wind

Frischer Wind

Frischer Wind

Abgesehen vom sich fast schon dramatisch ändernden Zinsumfeld der letzten Jahre blicken Versicherungsunternehmen auf relativ ruhige Zeiten zurück: stetige Gewinne, wenige Überraschungen. Die Produkte sind quasi die gleichen wie vor 30 oder 40 Jahren. Doch nun mischen Start-ups vermehrt in der Branche mit. Ihr Name: „Insurtechs“.

Insurtech Rekordinvestments beeindrucken 2017: Das britische Insurtech Start-up Gryphon sammelte bei einem Rekorddeal 180 Mio Pfund. Übertroffen wurde dies in Hong Kong, als ZhongAn, dem ersten Onlineversicherer Chinas, beim Börsengang 1,5 Mrd US-Dollar zuflossen – und das bei einer Unternehmensbewertung von 10 Mrd US-Dollar. Diese Transaktionen stärken weltweit das Vertrauen von Investoren in das anhaltende Wachstumspotenzial dieser Branche.

Neue Chancen durch Digitalisierung

Für 2018 wird erwartet, dass die Beteiligungen vonseiten der großen Unternehmen in Insurtechs steigen. Die Komplexität der Versicherungsindustrie präsentiert sich als einmalige Herausforderung. Viele Start-ups sind interessiert am Seitschritt in die Assekuranz und spähen auf eine Zusammenarbeit mit den Versicherern. Diese wiederum erhoffen sich eine innovative Eruption durch die Partnerschaft mit Jungunternehmern.

Eine Ursache dafür: Viele neue Technologien, von Blockchain bis zur Künstlichen Intelligenz, stecken noch in den Kinderschuhen, ihr volles Potenzial muss erst erfasst und die Anwendungsfälle definiert werden. Doch es zeigt sich bereits jetzt, dass sie die Vorgänge in der Versicherungsbranche grundlegend verändern können: Prozesse werden effizienter, Risikoanalysen effektiver, Produkte transparenter und flexibler, Vertriebskanäle schlagen neue Wege ein. Rekordverdächtig sind daher nicht nur die Venture Capital Investments in Insurtechs, sondern auch die Budgets zur Digitalisierung bei etablierten Versicherern.

Innovativ mit Mehrwert

Insurtechs (Insurance Technology) sind verglichen mit anderen Finanztechnologie-Start-ups (Fintechs), ein noch relativ junges Phänomen – nicht zuletzt aufgrund der enorm hohen Markteintrittsbarrieren in der Versicherungsbranche. Nachdem im US-amerikanischen Raum und in China den ersten Start-ups das Eindringen in diesen geschützten Markt gelungen ist, entstand global eine schöpferische Unruhe auf der einen und eine Furcht vor Disruption auf der anderen Seite der Marktbarriere.

Viele Insurtechs agieren auf Grundlage innovativer Technologien und nutzen diese, um einen Mehrwert für den Kunden gegenüber „klassischen“ Versicherungsprodukten zu generieren.

In der Praxis

Aktuelle Beispiele verdeutlichen, in welchen Bereichen Insurtechs momentan positioniert sind:

Vertrieb
Mobilgeräte: direkter Kundenkontakt durch Standortermittlung und „Location Based Service Offerings“; Beispiel Flughafen: Angebot einer Reise- oder Flugverspätungsversicherung; Vorteil: kein Makler nötig.

Produkte
Big Data: flexible und transparente Produkte wie on demand Micro-Versicherungen; Vorteil: neue Umsatzquellen („tägliche Versicherungen”); Big Data Technologien ermöglichen Versicherungsschutz von Kunden, die bisher nicht versichert werden konnten, zB Diabetiker. Neue Datenmengen ermöglichen die Risiken zu analysieren und zu minimieren.

Kommunikation
Automatisierter Chat durch Künstliche Intelligenz; Vorteil: ein „Chat Bot” antwortet 24/7 ohne Wartezeit und bei quasi null Personalkosten.

Backoffice
Dezentralisierte digitale Dokumentation durch Blockchain; Vorteil: verringert den Personalaufwand.

Claims
Künstliche Intelligenz analysiert im Videochat die Schadensmeldung auf Betrug. Blockchain: Schadensfall-Dokumentation verhindert das Einreichen von mehreren Schadensforderungen bei verschiedenen Versicherern; Vorteil: Kosteneinsparungen und beschleunigte Verarbeitung von Vorgängen.

Kein Stein bleibt auf dem anderen

Den Versicherungsmarkt in Österreich (2016: Prämienvolumen ca 17 Mrd Euro) teilen sich die großen Versicherungsunternehmen zu einem großen Teil unter sich auf. Alle beteiligen sich auch an Digitalisierungsplattformen oder Start-ups.

Die etablierten Player am Markt besitzen zwar die Kundenbasis, das Branchen-Know-how und die Erfahrung, um die Digitalisierung in der Versicherungswirtschaft meistern zu können – es gilt jedoch, die Rahmenbedingungen für Innovationen zu schaffen, das notwendige Fachpersonal an sich zu binden und die starren Strukturen, Prozesse und Systeme der vergangenen Jahrzehnte zu überwinden. Für manchen eine Herkules-Aufgabe.

Angesichts der Multimilliarden-Rekordinvestments in anderen Märkten bleibt abzuwarten, ob dieses Engagement auch zukünftig noch reichen wird, um am Markt langfristig zu bestehen oder gar zu wachsen. Ebenso wird sich zeigen, welche der massiven Investments und Engagements in Insurtechs langfristigen Erfolg mit sich bringen. Viele der Geschäftsmodelle haben noch keine Historie, es bleibt eine gewisse Unsicherheit und damit auch Risiken. Spannende Zeiten für die Versicherungsbranche.

Autoren

Michael Gardumi 
Johann Kronthaler 
Frederik Olivanti

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