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Insurance News: 7 Fragen zu IFRS 17

IFRS 17

In den letzten Jahren fühlte man sich bei Vorträgen zu IFRS für Versicherungsverträge wenig ernst genommen: Seit Jahren wurde verkündet der Standard käme – nächsten Sommer, diesen Herbst, kommenden Winter – und immer wieder kam es dann zu Verzögerungen. Im Frühling 2017 war es nach über 17 Jahren Genesis dann doch soweit: Der IFRS 17 insurance contracts wurde am Freitag, den 19. Mai 2017 vom IASB veröffentlicht.

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Bei 17 Jahren Vorbereitung ist es nicht weiter überraschend, dass im veröffentlichten Text inhaltlich nur mehr wenig Neues enthalten ist, die meisten Punkte, die vorab kolportiert wurden, sind im Standard auch tatsächlich enthalten. In diesem Beitrag erfolgt eine Reflexion des IFRS 17 anhand von 7 Fragen.

Was ändert sich wirklich?

Wesentlichste Änderung ist mit Sicherheit das Komplexitätsniveau. Ein wesentlicher Erfolg des Lobbyings der Versicherungswirtschaft ist zweifellos, dass die sich aus den ursprünglichen Vorschlägen ergebende extreme Volatilität der Ergebnisse theoretisch massiv abgefedert werden konnte. Dies ist vor allem auf die Einführung der „Vertraglichen Servicemarge“ (Contractual Service Margin – CSM) zurückzuführen. Im Grundmodell des IFRS 17, dem sogenannten Building Block Approach, wird der Gewinn bei Vertragsabschluss als separates Passivum angesetzt, um einen sonst entstehenden sofortigen Gewinnausweis zu vermeiden.

Aus der planmäßigen Auflösung der vertraglichen Servicemarge über die Laufzeit ergibt sich der Gewinn eines Versicherungsunternehmens. Gleichzeitig dient die vertragliche Servicemarge als Puffer, falls sich die versicherungsmathematischen Annahmen deutlich verschlechtern. Die vertragliche Servicemarge ist im Abschluss offenzulegen. Dadurch wird die Qualität eines Vertragsportfolios im Abschluss zukünftig völlig transparent dargestellt.

Die (Zins-)Volatilität aus der Abzinsung der Zahlungsströme mit aktuellen Zinssätzen kann die vertragliche Servicemarge allerdings nicht verhindern. Die daraus entstehende Volatilität in der Gewinn- und Verlustrechnung kann allerdings durch das Wahlrecht, die entsprechenden Effekte im sonstigen Ergebnis („OCI“) auszuweisen, kompensiert werden. Im OCI sind auch die Zinseffekte aus Forderungswertpapieren nach IFRS 9 auszuweisen. Es wird eine der Herausforderungen der Zukunft sein, die Volatilitäten auf Aktiv- und Passivseite so auszusteuern (oder auch nicht), dass dadurch in einzelnen Jahren in unterschiedlichen GuV-Zeilen auszuweisende Effekte sich auch in den gleichen Zeilen der GuV ausgleichen.

Ein wesentlicher Grund für die lange Genese des Standards war immer die Frage der Abbildung der Gewinnbeteiligung, nicht zuletzt da sich zwar alle Gewinnbeteiligungssysteme irgendwie ähneln, in letzter Konsequenz aber nie völlig gleich sind. Dies wurde nunmehr mit dem sogenannten „Variable Fee Approach“ (VFA) gelöst. Der Variable Fee Approach ist de facto ein Spezialfall des Grundmodells, bei dem die Contractual Servicemarge nicht starr, sondern aufgrund der Gewinnbeteiligung eben variabel ist. Auch hier gilt jedoch wieder die Feststellung betreffend der hohen Komplexität des Standards: Selbst wenn man sich seit 20 Jahren oder mehr mit der Bilanzierung von Versicherungsunternehmen auseinandergesetzt hat, ist der VFA alles andere als intuitiv verständlich.

Für Verträge mit einer Laufzeit von unter einem Jahr kann aus Vereinfachungsgründen auch der sogenannte Premium Allocation Approach verwendet werden. Für Verträge mit längerer Laufzeit gilt dies nur dann, wenn die Verwendung des Premium Allocation Approach zu einm Ergebnis führt, welches nicht materiell vom Building Block Approach abweicht. Der vereinfachte Ansatz entspricht in seinem Grundgedanken der bisherigen Bilanzierung in der Schaden und Unfallversicherung, in dem eine Art von Prämienübertrag gebildet wird. Jedoch gilt auch in diesem vereinfachten Modell, dass Schadenrückstellungen auf Basis eines Erwartungsbarwerts zuzüglich einer Risikomarge zu bilanzieren sind.

Einer der Entwürfe in den 17 Jahren schockte die Versicherungswelt durch den Vorschlag, in der Gewinn- und Verlustrechnung nur mehr Margen darzustellen. Diesbezüglich kann schon seit längerem Entwarnung gegeben werden. Die GuV einer Versicherung wird weiterhin mit einer Umsatzzeile beginnen. Dieser Umsatz wird allerdings nicht mehr der vorgeschriebenen Prämie entsprechen und demgemäß auch als Insurance Revenue und nicht als Prämie (oder wie bei unseren nördlichen Nachbarn als „Beitrag“) bezeichnet werden. Der wesentlichste Unterschied entsteht allerdings in der kapitalbildenden Lebensversicherung: Der Sparprämienanteil in der Lebensversicherung in IFRS 17 wird nicht mehr als Ertrag ausgewiesen, sondern wie bei einer Spareinlage direkt als Verbindlichkeit gebucht. Dadurch wird sich der Umsatz von Lebensversicherungsunternehmen auf einen Bruchteil des heutigen Prämienertrags reduzieren. Diese Vorgehensweise (als deposit accounting bezeichnet) gab es nach US-GAAP für mitteleuropäische Verträge bisher nur in der fonds- und indexgebundenen Lebensversicherung.

Ein weiterer wesentlicher Punkt betrifft die Frage, auf welcher Ebene Versicherungsverträge zu erfassen und bewerten sind – auf einzelvertraglicher Ebene oder auf der Ebene von Portfolios. Diese Frage war einer der letzten großen Diskussionspunkte zwischen der Versicherungswirtschaft und dem IASB. Der endgültige Standard sieht zwar vor, dass Verträge auf der Ebene von Portfolios abgebildet werden dürfen, wobei sich Portfolios dadurch auszeichnen, dass die darin enthaltenen Verträge ähnlichen Risiken ausgesetzt sind und gemeinsam verwaltet werden. Allerdings müssen diese Verträge mindestens in drei weitere Untergruppen aufgeteilt werden:

  1. Gruppe von Verträgen, die bereits bei Vertragsabschluss verlustbringend sind
  2. Gruppe, bei der es unwahrscheinlich ist, dass sie während der Laufzeit des Vertrages verlustbringend werden
  3. Verbleibende Gruppe

Weiters darf eine Gruppe maximal ein Produktionsjahr umfassen. Nach welchen Kriterien bei der Profitabilität der Verträge unterschieden werden muss (Geographie, erhöhte Risiken der Versicherungsnehmer, Rabatthöhe, Vertriebskanäle etc) wird im Standard (zu) wenig ausführlich dargestellt.

Alle diese Änderungen werden vermutlich deutliche Auswirkungen auf die Art und Weise haben, wie man den Erfolg eines Versicherungsunternehmens beurteilt. Die Bedeutung der Prämie als Volumensmaß wird in der Lebensversicherung vermutlich abnehmen. An ihre Stelle könnten Größen wie „assets under management“ treten. Gleichzeitig wird bei Vertragsabschluss langfristiger Lebensversicherungsverträge erkennbar sein, wie profitabel der Vertrag kalkuliert ist. In der heutigen Bilanzierungswelt ist nur klar, dass bei hohem Neugeschäft in der Lebensversicherung das Ergebnis negativ ist, einen Profitabilitätsindikator bietet lediglich der Embedded Value.

Im Premium Allocation Approach wird die Combined Ratio weiter ihre Berechtigung haben. Bei allen anderen Verträgen wird als Maßstab für die Profitabilität wiederum die vertragliche Servicemarge treten.

Ein Punkt blieb bis jetzt unerwähnt: Wie jeder IFRS muss auch der IFRS 17 retrospektiv angewendet werden. Das heißt, es muss so vorgegangen werden, als ob er schon immer angewandt worden wäre. Dies ist einerseits natürlich extrem aufwändig, da die vertragliche Servicemarge rückwirkend für ein im Jahr 1975 abgeschlossenes Krankenversicherungsportfolio aufgerollt werden muss. Andererseits stellt die CSM aus den in Vorjahren produzierten und zum Umstellungszeitpunkt noch bestehenden Verträgen die Gewinne der Zukunft dar. Somit zahlt es sich durchaus aus, Energie in die Aufrollung der Vergangenheit zu stecken, da dadurch das Ergebnis des ersten IFRS 17-Jahrzehnts massiv beeinflusst wird.

Was bleibt, wie es ist?

Im IFRS-Abschluss bleibt in der Tat eigentlich kein Stein auf dem anderen. Was allerdings sehr wahrscheinlich – zumindest in Österreich (und vermutlich Deutschland) – noch einige Zeit bestehen wird, ist der UGB- bzw HGB-Abschluss, da dieser auch als Ausschüttungsbasis dient und daraus abgeleitet die Steuerbilanz erstellt wird. Selbstverständlich bleibt uns auch die Solvenzbilanz als gesondertes Thema erhalten.

Wie viel Solvency II steckt in IFRS 17?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede zwischen beiden Rechenwerken, die dem Zweck von aufsichtsrechtlicher Solvabilität einerseits und externer Rechnungslegung als Information für den Kapitalmarkt andererseits geschuldet sind. Das Aufsichtsrecht dient in letzter Konsequenz der Sicherstellung, dass Versicherungsunternehmen den gegenüber ihren Versicherungsnehmern eingegangenen Verpflichtungen auch nachkommen können. Um dies zu tun, konzentriert sich die Säule 1 des Aufsichtsrechts ausschließlich auf die Solvenzbilanz und das Solvenzkapitalerfordernis. Die Frage, ob und wieviel Gewinn (oder Verlust) ein Versicherungsunternehmen macht, ist dabei von zweitrangiger Bedeutung. Für die externe Rechnungslegung ist aber die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens von zumindest gleichwertiger Bedeutung. Teilweise entsteht der Eindruck, dass dem Kapitalmarkt die Ertragslage am wichtigsten ist. An diesem Unterschied in der Zielsetzung lassen sich auch die wesentlichsten Unterschiede zwischen Solvency II und IFRS 17 festmachen:

Im Aufsichtsrecht gibt es schlicht und ergreifend keine GuV. Daher ist bzw war es bei der Entwicklung von Solvency II nicht weiter problematisch, dass de facto bei einer Bilanzierung nach Solvenzgrundsätzen der gesamte Gewinn bei Vertragsbeginn gemacht werden würde. Die GuV ist für IFRS 17 jedoch eigentlich fast der wichtigste Teil, da es bei der Frage der Ermittlung und Verteilung der vertraglichen Servicemarge ja letztlich eben vor allem darum geht, wie der Gewinn eines Vertragsportfolios über die Laufzeit des Vertrages verteilt wird.

Gemeinsamkeiten zwischen Solvency II und IFRS 17 sind:

  • Das Best Estimate Konzept bzw die Verwendung von diskontierten Erwartungswerten auch in Schaden/Unfall
  • Die explizite Berücksichtigung von Risikomargen
  • Die Berücksichtigung von Vertragslaufzeiten (contract boundaries)

Unterschiede zwischen den beiden Konzepten bestehen unter anderem:

  • beim zu verwendenden Diskontsatz
  • bei der Risikomarge, die nach IFRS 17 prinzipienorientiert definiert ist, während das Konzept im Aufsichtsrecht vorgegeben ist
  • beim Solvenzrecht (kennt keine vertragliche Servicemarge)

Was werden die Änderungen bewirken, für wen ist das relevant?

Viele Details von IFRS 17 werden sich dem nicht einschlägig vorgebildeten Bilanzleser aufgrund der hohen Komplexität des Standards nie erschließen. Das muss aber vermutlich gar nicht sein. Durch die Einführung der vertraglichen Servicemarge (CSM) und die dazugehörigen Anhangsangaben wird nicht nur die aktuelle Profitabilität im Abschluss dargestellt, sondern vor allem auch die zukünftige Profitabilität. Es scheint daher naheliegend, dass sich aus dem Standard auch zusätzliche neue Kennzahlen (CSM in Prozent der technischen Rückstellungen, neuproduzierte CSM in Prozent des Versicherungsertrags uvm) entwickeln werden.

Gleichzeitig steigt die Notwendigkeit, die Abläufe zu harmonisieren und aufeinander abzustimmen. Die Zahlungsströme, die bei der Errechnung des Barwerts der Best Estimates zu verwenden sind, werden sich zwischen Solvenzbilanz und IFRS 17 (abgesehen von eventuellen Unterschieden bei den Vertragsgrenzen) nicht unterscheiden. Somit wird es darum gehen, möglichst viele Schritte gemeinsam zu machen, nicht nur um effizient zu sein, sondern auch um zu verhindern, dass es Unterschiede zwischen Solvenzbilanz und IFRS-Abschluss gibt, die es nicht geben dürfte.

Um diesen zusätzlichen Herausforderungen gerecht zu werden, werden sich Buchhaltung und Aktuariat einander auch im Wissen der gegenseitigen Herausforderungen und Abläufe annähern müssen.

Ist das alles?

Die Frage legt die Antwort nahe: Leider nein! Der neue Bilanzierungsstandard für Finanzinstrumente IFRS 9 wird für Versicherungen zeitgleich mit dem IFRS 17 umzusetzen sein. Auch wenn der IFRS 9 für Versicherungen weniger Herausforderungen bereit hält als für Banken, ist der Aufwand noch immer mehr als hoch genug. Auch die Auswirkungen auf den IFRS-Abschluss werden nicht zu vernachlässigen sein:

  • Anteile an (nicht konsolidierungspflichtigen) Investmentfonds werden in Zukunft zum Zeitwert über die GuV zu bewerten sein.
  • Aktien werden entweder ebenfalls zum Zeitwert über die GuV zu bewerten sein oder nur mehr Dividenden werden über die GuV als Ertrag (und alles andere über das OCI) erfasst.
  • Schuldverschreibungen, die dem „SPPI“ (Solely Payment of Principle and Interest) Kriterium entsprechen, werden wie bisher als available for sale Instrument bilanziert. Alle anderen Schuldverschreibungen werden zum Zeitwert über die GuV bewertet.
  • Impairments von Forderungsinstrumenten werden nach den erwarteten Ausfällen (expected loss model) und nicht mehr nach den eingetreten Ausfällen gebucht.

Etwas geringere Auswirkungen sind durch die Einführung von IFRS 15 (Erlösrealisierung) und IFRS 16 (Leasing) zu erwarten. IFRS 15 könnte bei Assistance-Leistungen relevant sein. Mehr von Bedeutung könnte jedoch IFRS 16 werden: In Zukunft werden alle Leasing(Miet-)verträge zu einem Aktivum führen. Bei Versicherungen könnte das für Gebäudeleasing, IT Hardware-Leasing und ähnliche Bereiche relevant sein. IFRS 15 und 16 sind bereits ab 2018 anzuwenden.

Wie lange dauert die Umstellung, welche Dimensionen sind zu beachten?

Üblicherweise werden bei der Umstellung folgende Dimensionen von Relevanz sein:

  • Fachwissen
  • Daten, Systeme & Prozesse
  • Unternehmenssteuerung
  • Mitarbeiter
  • Projektmanagement

Wie geht es weiter?

Nächster Schritt ist das Endorsement des Standards durch die EU. Obwohl immer wieder Gerüchte aufkommen, dass einzelne Länder wie Frankreich oder England (in Zeiten des Brexit?) die Übernahme des Standards noch verhindern wollen, ist es wahrscheinlich, dass der Standard von der EU übernommen wird. Noch dazu ist mit dem Endorsement plangemäß nicht vor 2019 zu rechnen. Auf Basis des vom IASB verabschiedeten Standards werden Versicherungsunternehmen, die nach IFRS zu bilanzieren haben, spätestens den Konzernabschluss (in manchen EU Ländern auch den Jahresabschluss) 2021 auf Basis des neuen Standards zu erstellen haben. Zu ergänzen ist, dass ab dem Jahr 2018 bereits bestimmte betragliche Anhangsangaben nach IFRS 9 zu machen sind. Das klingt nach viel Zeit, in Anbetracht der Tatsache, dass dafür jedoch die Eröffnungsbilanz zum 1. Jänner 2020 erstellt werden muss, der IFRS 17 nicht die einzige rechnungslegungstechnische Herausforderung für Versicherungen ist (IFRS 9!) und 2017 schon fast vorbei ist, wurde der Standard gerade noch rechtzeitig veröffentlicht, um sich vernünftig darauf vorbereiten zu können.

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